Viel Zeit zum Nachdenken hatte Michael Ralla noch nicht. Seit die kalifornische Filmakademie den Spezialeffekte-Künstler aus Achern im Schwarzwald Ende Januar für die Arbeit an Ryan Cooglers „Blood & Sinners“ auf die Liste der Oscar-Kandidaten setzte, jagt ein Termin den nächsten. „Die vergangenen Wochen waren surreal. Auf welchem Level wir uns bewegen, wurde mir eigentlich erst vor ein paar Tagen klar, als wir mit John Dykstra, dem Titan unserer Branche, bei dem Abendessen der Nominierten an einem Tisch saßen“, sagt Ralla. Auch der Sechsundvierzigjährige, der vor 15 Jahren über Australien nach Los Angeles kam, gehört nach Filmen wie „The Avengers“, „John Wick: Kapitel 4“ und „Black Panther: Wakanda Forever“ zu Hollywoods bekanntesten Künstlern für visuelle Effekte. Für „Blood & Sinners“ überlegte er sich etwas Besonderes, sagt Ralla am Samstag im Wende Museum in Culver City während des traditionellen Empfangs der Villa Aurora vor den Oscars. Um Michael B. Jordan in der Doppelrolle als Zwillingsbrüder Smoke und Stack auch in Szenen mit Körperkontakt identisch aussehen zu lassen, entwickelte er den „halo rig“. Das Gestell, das Ralla Jordan um Kopf und Schulter legte, wurde mit bis zu zwölf Kameras bestückt und filmte jeden Gesichtsausdruck und jede Kopfbewegung. Welcher Film als Favorit gilt, beeindruckt ihn kaum Die Aufnahmen legten Ralla und sein Team anschließend auf den Kopf eines Körperdoubles. „Das ,German engineering‘ hat Ryan schwer beeindruckt“, sagt Ralla, ein Absolvent der Hochschule der Medien in Stuttgart. Bei den Oscars in der Nacht zu Montag ist „Blood & Sinners“, ein Mix aus Horror, Vampiren und Rassentrennung der Jim-Crow-Ära, für 16 Trophäen nominiert – mehr als jeder andere Film in der fast 100 Jahre langen Geschichte der Oscars. Dass James Camerons Science-Fiction-Film „Avatar: Feuer und Asche“ in der Kategorie Visuelle Effekte als Favorit gilt, beeindruckt Ralla kaum. „In unserer Kategorie gibt es immer wieder Überraschungserfolge“, erinnert er an Alex Garlands „Ex Machina“ vor zehn Jahren. An einer Dankesrede feilt Ralla, seit seine Mitnominierten Guido Wolter, Espen Nordahl und Donnie Dean ihn für den Fall des Sieges über „Avatar“ als Vertreter bestimmt haben. Lynette Howell Taylor, die Vorsitzende der Academy of Motion Picture Arts and Sciences (AMPAS), hatte alle Nominierten aufgefordert, etwas vorzubereiten. „Sie hat uns auch aufgetragen, unter keinen Umständen mit dem Satz ,Ich habe das nicht erwartet‘ zu beginnen“, lacht Ralla. „Und sie hat recht: Wir sind schließlich einer von fünf Kandidaten für den Oscar.“ Ein maßgeschneiderter Anzug Dass Coogler, ein schwarzer Drehbuchautor, Regisseur und Produzent, ihn als weißen Einwanderer zu der Arbeit an „Blood & Sinners“ einlud, kann er sich als Thema seiner Dankesrede vorstellen. „Diversität macht Amerika zu einem großartigen Land. Einwanderung spielt hier immer noch eine wichtige Rolle“, sagt Ralla. Auch modisch bereitet er sich vor. Den Anzug aus seinem Abiturjahr 1999, den er in der Vergangenheit auf roten Teppichen trug, hat Ralla für die Oscar-Nacht durch eine maßgeschneiderte Version ersetzt. „Die Vorbereitungen auf die Oscars sind schlimmer, als einen Film fertigzustellen“, meint auch der mit ihm nominierte Wolter. „Ohne Visagistin geht auf dem roten Teppich nichts.