FAZ 15.09.2026
18:42 Uhr

Neue Megaprojekte: Satellitenboom in Europa


Die jahrelangen Verhandlungen um Europas größtes Raumfahrtprojekt münden in konkrete Industrieverträge. Ein weiteres Megavorhaben reift in Deutschland.

Neue Megaprojekte: Satellitenboom in Europa

Europas Nachfrage nach Satelliten wächst kräftig und beschert OHB solide Wachstumsaussichten. Das machte Markus Moeller, im Vorstand des Bremer Raumfahrtunternehmens für die Bereiche Unternehmens- und Geschäftsentwicklung zuständig, am Dienstag im Pariser Journalistenklub AJPAE deutlich. Es gebe eine „deutliche Beschleunigung“ im Geschäft mit Weltraumtechnik. Den Bedarf für neue Satellitensysteme habe es in Europa zwar auch früher schon gegeben, nicht aber die dafür erforderlichen Finanzmittel von staatlicher Seite. Das ändere sich gerade. OHB hat mit einem Jahresumsatz von rund 1,2 Milliarden Euro und knapp 3800 Beschäftigten zwar nicht die Größe der europäischen, aus Frankreich gesteuerten Konkurrenten Airbus und Thales Alenia Space (TAS). Die Bremer sind aber genauso Systemhaus, also in der Lage, Satelliten von A bis Z zu entwickeln und zu bauen. Ende August haben sie einen Auftrag über knapp eine Milliarde Euro für die Entwicklung und den Bau von 18 Satellitenplattformen für das neue europäische Satellitensystem IRIS² erhalten. Die Satelliten sollen im mittleren Erdorbit fliegen und von 2029 an starten. Die Auftragsvergabe an OHB steht sinnbildlich dafür, dass die jahrelangen Verhandlungen um IRIS² nun in konkrete Industrieverträge münden. Dabei handelt es sich um das derzeit größte europäische Raumfahrtvorhaben mit einem Gesamtvolumen von schätzungsweise 15,6 Milliarden Euro. IRIS² soll aus 348 Satelliten sowie den dazugehörigen Bodensystemen bestehen und sichere weltraumgestützte Telekommunikation ermöglichen. Anfang August haben die EU-Kommission und das Konsortium, bestehend aus den Satellitenbetreibern Eutelsat (Frankreich), SES (Luxemburg) und Hispasat (Spanien), eine Durchführungsvereinbarung unterzeichnet. Auch Airbus und TAS kommen zum Zuge IRIS² wäre die dritte Satellitenkonstellation der EU neben Galileo (Navigation) und Copernicus (Erdbeobachtung). Sie soll sich nicht nur an institutionelle Akteure wie Behörden richten, sondern wie Elon Musks Telekommunikationssystem Starlink auch an kommerzielle Kunden und das Militär. Das gilt nicht zuletzt, falls, wie im Ukrainekrieg, terrestrische Netze versagen. Doch um die Spezifikationen und Kosten wurde in der EU lange gerungen – sodass die ersten Satelliten statt 2024 erst 2029 abheben sollen und Deutschland mit SATCOMBw 4 ein eigenes militärisches Projekt startete. Mit der Durchführungsvereinbarung steht nun der genaue Fahrplan für IRIS². Neben OHB haben auch andere Satellitenhersteller erste Aufträge erhalten. Besonders große Aufmerksamkeit erhielt dabei die Vergabe von allein 264 Plattformen für Satelliten im erdnahen Orbit an Aerospacelab. Das belgische Unternehmen ist erst acht Jahre alt und zählt nicht einmal 500 Mitarbeiter. Die Satelliten sollen aus einer neuen Fabrik in Charleroi kommen, wo Aerospacelab jährlich bis zu 500 Einheiten produzieren will. Der Auftragswert für IRIS² beläuft sich auf stattliche 2,4 Milliarden Euro. Auch die Großkonzerne Airbus und TAS kommen bei dem Großprojekt zum Zuge. Ersterer soll die Plattformen für 66 Satelliten im erdnahen Orbit fertigen, letzterer die Nutzlast. Dabei handelt es sich um die sogenannte souveräne Säule von IRIS², die der Konstellationsarchitektur jüngst hinzugefügt wurde und militärische Kapazitäten bereitstellen soll. Alles in allem ergibt sich ein sogenanntes Multi-Orbit-System, bestehend aus Satelliten in unterschiedlicher Größe und Höhe – während die knapp 10.000 Starlink-Satelliten ausschließlich in erdnaher Umlaufbahn fliegen. OHB-Vorstand Moeller verteidigte die Entscheidung, anders als bei Starlink auch Satelliten im mittleren Orbit in das System zu integrieren. „Das erhöht die Resilienz“, betonte er. Auch zeigte er Verständnis für die deutsche Entscheidung, mit SATCOMBw 4 ein eigenes Telekommunikationssystem mit Satelliten im erdnahen Orbit auszubauen. Dies sei „eine logische Fortsetzung der Investitionen“, die die Bundeswehr in diesem Bereich tätige, sagte er in Anspielung auf die Vorgängersysteme SATCOMBw 3 sowie COMSATBw 1 und 2. Dabei handelt es sich allerdings um große, schwere Satelliten im geostationären Orbit. Auftragsvergabe Richtung Jahresende Vor allem Frankreich wirft Deutschland vor, mit SATCOMBw 4 einen nationalen Alleingang zu beschreiten. Auf deutscher Seite verweist man auf Zeitdruck angesichts der russischen Bedrohung. Im Jahr 2029 brauche es ein funktionsfähiges System, da komme IRIS² zu spät. Aus Industriesicht wäre eine Duplizierung nicht unbedingt schlimm. Bei OHB ist man jedoch um Klarstellung bemüht, dass es sich nicht um identische Systeme handele. Es seien „heterogene Konstellationen“, die zusammenwirken werden, sagte OHB-Chef Marco Fuchs unlängst der F.A.Z. Man könne nun mal nicht ausschließlich mit privatwirtschaftlichen Betreibern militärische Infrastrukturen aufbauen. Auch Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) versuchte vergangene Woche in Paris, die Wogen zu glätten, und sicherte die „Interoperabilität“ von SATCOMBw 4 und IRIS² zu. Die Auftragsvergabe für die Bundeswehr-Konstellation wird Richtung Jahresende erwartet. Das designierte Industriekonsortium bilden OHB und Rheinmetall, Airbus Deutschland soll als Lieferant beteiligt werden. Das Projektvolumen wird auf bis zu zehn Milliarden Euro geschätzt. Airbus wirbt mit Erfahrung und hat gerade erst eine weitere Bestellung von Eutelsat über 229 Satelliten an Land gezogen, zusätzlich zu den vor einigen Monaten beschafften 440. Eutelsat will sie zur Verstärkung seines Oneweb-Systems nutzen – einer schon bestehenden Telekommunikationskonstellation, deren exakte Interoperabilität mit IRIS² noch nicht geklärt ist.