FAZ 12.05.2026
16:13 Uhr

Pflegereform: Warken lobt Hilfsprojekt aus Hessen


Im Landkreis Bergstraße zeigen die „Paulas“, wie psychosoziale Fachkräfte Menschen frühzeitig unterstützen und Pflegebedürftigkeit hinauszögern können.

Pflegereform: Warken lobt Hilfsprojekt aus Hessen

Es ist der erste Tag der Eisheiligen, ein kühler Tag, an dem Nina Warken (CDU) Bürstadt besucht. Die Kleinstadt im Süden von Hessen gehört zum Landkreis Bergstraße. Warken möchte die „Paulas“ kennenlernen, eine Abkürzung, die für psychosoziale Fachkraft auf dem Land steht. Ihre Amtskollegin aus Hessen, Diana Stolz (CDU), hat das Projekt der „Paulas“ vor Jahren mit initiiert und will es Warken nun vorstellen. 444 Menschen aus dem Landkreis ist seit 2018 auf diese Weise geholfen worden. Die Bundesgesundheitsministerin will wissen, ob sich das Konzept auch bundesweit verwirklichen lässt. „Wir haben gemerkt, dass Menschen zum Beispiel Hausarzttermine ausmachen, obwohl sie keine Beschwerden haben. Sie waren einfach einsam“, sagt der Landrat des Landkreises Bergstraße, Christian Engelhardt (CDU). Er hat das Projekt gemeinsam mit Stolz erarbeitet und stellt es an diesem Montagnachmittag im Begegnungszentrum Mittendrin vor. In dem mehrzweckähnlichen Raum zeigt Engelhardt auf die Hauptperson des Tages: „Seit acht Jahren können die Bürger Christina Adler-Schäfer anrufen, eine unserer Paulas.“ Adler-Schäfer (60) ist Psychologin und arbeitet seit vier Jahren als PauLa. „Eine große Schwierigkeit ist, dass viele Menschen gar nicht wissen, an wen sie sich mit ihren Problemen wenden können“, erzählt Adler-Schäfer. Das kann die Einsamkeit nach dem Tod des Partners sein, der Umgang mit digitalen Geräten, die für Bankgeschäfte notwendig sind, oder die Vermittlung einer Haushaltshilfe. „Wir arbeiten vermittelnd. Nachdem wir unseren Klienten psychologischen Halt gegeben haben, vermitteln wir sie an die zuständigen Bereiche.“ Das funktioniere niedrigschwellig und unbürokratisch. Wer anruft, erreicht direkt eine der Unterstützerinnen. Zu diesem Netzwerk gehören Wohlfahrtsverbände, Kirchen und Ehrenamtliche. Besonders wichtig seien dabei die Nachbarschaftshelfer. Sie helfen im Alltag beim Einkaufen oder Wäschewaschen. Gerade im ländlichen Raum funktioniere das Konzept gut, weil viele ältere Menschen dort isolierter lebten und Unterstützungsangebote schwerer erreichbar seien, berichtet Adler-Schäfer. „Ich weiß nicht, was ohne Frau Adler-Schäfer gewesen wäre“ Das Ziel des Projekts ist es, Menschen möglichst lange ein selbständiges Leben in den eigenen vier Wänden zu ermöglichen. Denn je länger das gelingt, desto später wird auch das Pflegesystem beansprucht. Das Projekt wird vom Land Hessen und den beteiligten Kommunen finanziert. Im Fokus stehen dabei die Angehörigen. Denn gerade sie stehen unter enormem Druck: 86 Prozent der Pflegebedürftigen in Hessen werden zu Hause versorgt. Genau deshalb ist das Konzept der „Paulas“ auch für die Bundesgesundheitsministerin interessant, weil es exakt den Punkt treffe, an dem sie ansetzen wolle: bei der Prävention. Auch Warken möchte durch die geplante Pflegereform die Angehörigen mehr als bisher unterstützen, um eine Pflege im Heim so lange wie möglich hinauszuzögern. Nun ist Warken nicht extra nach Bürstadt gefahren, um sich das Projekt nur in der Theorie anzuhören: Nach der Vorstellung des Projekts besucht sie gemeinsam mit Diana Stolz eine ehemalige Klientin von Adler-Schäfer. Brigitte Fättel lebt mit ihrem Mann nur wenige Straßen vom Begegnungszentrum entfernt in einem Reihenhaus. Im kleinen Wohnzimmer nimmt ein Pflegebett viel Raum ein, daneben steht ein Tisch mit Medikamentenschachteln. Fättels Mann Hans sitzt zusammengesunken auf einem Sofa. Schultern und Kopf hängen nach unten. Trotzdem zeichnet sich ein Lächeln in seinem Gesicht ab: Offenbar freut er sich über den ungewöhnlich großen Besuch. „Das hat man auch nicht alle Tage, zwei Gesundheitsministerinnen im eigenen Wohnzimmer“, sagt Brigitte Fättel und lacht. Vor drei Jahren ist ihr Mann an Corona erkrankt. Schon damals war Hans Fättel dement, doch nach der Infektion verschlechterte sich sein Zustand erheblich. „Wir hatten einen Pflegedienst, der zweimal am Tag vorbeikam. Den Rest übernahm ich“, sagt sie. Es sei ihr aber alles irgendwann zu viel geworden, und sie habe sich schweren Herzens nach Heimen umgesehen. Warken sieht im Ansatz der „Paulas“ viel Potential Bei einem Seniorentreff war sie Christina Adler-Schäfer begegnet, die sich ihre Situation schildern ließ und ihr schließlich zwei Nachbarschaftshelfer vermittelte. „Ich weiß nicht, was ich ohne Frau Adler-Schäfer getan hätte“, sagt Fättel. Vor allem aber habe sie gelernt, sich helfen zu lassen. „Oft ist das schon die erste Hürde“, sagt sie. Für Diana Stolz ist der Termin etwas Besonderes: „Wir wussten anhand der Zahlen, wie erfolgreich das Projekt ist. Aber Gesichter hinter diesen Zahlen zu sehen, ist natürlich etwas ganz anderes.“ Auch Warken bekennt, dass Politiker nicht immer die Auswirkungen ihrer Entscheidungen auf den Alltag der Menschen miterleben können. Eins zu eins lasse sich das Konzept der „Paulas“ zwar nicht auf städtische Räume übertragen, sagt sie. „Aber den Anspruch, Menschen schon viel früher präventiv zu helfen, den wollen wir mit nach Berlin nehmen.“ Zum Start des Projekts 2019 gab es erst 14 „Paulas“ in Hessen, inzwischen sind es 91. „Wenn allein im Landkreis Bergstraße bereits 444 Menschen geholfen wurde, zeigt das, welches Potential darin steckt“, sagt Diana Stolz.