Zurück nach München/Kiel, ganz nostalgisch in die kuschelige (westdeutsche) Bundesrepublik der Siebzigerjahre. Wie schön. Damals, zu meiner Zeit, herrschte Aufbruchstimmung im Land. Eine Bildungsoffensive öffnete weiten Teilen der Bevölkerung, insbesondere den Frauen, neue Perspektiven und Aufstiegschancen. Das Wirtschaftswunder hatte nicht nur den Wiederaufbau der Infrastruktur ermöglicht, mit dem Goldenen Plan der Deutschen Olympischen Gesellschaft von 1959 war auch eine beispiellose Entwicklung der Sportstätten in Gang gesetzt worden. Da kamen Olympische Spiele und Trimm-Dich-Bewegung gerade recht. Alles hatte noch seine Ordnung, selbst wenn der Club of Rome schon den Klimawandel an die Wand malte und Terroristen mit Brandanschlägen und Flugzeugentführungen ihr Unwesen trieben. Es ging voran, die Stimmung war gut, man schaute optimistisch in die Zukunft. Heitere Spiele sollten es werden, 1972, so heiter, dass die damit einhergehende Sorglosigkeit zu einem tragischen Ende führte. Nun soll es also endlich wieder klappen mit der Gastgeberrolle für das größte Sportereignis der Welt. Wieder München und Kiel – in einer anderen Zeit, einer anderen Welt. Bei manchen Plädoyers für die deutsche Bewerbung um Olympische und Paralympische Sommerspiele hört es sich so an, als wolle sich das Land (oder nur der Sport?) am eigenen Zopf aus dem Sumpf ziehen: Ob marode Sportstätten, bröckelnde Infrastruktur, Bürokratie, demographische Herausforderungen, Pisa-Schock, Hitzewelle, Werksschließungen, Fachkräftemangel – Olympia als große Chance, das Land in Bewegung zu bringen. Wesentliche Lücken Die Beschwörungen, die es dazu in den vergangenen Monaten und bei der außerordentlichen Mitgliederversammlung des Deutschen Olympischen Sportbundes am Samstag in Baden-Baden gab, klingen noch im Ohr. Ja, es ist möglich, schon die Bewerbung kann als Impuls und Katalysator wirken. Aber eins muss allen klar sein: Wir haben viel Arbeit vor uns. Während die internationalen Kandidaten für Olympische und Paralympische Sommerspiele 2036/40/44 längst an den konkreten Konzepten feilen, fangen der DOSB und die Stadt München nach der nationalen Auswahlentscheidung erst richtig damit an. Die im innerdeutschen Wettstreit präsentierten Vorschläge, auch diejenigen der Münchner, enthielten noch wesentliche Lücken. So betont der Evaluierungsbericht den „bislang starken regionalen Fokus“ und sieht die Notwendigkeit einer „nationalen Vision“, die den „Mehrwert als auch die Begeisterung für die Spiele in Gesamtdeutschland deutlicher spürbar“ macht. Zu ergänzen sei auch eine „internationale Storyline“. Weitgehend im Dunkeln bleiben bislang die konkreten Kosten und deren Finanzierung. Eine „Beschlussfassung … für das finale Bewerbungskonzept für Olympische und Paralympische Spiele in Deutschland“, wie es in der Evaluierung heißt, gab es bei der außerordentlichen Mitgliederversammlung des DOSB also gerade nicht. Das in Baden-Baden siegesgewiss vorgetragene Münchner „Mia san Olympia“ muss erst noch unterfüttert werden und sich im olympischen Geist beweisen. Allein auf die Vergangenheit zu bauen und dabei im kurzen Bewerbungsfilm nur die positiven Aspekte der Spiele 1972 herauszustellen, reicht nicht aus. 1972, 1936 - Deutschland hat an Olympia etwas gutzumachen. Sind wir dem gewachsen? Say their names David Berger – Seew Friedmann – Josef Gutfreund – Eliser Halfin – Josef Romano – Amizur Shapira – Kehat Shorr – Mark Slavin – Andre Spitzer – Jaakow Springer – Mosche Weinberger: die Mitglieder der israelischen Olympiamannschaft 1972 wurden am 5. September 1972 beim Attentat durch palästinensische Terroristen ermordet, der deutsche Polizist Anton Fliegerbauer starb im Schusswechsel beim dilettantischen Befreiungsversuch auf dem Militärflughafen Fürstenfeldbruck. Gretel Bergmann – Helene Mayer – Johann Trollmann – Allan Muhr – Alfred und Gustav Flatow – und viele andere Gesichter des Sports, die vom nationalsozialistischen Deutschland ausgeschlossen, schikaniert oder ermordet wurden. Wieder auflebender Antisemitismus, von rechts wie von links, und der propagandistische Missbrauch der Spiele 1936 sind nicht nur ein Berliner Thema, sondern das