“ Wie Ralla erinnert sich der gebürtige Dessauer an die ungewöhnliche Arbeit an „Blood & Sinners“. Es fing schon bei der Beschreibung von Cooglers Film an: Vampire, Südstaatenhistorie und so viel Blues, dass sich Wolter an ein Musical erinnert fühlte. Auch Cooglers Idee, „Blood & Sinners“ klassisch zu filmen, löste bei den Mitarbeitern seines Unternehmens Rising Sun Pictures in Australien Verwunderung aus. „Das hatte ich schon seit ‚Tribute von Panem‘ 2013 nicht mehr gemacht. Den jüngeren Kollegen musste ich zeigen, wie man Staubpartikel von Film entfernt. Wir hatten richtig Spaß“, sagt der Fünfundvierzigjährige. „Die Bilder strahlten etwas ganz Eigenes aus“ Die Frage nach dem Sinn der eher aufwendigen Technik beantworteten die ersten Bilder, die ihm die Kamerafrau Autumn Durald Arkapaw einige Monate später nach Adelaide schickte. „Es war sofort klar, warum wir den Aufwand betrieben haben. Die Bilder strahlten etwas ganz Eigenes aus“, sagt Wolter. An den fast 1000 Aufnahmen mit visuellen Effekten arbeiteten Wolter, Ralla und ihre Mitnominierten später fast eineinhalb Jahre lang. Auch die Produzenten Janine Jackowski und Jonas Dornbach erinnern sich bei französischem Rosé im Garten des Wende Museum an eine „lange Reise“. Bevor das Familiendrama „Sentimental Value“ Ende Januar von der AMPAS für unerwartete neun Oscars nominiert wurde, mussten sie sich mit norwegischen, schwedischen, dänischen und britischen Produktionsgesellschaften abstimmen sowie Aufgaben verteilen und Drehorte besprechen. „Als Komplizen Film haben wir schließlich Filmmusik und Postproduktion übernommen“, sagt Dornbach. „Es war Wahnsinn. Alle haben gejubelt“ Es scheiterte an den Kosten, einige Szenen mit den skandinavischen Hauptdarstellern Stellan Skarsgård, Renate Reinsve, Inga Ibsdotter Lilleaas und der amerikanischen Schauspielerin Elle Fanning in Deutschland zu drehen. Für einen Nominierungserfolg reichte es dennoch. Als die AMPAS die Kandidaten für die Oscars verlas, saß das Team von Komplizen Film geschlossen vor den Bildschirmen in München und Berlin. „Es war Wahnsinn. Alle haben gejubelt“, sagt Jackowski. In der Nacht zu Montag geht „Sentimental Value“ in der Kategorie Internationaler Film für Norwegen ins Rennen. Auch bei Regie, den Schauspielkategorien und als bester Film hat die internationale Produktion Chancen. Die Nominierung des Dokumentarfilms „Cutting Through Rocks“ der Iraner Sara Khaki und Mohammadreza Eyni nennt der Berliner Produzent Gregor Streiber bei dem Empfang der Villa Aurora „bittersüß“. Das Paar, das an der amerikanischen Ostküste lebt, hatte acht Jahre lang an dem Film über die erste Gemeinderätin eines iranischen Dorfes gearbeitet und mehr als 200 Tage dort gedreht, bevor die Filmakademie auf die Dokumentation aufmerksam wurde. „Was jetzt im Iran passiert, hat die Produktion kurz vor den Oscars an die Oberfläche gebracht“, sagt Streiber, der „Cutting Through Rocks“ seit sechs Jahren unterstützt. Die Hebamme und Gemeinderätin Sara Shahverdi, die Protagonistin des Dokumentarfilms, sitzt in der Nacht zu Montag wie erwartet nicht im Dolby Theatre. „Präsident Trump hat ein Einreiseverbot für Iraner verhängt. Ich vermute aber, dass Shahverdi das Land auch wegen des Krieges nicht verlassen könnte“, sagt Streiber. Seinen Zweck hat „Cutting Through Rocks“ aber schon erfüllt. „Khaki und Eyni wollten auf die Situation der Menschen im Iran aufmerksam machen, auch jenseits der großen Politik.“ Wie Streiber erwartet der Komponist Karim Sebastian Elias, der die Musik zu dem Dokumentarfilm schrieb, eine politische Oscar-Nacht. „Wir leben in politischen Zeiten“, spielt der gebürtige Borkener auf Ukraine, Gaza und den Krieg in Iran an. „Als Künstler können wir einen Beitrag leisten und den Diskurs befeuern. Ich hoffe, dass das bei den Oscars respektvoll gelingt.“
