FAZ 14.09.2026
18:58 Uhr

Prozess in Berlin: Wer gehört zu den „Daltons“?


In Berlin steht ein mutmaßliches Mitglied der „Daltons“ vor Gericht. Aber gehört er wirklich zu der türkischen „Gen-Z-Mafia“? Und warum ist es so schwierig, das zu ermitteln?

Prozess in Berlin: Wer gehört zu den „Daltons“?

„Wir sind die Daltons.“ Was dieser Satz bedeutet, versucht seit einer Woche ein Prozess am Berliner Amtsgericht Tiergarten aufzuklären. Es ist Montag, kurz nach neun Uhr, Saal A806. Der Angeklagte Ipek D. trägt ein graues Hemd, eine dunkle Anzughose und macht sich eifrig Notizen. Er soll den „Daltons“-Satz schon mehrmals gesagt haben, in unterschiedlichen Varianten, er soll damit eine „Drohwirkung“ ausgelöst haben. Auch das ist ein Grund, weshalb er seit einer Woche vor Gericht steht. Die Staatsanwaltschaft wirft Ipek D. vor, einen Mann, Y., im Januar erpresst zu haben. Der Angeklagte sei erstmals über einen Freund von Y. an diesen herangetreten. Über ihn habe er von Y. einen Betrag in Höhe von 200.000 Euro gefordert. Dabei soll D. gesagt haben, dass er zu den „Daltons“ gehöre. Beim Prozessauftakt am vergangenen Montag erzählte Y., dass die „Daltons“ ihm mehrfach gedroht hätten: „Wenn ich nicht zahle, schießen sie auf mich.“ Laut der Anklageschrift ging Y. nicht auf die Forderungen ein. Wenige Tage später, am 21. Januar 2026, habe D. zwischen 0.18 Uhr und ein Uhr mindestens einen Schuss auf einen Friseursalon in Berlin-Neukölln abgefeuert, in dem die Ehefrau von Y. arbeitet. Bei der Befragung habe Y. „ängstlich“ gewirkt D., der als Frau geboren und seit seiner Verhaftung Ende Januar dieses Jahres in einer Frauenjustizvollzugsanstalt untergebracht ist, hatte in seiner Einlassung vor Gericht den Fall anders dargestellt. Er sagte, er kenne Y. seit Jahren und habe auch für ihn gearbeitet. Als „Kokstaxifahrer“ habe er 20 Prozent von Y.s Erlösen bekommen. Die Freundschaft sei an einem Streit über Geld zerbrochen. Über Kontakte zu den „Daltons“ sagte Y. vor Gericht: „Ich habe null Verbindung zu den ‚Daltons‘.“ Hinter den „Daltons“ steckt eine gewaltbereite Mafiagruppe aus dem türkisch-kurdischen Kulturkreis. Fachleute sprechen schon von einer „Gen-Z-Mafia“, die sich vor allem in Nordrhein-Westfalen und Berlin ausbreitet. War oder ist D. ein Teil von ihr? Auch an diesem dritten Verhandlungstag in Berlin bleibt vieles widersprüchlich und offen – vor allem die Frage, wie festzustellen ist, dass eine Person Mitglied oder Anhänger der „Daltons“ ist. Ein Polizeibeamter ist an diesem Montag als Zeuge geladen, der an den Ermittlungen im Januar beteiligt war. Der Siebenundzwanzigjährige berichtet von einem Telefonat mit Y. Er habe ihm erzählt, dass er und seine schwangere Frau Angst hätten. Die „Daltons“ seien seit drei Wochen „hinter ihm her“. Dass die Gruppierung ihn verfolge, habe er aus seinem „nahen Umfeld“ erfahren. Namen wollte er aber nicht nennen. Insgesamt habe Y., so der Beamte weiter, „sehr ängstlich“ gewirkt. Verfolgt von einem unbekannten Mann? Auffällig sei eine Nachricht an Y. gewesen, die der türkischsprachige Beamte gesichtet hatte. Sie lautete: „Ich werde Emmo seine Mutter ficken.“ Emmo soll der Spitzname von Y. sein, eine Abkürzung von „Emmioğlu“, das im Türkischen für Cousin steht. Y. habe sich nicht erklären können, „wie er auf die Liste der Daltons gekommen ist“. Auch Y.s Ehefrau habe von Einschüchterungsversuchen berichtet. Sie habe beim Müllentsorgen und beim Einkaufen zweimal einen unbekannten Mann gesehen, der sich „suspekt“ verhalten haben soll. Eine weitere Polizeibeamtin bestätigt den Eindruck, den Y. gemacht habe. „Er war aufgeregt und emotional“, sagt sie. Die Neunundzwanzigjährige hat Y. drei Stunden lang vernommen. Er habe die Ereignisse sehr „konfus“ wiedergegeben. Y. habe auch Sorgen gehabt, die Polizei überhaupt zu involvieren, und habe das Gespräch schließlich abgebrochen. „Er hatte sehr große Angst vor dem Angeklagten und weiteren Personen.