FAZ 11.08.2026
10:16 Uhr

O'Neill gegen Burnham: Vermögensteuer sorgt für Krach in britischer Regierung


Ein wichtiger Berater des neuen britischen Premiers stellt sich quer. Lord O’Neill, früher Chefvolkswirt von Goldman Sachs, hält nichts von einer Vermögensteuer und droht schon mit Rücktritt.

O'Neill gegen Burnham: Vermögensteuer sorgt für Krach in britischer Regierung

Bislang hält der britische Premierminister Andy Burnham sich bedeckt, wie er Wahlversprechen finanzieren und absehbare Haushaltslöcher stopfen will. Doch klar ist, dass die Haushaltslage Großbritanniens angespannt ist. Eine Reihe von linken Labour-Abgeordneten wirbt daher schon länger für die Einführung einer Vermögensteuer. Burnham selbst zeigte sich nicht ganz abgeneigt. Er forderte „mehr Fairness“ in der Besteuerung, nannte es aber „eine schwierige Entscheidung“. Nun wird deutlich, dass einer seiner wichtigsten Wirtschaftsberater sich in der Frage einer Vermögensteuer querstellen wird: Jim O’Neill, der frühere Chefvolkswirt der Investmentbank Goldman Sachs, wurde berühmt, als er die Bezeichnung „BRICS“ für die größten Schwellenländer Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika prägte. Seit seiner Berufung ins Oberhaus wird der parteilose Ökonom offiziell Baron O’Neill von Gatley genannt. Ihn hatte der Labour-Premierminister eingeladen, die Regierung in ihrer finanz- und wirtschaftspolitischen Strategie zu beraten. Das sollte auch ein beruhigendes Signal an verunsicherte Finanzmarktinvestoren sein. Viele blicken mit Sorge auf die hohe Verschuldung des Königreichs. Doch schon nach kurzer Zeit knirscht es zwischen der Burnham-Riege und dem bekannten Ökonomen. O’Neill hat deutlich gemacht, dass er eine Vermögensteuer strikt ablehnt. Er fürchtet, dass eine solche Steuer Investoren davon abhalten könnte, in Großbritannien Kapital zu investieren. Das Aufkommen wäre gering, die negativen Folgen seien indes groß, meint der renommierte Ökonom, der auch schon mal Unterstaatssekretär im Schatzamt war. Nach einem Bericht der Zeitung „Times“ soll O’Neill sogar mit Rücktritt gedroht haben, noch bevor er formell berufen wurde, falls die Regierung Burnham mit einer Vermögensteuer Ernst macht. Linke Labour-Abgeordnete fordern zwei Prozent Steuer Seine strikte Ablehnung begründet O’Neill auch mit seinen Erfahrungen als Risikokapitalgeber. Die Venture-Capital-Szene würde abgeschreckt, wenn sie auf erfolgreiche Investments auch noch höhere Steuern zahlen müsse. Der 69 Jahre alte Ökonom ist gemäß dem Register des House of Lords selbst an 70 Aktiengesellschaften beteiligt, darunter mehreren Risikokapitalgesellschaften im Bereich Wissenschaften und Technik. Übernähme er offiziell den Beraterposten in der Regierung, müsste er Aufsichtsratsmandate aufgeben und alle Beteiligungen in eine Treuhandgesellschaft überführen. Damit verlöre er die aktive Kontrolle darüber. In der Labour-Partei dringen zahlreiche Politiker und Berater auf eine stärkere Besteuerung von Vermögenden. Ein radikaler Vorschlag, den die Organisationen Oxfam und Tax Justice UK unterstützen, sähe eine Abgabe von zwei Prozent auf alle Vermögenswerte von mehr als zehn Millionen Pfund vor. Eine solche Steuer könnte dem Fiskus nach ihren Berechnungen 24 Milliarden Pfund im Jahr einbringen. Doch die Labour-Regierung hat schon mit anderen Steuererhöhungen gemischte Erfahrungen gemacht. Nachdem die vorteilhafte Steuerregel für „Non Dom“-Ausländer 2024 abgeschafft und die Erbschaftsteuer verschärft wurde, kam es zu einer Wegzugswelle von Reichen. Mehrere Tausend Multimillionäre und einige Milliardäre haben das Vereinigte Königreich seither verlassen. Der neue Finanzminister John Healey steht mit seinem Budget absehbar vor größeren Löchern, da die Konjunktur schwach bleibt und mehrere Ausgabenposten steigen sollen. Allein für Verteidigungsversprechen fehlen annähernd fünf Milliarden Pfund. Burnham hat in seinen ersten Tagen als Premierminister zudem die Mehrwertsteuer auf Strom für Privathaushalte temporär abgeschafft, die Steuern für Pubs gesenkt und mehr Geld für den Kampf gegen Obdachlosigkeit versprochen. Zugleich soll es bei Labours Wahlversprechen bleiben, dass weder Mehrwertsteuer noch Einkommensteuer oder Sozialversicherungsabgaben erhöht werden. Burnham bekannte sich zu den Schulden- und Defizitregeln. Das schränkt den Spielraum für Neuverschuldung ein. Auf Schatzkanzler Healey wartet eine schwierige Aufgabe, wenn er bis Ende Oktober seinen ersten Haushaltsplan zimmern muss.