Vier Jahrzehnte lang wurden Computer auf die gleiche Weise bedient: Programme geöffnet, geklickt und getippt. Auch die Künstliche Intelligenz hat daran wenig geändert. Auch ChatGPT blieb ein Fenster, in das Nutzer ihre Fragen tippten. Mit den „Dots“, die Open AI nun in San Francisco vorgestellt hat, endet diese Logik. Ein Dot ist ein Agent mit eigenem Rechner in der Cloud, eigenem Browser und Zugang zu mehr als 4000 Anwendungen. Er arbeitet rund um die Uhr, auch wenn der Laptop zugeklappt ist, und meldet sich über Slack, Teams oder per Anruf, wenn er eine Freigabe braucht. Aus dem Anwender einer Software wird so der Vorgesetzte eines digitalen Mitarbeiters. Die Zielgruppe ist aber zunächst nicht der Massenmarkt, obwohl Open AI inzwischen 1,2 Milliarden Nutzer je Woche hat. Während der Wettbewerber Meta mit seinem Agenten Muse seit drei Wochen recht erfolgreich auf private Verbraucher zielt, richtet sich Open AI mit den Dots an professionelle Entwickler, Wissensarbeiter und mit den „Specialist Dots“ an Unternehmen. Denn ihren eigentlichen Zweck erfüllen die Dots erst im Verbund mit zwei weiteren Neuheiten. ChatGPT Space ist ein gemeinsamer Arbeitsraum, in dem Kollegen, ChatGPT und der eigene Dot auf demselben Wissen aufbauen. In den dazugehörigen Pages lassen sich Texte, Grafiken und Checklisten auf interaktiven Seiten kombinieren, die Open AI eigens für die Zusammenarbeit von Menschen und Agenten entwickelt hat. Angriff auf die Bürosoftware Open AI will mit den „Dots“ die Arbeitsteilung zwischen Mensch und Maschine ändern. Die Agenten erledigen die Arbeit im Hintergrund, der Mensch prüft das Ergebnis und entscheidet. Ein Dokument geht dann nicht mehr als fertige Fassung per E-Mail herum. Es bleibt ein laufender Arbeitsstand, an dem beide gemeinsam schreiben. Die Dots nutzen dafür Open AIs fortgeschrittenes Modell GPT-6 Astra und können Projekte steuern, während diese sich weiterentwickeln. Sie aktualisieren etwa selbständig ein Vertriebsangebot, wenn sich die Anforderungen eines Kunden ändern. „Das ist jetzt die echte Version der KI, die wir uns selbst immer vorgestellt haben“, sagte Vorstandschef Sam Altman. Für Microsoft 365 und Google Workspace ist das eine offene Kampfansage. Open AI will die Arbeit aus der Bürosoftware herausholen und in die eigenen Anwendungen verlagern. Unternehmen müssten dafür allerdings ihre Dokumente aus gewachsenen Systemen herauslösen, doch diese Wechselkosten hat bisher noch kein Angreifer auf die Office-Welt überwunden. Für Open AI spricht der Vorsprung bei den Modellen, und vor einem Börsengang käme dem Unternehmen ein Erfolg gelegen. Meta zielt auf den Alltag Meta verfolgt mit Muse einen anderen Ansatz. Der Agent beantwortet E-Mails, stimmt Termine ab, sucht Flüge und Hotels heraus und verhandelt auf Facebook Marketplace mit privaten Verkäufern. Bevor er eine Nachricht verschickt oder etwas kauft, holt er die Zustimmung des Nutzers ein. Seit gut einer Woche führt Muse die Liste der kostenlosen Apps in Apples App Store an, nach Schätzungen des Marktforschers Sensor Tower wurde er rund 3,4 Millionen Mal heruntergeladen. Mit dem Anhänger Charm, der im Dezember ausgeliefert werden soll, kommt Meta zudem Open AI zuvor, dessen eigenes KI-Gerät nicht vor Ende Februar 2027 erscheinen soll. In Deutschland und den übrigen EU-Staaten ist Muse allerdings bislang nicht verfügbar. Seit dem Start von Muse hat die Aktie des Konzerns rund ein Viertel an Wert gewonnen, obwohl der Agent noch keinen messbaren Umsatz bringt. Der Kursgewinn gilt auch einem Wandel des Geschäftsmodells. Ein Agent, der für seinen Nutzer das günstigste Angebot sucht und bestellt, schaut sich keine Anzeigen an. Meta will deshalb an den Käufen verdienen, die Muse auslöst, und dafür von den Händlern eine kleine Gebühr verlangen. Schnelles Wachstum ist entscheidend für Open AIs Pläne, Dutzende Milliarden Dollar in KI-Rechenzentren zu investieren und mit Wettbewerbern wie Anthropic und Meta Schritt zu halten. Das Unternehmen, das Ende 2022 mit ChatGPT den KI-Boom ausgelöst hatte, bereitet einen Börsengang vor, bei dem es mit mehr als einer Billion Dollar bewertet werden könnte. Der Börsengang muss warten Open AI lässt sich allerdings Zeit. Den Börsengang hat das Unternehmen auf das kommende Jahr verschoben. Vorstandschef Sam Altman begründete das am Dienstag im Interview mit Bloomberg TV mit dem „neuen Niveau“ der KI-Leistungsfähigkeit und den höheren Sicherheitsanforderungen, die damit einhergehen. „Wir wollen einfach erst einmal festen Boden unter den Füßen bekommen und sicherstellen, dass wir verstehen, wie wir auf diese neue Weise arbeiten können“, sagte Altman. Einige der anstehenden Entscheidungen wolle Open AI ohne den Druck eines frisch börsennotierten Unternehmens treffen. Erst in dieser Woche hatte das Unternehmen die Pläne für eine Version GPT-6.1 seines Spitzenmodells Astra verworfen. Statt an die Börse zu gehen, verhandelt Open AI nach Angaben von Bloomberg über eine Überbrückungsrunde von mindestens 30 Milliarden Dollar bei einer Bewertung von rund 1,4 Billionen Dollar. Altman glaubt, dass die Investoren geduldig sein werden. „Wir werden irgendwann an die Börse gehen.“