einer jeden deutschen Stadt. Aktiv, aber mit Demut Die Auseinandersetzung mit den Spielen 1936 kann sich nicht darin erschöpfen, nun besonders vehement gegen heutige politische Vereinnahmungen des Sports und von Athletinnen und Athleten vorzugehen. Der DOSB und die deutsche Politik täten gut daran, sich – abgeleitet aus der eigenen Geschichte und Gegenwart – aktiv, aber mit Demut, an der Debatte über die Rolle des internationalen Sports und seiner großen Events in der aktuellen geopolitischen Lage zu beteiligen. Wie kann die neuerdings in der Olympischen Charta verankerte „Neutralität“ umgesetzt werden, um die völkerverbindende Funktion des Sports zu sichern? Eine deutsche Olympia-Bewerbung, während in Europa ein brutaler Krieg tobt, für Olympische Spiele 20XX in – hoffentlich – einem Nachkriegs-Europa muss darauf eine Antwort geben. Nur mit „Russland raus“ ist es langfristig nicht getan, wenn man doch davon ausgehen kann, dass bei den Paralympics 2036/40/44 Kriegsversehrte aus der Ukraine und Russland an den Start gehen werden. Ein Balanceakt Deutschlands internationale Glaubwürdigkeit verlangt zudem im Hinblick auf die Situation im Nahen Osten einen Balanceakt, der – ohne die Solidarität mit Israel infrage zu stellen – jeglichen Eindruck von Doppelmoral vermeidet. Verständnis für außereuropäische Realitäten und Sichtweisen sind unerlässlich, um die Herausforderungen des IOC – und damit zugleich die der Bewerbung – richtig einordnen zu können. Ein „gemeinschaftliches Ziel“, „sich was zutrauen“, „stolz sein“ auf ein „wunderbares Land“, „von Ost bis West und Nord bis Süd“ – es waren hehre Worte, die aus Politik, Wirtschaft und Sport in Baden-Baden zu hören waren. Besonders wichtig war das Bekenntnis der unterlegenen bzw. zuvor schon ausgeschiedenen Mitbewerber Hamburg, Berlin, KölnRheinRuhr, sich nun hinter dem erfolgreichen Konkurrenten zu versammeln. Eine Aktion auch weiterer deutscher Städte, München zu unterstützen und zugleich von dortiger Dynamik zu profitieren, könnte Kirchturmdenken überwinden helfen und Synergien schaffen. Der Koalitionsvertrag im Frankfurter Römer enthält bereits eine Selbstverpflichtung, die Bewerbung des DOSB voranzubringen. Schließlich steht bei Olympischen Spielen eine Stadt im Mittelpunkt, auch wenn in Baden-Baden eher die Ministerpräsidenten hofiert wurden. Das erst noch zu entwerfende Design der Münchner Bewerbung muss also die Stadt der Zukunft in den Blick nehmen, ohne dabei die ländlichen Regionen aus den Augen zu verlieren. Die Transformation in Deutschland ist mit der vom IOC bereits eingeleiteten Transformation der Olympischen und Paralympischen Spiele zu verbinden – die Spiele 20XX werden anders sein als Paris 2024. Insofern sind die bisherigen Münchner Planungen nur der Ausgangspunkt für ein flexibles Konzept unter Einbeziehung künftiger Entwicklungen. Unverzichtbar bei einem zukunftsfähigen Design ist Teilhabe, die nicht auf Wirtschaft und Sport beschränkt werden darf – Kirchen, Gewerkschaften, Kultur und weite Teile der Zivilgesellschaft waren in Baden-Baden nicht sichtbar. Hier muss schleunigst nachgebessert werden, wenn eine bundesweite Begeisterung auch eine längere Bewerbungsphase – Vergabe mit 7 Jahren Vorlauf, also 2029, 2033 oder gar erst 2037 – tragen soll. Dies ist umso wichtiger, als der Verzicht Berlins international als Schwächung gesehen werden könnte. Im Münchner Bewerbungsfilm träumt ein Kind von seinem Olympiastart 20XX. Ich träume für meine Enkelinnen nicht von olympischen Ambitionen, sondern von einem Land, das den olympischen Funken aus Baden-Baden nutzt, um als ein wiedervereintes zu sich selbst zu finden. Erst wenn Deutschland die Spiele nicht mehr braucht, um zukunftsfähig zu werden, wird die Bewerbung auch international überzeugen. Das wäre ein versöhnlicher Abschluss der bislang unvollendeten Spiele von 1972. Die Chance ist da – es liegt an uns allen. Sylvia Schenk hat 1972 im 800-Meter-Lauf an den Olympischen Spielen von München teilgenommen. Sie ist Rechtsanwältin, arbeitete als Arbeitsrichterin und war Präsidentin des Bundes Deutscher Radfahrer. Sie gehört als unabhängiges Mitglied dem Menschenrechtskomitee des IOC an.
