Es ist ein bisschen wie in New York, der Stadt, die niemals schläft. „Bürgerpark never sleeps“ steht auf den Shirts, die an diesem Tag hier viele tragen. Und tatsächlich muss im Darmstädter Bürgerpark niemand mit dem Basketballspielen aufhören, nur weil es Nacht wird. Auf dem Court mit seinen vier Körben kann man rund um die Uhr spielen. Sobald jemand das Spielfeld betritt, geht das Flutlicht an. Egal, ob am späten Abend oder am frühen Morgen. An diesem Abend denkt aber ohnehin niemand ans Schlafen. 32 Teams spielen beim „Night Hoops“ drei gegen drei auf einen Korb, die schnelle, moderne Basketball-Variante. Zwischendurch gibt es einen Dunk Contest, Livemusik und Tanz, dazu Vintagestände und einen Foodcourt. Im vergangenen Jahr waren knapp 1000 Besucher gekommen, diesmal sind es mehr als 1500. Full House. Ein bisschen New York in Darmstadt Als es dunkel wird und die Halbfinals beginnen, platzt der Court aus allen Nähten. Einige Zuschauer sitzen auf Garagen, andere klettern auf Bäume, um einen Blick auf das Spielfeld zu bekommen. Die Finals ziehen sich bis nach Mitternacht. Bei den Frauen gewinnen die „Kiwis“ mit Marlen Weber, Jule Seegräber, Paula Süssmann und Emma Veysset, ein Team mit Wurzeln im Langener Basketball. Bei den Männern setzt sich „The South“ mit Kristian Ortelli, Lukas Hahn, Jeremie Okitasumbu und Felix Stoll durch. Mit Ortelli und Okitasumbu stehen dabei zwei Spieler im Siegerteam, die schon für deutsche 3×3-Auswahlmannschaften gespielt haben. Die Stimmung ist eines Festivals würdig. Darauf haben die Darmstädter Organisatoren um Rami Rieble hingearbeitet: Streetball bei Nacht, Menschen dicht an dicht, Musik, eine bunte Mischung aus Sport und urbaner Kultur. Ein bisschen New York in Darmstadt. Ein Ball soll genügen „Night Hoops“ ist die laute und bunte Erscheinungsform einer Idee, an der Rieble und seine Mitstreiter seit Jahren arbeiten. Wenn die Musik verstummt ist, die Stände verschwunden sind und die letzten Helfer nach Hause gehen, bleibt der Basketballplatz. Und mit ihm etwas, das es sonst in Deutschland nicht gibt: ein öffentlicher Streetball Court, auf dem die ganze Nacht gespielt werden kann. Vier Jahre lang haben sie dafür gekämpft. Die Gruppe kommt aus der freien Basketballszene. Mittlerweile hat sie mit dem Bürgerpark Basketball e. V. einen Verein gegründet, doch Rieble legt Wert darauf, dass sich dadurch am Selbstverständnis nichts geändert habe. Sie wollten kein klassischer Sportverein werden. Sie gründeten einen Verein und kämpften anschließend darum, dass der Platz kein Vereinsplatz wird. Die städtische Sportstätten GmbH hatte vorgeschlagen, dass der Verein den Court pachtet. Dann hätte er Vereinszeiten anmelden und zu diesen Zeiten über das Licht verfügen können. Der Verein wollte das nicht. Der Platz sollte öffentlich bleiben. Wer nachts Lust bekommt, Basketball zu spielen, soll keinen Mitgliedsausweis brauchen, keinen Schlüssel, keinen Platzwart und keinen Namen auf einer Belegungsliste. Ihm soll ein Ball genügen. Und sobald er den Court betritt, geht das Licht an. Basketball als Sport und als Lebensgefühl Die technische Lösung dafür ist einfach. Sensoren erkennen, wenn jemand auf dem Platz ist. Dann schaltet sich das Flutlicht ein. Geht der letzte Spieler, geht auch das Licht aus. Eine zeitliche Begrenzung gibt es nicht. Über diesen Punkt wurde lange diskutiert. Ein öffentlicher Sportplatz, nachts beleuchtet und frei zugänglich – die Stadt hatte Sorge vor Vandalismus. Die Basketballer hielten dagegen. Am Ende, erzählt Rieble, habe Oberbürgermeister Benz entschieden: Das Licht geht an, wenn einer den Platz betritt. Seit vergangenem Herbst lässt sich beobachten, was dann passiert. Bis Mitternacht, sagt Rieble, sei der Platz häufig gut besucht. Aber selbst tief in der Nacht seien immer wieder mal ein paar Spieler auf dem Platz. Probleme mit Vandalismus habe es nicht gegeben. Basketball als Sport. Aber Basketball auch als Lebensgefühl. So soll es sein im Darmstädter Bürgerpark. Ein bisschen wie in New York. Der berühmte Rucker Park in Harlem ist das große Vorbild. Niemand schließt dort den Platz auf. Man braucht keinen Schiedsrichter, keinen Platzwart. Im Grunde braucht man nur einen Ball. Deshalb, sagt Rieble, sei ein solcher Court auch ein Ort der Integration. Menschen kommen, spielen miteinander, gehen wieder. Die lokale Szene ist besonders wichtig Das erklärt auch, warum den Darmstädter Organisatoren trotz des wachsenden Erfolgs die lokale Szene so wichtig ist. Für das diesjährige Turnier hatten sich 72 Dreier-Teams um die 32 Plätze beworben. Ungefähr die Hälfte der ausgewählten Teams kam aus dem Rhein-Main-Gebiet, die andere Hälfte von weiter her, aus Berlin, Köln, Nürnberg oder München, eines aus Dänemark. Den Kern sollen die bilden, die jeden Tag im Bürgerpark spielen. „Das sind die Leute, die diesem Platz tagtäglich ihre Liebe geben“, sagt Rieble. Ohne sie ist alles nichts. Nach dem Wochenende und einem mehr als zwölfstündigen Basketball-Festival sind die Ambitionen größer geworden. Mittelfristig denken sie in Darmstadt über mehr Teams, über Veränderungen am Turnierformat und sogar über eine Ausweitung auf zwei oder drei Tage nach. Langfristig geht es um den Bürgerpark selbst. „Wir wollen Deutschlands erste Streetball-Arena bei Nacht haben“, sagt Rieble. Eine Darmstädter Variante der berühmten New Yorker Courts. Noch ist das eine Vision. Der alte Boden müsste erneuert werden, Tribünen müssten gebaut werden. „Night Hoops“ soll aber nicht einfach immer nur größer werden und irgendwann seine Wurzeln verlieren. Es soll der Leuchtturm sein, der die Richtung weist. Sport als Ausdruck von Kultur und Lebensfreude. Und wenn das Festival vorbei ist, ist noch lange nicht Schluss. Wenn am nächsten Abend ein paar Spieler vorbeikommen, geht das Licht wieder an.