“ Der Name „Daltons“ sei Y. „ein Begriff gewesen“, sagt auch sie. D. soll laut Y.s Aussagen mit Mitgliedern der Gruppierung „bewaffnet“ auf den Straßen Berlins unterwegs gewesen sein. Y. habe gesagt, der Angeklagte habe damit „geprahlt“. Berliner Polizei sieht „ernst zu nehmende Herausforderung“ Der Berliner Polizei ist das Verfahren bekannt, wie Sprecher Florian Nath der F.A.Z. bestätigte. Im November 2025 wurde die beim Landeskriminalamt angesiedelte Sondereinheit „BAO Ferrum“ (Besondere Aufbauorganisation) gegründet, um die zunehmende Schusswaffengewalt in der Hauptstadt zu bekämpfen. Im Jahr 2015 gab es noch 80 „Schussabgaben“, 2025 waren es schon 515. Laut der Polizeilichen Kriminalstatistik 2025 haben Straftaten mit Schusswaffen in Berlin allein im Vergleich zu 2024 um 68 Prozent zugenommen. Laut Nath zeigen die Ermittlungen der Sondereinheit, dass „diese Gruppierung durch unterschiedliche Akteure in den Verfahren (Tatverdächtige und Geschädigte) regelmäßig Erwähnung findet“. Allerdings müsse differenziert werden: „Die Bezeichnung ‚Daltons‘ kann nicht automatisch mit einer klar abgegrenzten Organisation und einer festen Mitgliedschaft gleichgesetzt werden.“ Die Erwähnung der „Daltons“ diene teilweise der „Selbstdarstellung“ der Täter und deren Gruppierungen. So scheine der Begriff „Daltons“ eher als Sammelbezeichnung für junge türkische Männer zu dienen, als dass er sich auf reale Mitglieder dieser Gruppierung beziehe. Deshalb sei eine „belastbare statistische Einordnung und Quantifizierung von Straftaten zu dieser Gruppierung nicht möglich“. Zudem sei „kein einheitliches Rekrutierungsmuster“ erkennbar. Die Hintermänner verstecken sich im Ausland Laut Ermittlern auch aus anderen Bundesländern geht die Gruppierung wie folgt vor: Jugendliche und Teenager, ohne Ausbildung, ohne Beruf, besonders risikofreudig, lassen sich anwerben. Mithilfe der sozialen Medien werden sie von Bandenchefs rekrutiert: Sie versprechen ihnen Geld, eine Perspektive und Zugehörigkeit. Dafür beteiligen sich die jungen Männer an Waffenhandel, Drogengeschäften, Körperverletzungen und Auftragsmorden. Beispielsweise werden Geschäftsleute unter Druck gesetzt und bedroht. Wer den Forderungen der Erpresser nicht nachkommt, muss mit Konsequenzen rechnen. In Berlin kam es in den vergangenen Monaten vermehrt zu Schutzgelderpressungen. Täter gaben Schüsse auf Cafés, Fahrschulen, Restaurants oder Autowerkstätten ab. Während die Handlanger die Taten vor Ort umsetzen, verstecken sich die Hintermänner im Ausland – etwa in Griechenland, Italien oder Russland. Das Phänomen nennt Europol „Violence-as-a-Service“: Gewalt und Attentate werden outgesourct. In Schweden und den Niederlanden ist diese Form der Gewalt noch weiter verbreitet als hierzulande. Aber auch in Deutschland ist „Violence-as-a-Service“  laut der Berliner Polizei eine „ernst zu nehmende Herausforderung“. Deshalb tausche sich die Berliner Polizei auf nationaler und internationaler Ebene mit anderen Sicherheitsbehörden aus. „Insbesondere mit den Landeskriminalämtern der Länder, dem BKA und Europol werden Informationen und Ermittlungserkenntnisse regelmäßig abgeglichen.“ Am Donnerstag geht der Prozess gegen das mutmaßliche „Daltons“-Mitglied Ipek D. weiter.