FAZ 19.09.2026
08:56 Uhr

Prager IISS-Kongress: Wie „total“ soll unsere Verteidigung sein?


Europa gibt mehr Geld für Verteidigung aus. Aber wie nachhaltig sind diese Anstrengungen? Die Antwort von Experten: Vom Militär hängt das nicht allein ab.

Prager IISS-Kongress: Wie „total“ soll unsere Verteidigung sein?

Unter dem Eindruck des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine und der „hybriden“ Angriffe des Putin-Regimes auf Länder der EU sind die europäischen Verteidigungsausgaben enorm gestiegen. Nach Berechnungen der Londoner Denkfabrik IISS summieren sie sich in den europäischen NATO-Staaten auf rund 638 Milliarden US-Dollar (556 Milliarden Euro): mehr als das Doppelte gegenüber 2020. Mehr als ein Fünftel (22,1 Prozent) entfällt demnach auf Deutschland. Aber wird der Weg durchgehalten, angesichts wirtschaftlicher Unwägbarkeiten, budgetärer Engpässe und einer steigenden Unzufriedenheit in der Bevölkerung wegen der Energie- und Verbraucherpreise? Das ist eine der Fragen, denen sich die Tagung „IISS Prague Defense Summit 2026“ diese Woche gewidmet hat. Politiker, Diplomaten, Militärs und Vertreter der Rüstungsindustrie kamen dazu in der tschechischen Hauptstadt zusammen. „Ja“, beantwortete Matthew Whitaker, NATO-Botschafter der Vereinigten Staaten, die Frage. Allerdings mit dem Zusatz: „Wenn man sieht, was auf dem Spiel steht.“ Die USA drängen die europäischen Partner seit Jahren zu höheren Verteidigungsausgaben; nicht nur, aber mit extremem Nachdruck unter Präsident Donald Trump. 2025 verpflichtete sich das Bündnis auf dem Gipfel in Den Haag auf das Ziel, jährlich fünf Prozent für Verteidigung in einem weiten Sinn auszugeben. „Unsere Gegner spielen auf lange Zeit“ Allerdings gebe es Voraussetzungen, schränkte der US-Diplomat ein. „Wir müssen ehrlich mit unserer Öffentlichkeit sein über die Größe der Aufgaben und wie viel es kostet.“ Man müsse erklären, dass sonst später ein weit höherer Preis zu zahlen wäre. Zweitens müssten sich die Alliierten auf das konzentrieren, was die NATO wirklich brauche für ihre glaubhafte Verteidigung. Die Europäer müssten zusammenarbeiten, um ihre industrielle Basis weiter aufzubauen. Und schließlich: „Unsere Gegner spielen auf lange Zeit, das müssen wir auch.“ In diesem Zusammenhang rügte der amerikanische Vertreter die gastgebende tschechische Regierung: Es sei „enttäuschend“, dass Prag bei seinen Militärausgaben nicht mehr Fortschritt zeige. „Die Vereinigten Staaten bleiben dabei, jeden Inch des Territoriums der Allianz zu verteidigen, wir werden nicht zurückstehen. Aber unsere Verbündeten müssen mehr tun.“ Das betrifft freilich nicht nur die Tschechen. In Gesprächen hört man auch von Vertretern von der Iberischen Halbinsel, wie schwer es dort sei, der Bevölkerung die russische Bedrohung vor Augen zu führen. Dass der tschechische Ministerpräsident Andrej Babiš für die Botschaft Whitakers empfänglich ist, kann man bezweifeln. Im Gegenteil hatte er am Vortag seine Grußrede recht scharf mit dem Hinweis begonnen, er vermisse auf diesem und ähnlichen Kongressen, dass über Frieden statt Krieg geredet werde. Das waren Töne, die in diesem Publikum auf ziemlich starre Gesichter stießen. Um nichts anderes gehe es doch, wenn man sich zur Abschreckung rüste, war von einem schmallippigen US-General zu hören. Auf die Gesellschaft kommt es an Babiš aber machte auf dem Podium deutlich, dass er weiß, von wem er gewählt wurde und von wem nicht: „Die vorherige tschechische Regierung hat die Wahl verloren, weil sie vier Jahre lang über den Krieg in der Ukraine gesprochen hat. Wir haben die Wahl gewonnen, weil wir über die Bedürfnisse der Leute gesprochen haben.“ Es kommt also nicht (nur) auf Regierungen, NATO-Planungen, Militärs und Rüstungsplaner an, sondern auf die jeweilige Bevölkerung. „Mobilisierung ist nicht nur, Leute zum Dienst aufzurufen, sondern Gesellschaften dazu, fest zu bleiben“, sagte in dieser Erkenntnis der Vorsitzende des EU-Militärausschusses, der irische General Séan Clancy auf einem Podium, auf dem es um „Mobilisierung“ ging. Es gehe dabei nicht um eine Alternative zwischen Wehrpflicht oder Freiwilligendienst, sondern etwa darum, auch die Zivilisten zum Dienst am Gemeinwesen zu ermutigen – bis dahin, ausländischen Desinformationskampagnen zu widerstehen. In solcher „totalen Verteidigung“ seien die Länder Nordeuropas mit ihrer geographischen Nähe zu Russland ein Vorbild. „Es muss geplant, geübt, verstanden werden, bevor die Krise kommt“, sagte Clancy. „Das ist die Geisteshaltung, die wir in ganz Europa annehmen müssen.“ IISS-Chef Giegerich spricht von „Gesamtverteidigung“ Totale Verteidigung? Bei der Formulierung zuckt der deutsche Zuhörer zusammen. Man möge „total defence“ besser mit „Gesamtverteidigung“ übersetzen, assistiert IISS-Chef Bastian Giegerich. Was in der Sache freilich wenig Unterschied macht. „Wir in diesem Raum stimmen alle überein über die Notwendigkeit, in Sicherheit und Verteidigung zu investieren“, sagte Arnold Kammel vom österreichischen Verteidigungsministerium. „Aber ist das geteilt durch die Öffentlichkeit? Wenn ich in mein Land schaue, bin nicht sicher.“ Es sei sehr wichtig, wie die Botschaft kommuniziert werde: „Rausgehen, selbstkritisch über die Story sein, ob sie richtig für die Zielgruppe ist.“ Optimismus verströmte hingegen Benjamin Clayton vom britischen Verteidigungsministerium. Seit einem Vierteljahrhundert sei die europäische Industrie nicht mehr so auf Verteidigung ausgerichtet gewesen. Zudem: „Anders als eine einzeln herausragende Weltmacht, in der es keinen internen Widerspruch und keinen – nun ja – Mindestanspruch an Fakten gibt, ist Europa ständigem Widerspruch intern ausgesetzt.“ Das mache es stärker und schneller. Eine Sorge artikulierte aber auch der Brite: Das müsse beibehalten werden, auch dann, wenn in der Ukraine nicht mehr heiß gekämpft werden sollte. „Sonst gibt es einen Rückfall.“