FAZ 12.05.2026
16:46 Uhr

NS-Raubkunst-Funde: „Es wurde geraubt, erzähl' niemandem davon“


In den Niederlanden ist ein Gemälde aufgetaucht, das Göring aus der Sammlung eines jüdischen Kunsthändlers raubte. Der Fund zeigt einmal mehr: NS-Raubkunst in Privatbesitz ist immer noch ein Massenphänomen.

NS-Raubkunst-Funde: „Es wurde geraubt, erzähl' niemandem davon“

Der jüngste Fall wieder aufgetauchter NS-Raubkunst ist so aufsehenerregend wie alltäglich. Da hing wohl jahrzehntelang bei einer Frau in den Niederlanden, die Enkelin eines ranghohen holländischen Kollaborateurs mit den Nationalsozialisten ist, ein Gemälde aus dem früheren Eigentum des jüdischen Kunsthändlers Jacques Goudstikker zuhause im Flur  – für Besucher gut sichtbar, vor den Augen der Öffentlichkeit aber verborgen. S Ein Hinweisgeber aus der Familie So sollte es nach dem Willen der Besitzerin auch bleiben, wie der auf gestohlene Kunstwerke spezialisierte Detektiv Arthur Brand Medienvertretern nun erzählte. Er hat das Bild, das „Porträt eines jungen Mädchens“ von Toon Kelder, entdeckt. „Es wurde Goudstikker geraubt, es ist unverkäuflich, erzähl’ niemandem davon“, soll die Enkeltochter Brand zufolge einem Mann aus ihrer Familie gestanden haben, der sich als anonymer Informant an den Detektiv wandte. Dem „Telegraaf“ sagte der Mann, er schäme sich. Das Gemälde solle restituiert werden. Nicht das Kunstwerk und dessen Wert – Gemälde des aus Rotterdam stammenden, 1973 gestorbenen Malers Kelder erzielen gegenwärtig in der Regel Preise im vierstelligen bis unteren fünfstelligen Bereich – sind von besonderem Interesse, sondern die Voreigentümer. Da wäre zunächst der bedeutende Kunsthändler Jacques Goudstikker, der ein Unternehmen mit Stammsitz in Amsterdam führte und sich erst im Mai 1940 zur Flucht in die USA durchringen konnte. Dort angekommen ist er nie: Er starb zu Schiff auf dem Ärmelkanal nach einem Sturz. Rund 1400 Kunstwerke musste er in der Obhut seiner Angestellten zurücklassen. NS-Reichsmarschall Hermann Göring und sein Komplize Alois Miedl übernahmen durch eine Täuschung Goudstikkers Kunsthandlung und plünderten den Bestand. Das Kelder-Gemälde ließen sie versteigern. So dürfte es in die Hände des Kollaborateurs Hendrik Seyffardt gelangt sein, Kommandeur einer niederländischen Freiwilligen-Einheit der Waffen-SS, der 1943 von einer Widerstandsgruppe getötet wurde. Auf seiner Beerdigung stilisierten ihn die Besatzer zum Märtyrer; Hitler schickte einen Kranz. Mehr als achtzig Jahre nach Kriegsende und fast dreißig nach Verabschiedung der „Washingtoner Prinzipien“ zur Restitution durch Institutionen ist in Privatbesitz verborgene Raubkunst immer noch ein Massenphänomen. Knapp 87.000 NS-verfolgungsbedingt entzogene Kulturgüter listet allein die „Lost Art“-Datenbank. Aus dem Eigentum Goudstikkers tauchte kürzlich ein weiteres Gemälde in Argentinien auf. Das „Porträt einer Dame“ des Barockmalers Giuseppe Ghislandi fiel in einer Immobilienanzeige als Wandschmuck einer zum Verkauf stehenden Wohnung auf. Die Entdeckung der niederländischen Zeitung „Algemeen Dagblad“ führte zur Übergabe des Bildes an die Behörden und eine Anklage gegen die Besitzer des Apartments und Bildes: Patricia Kadgien, Tochter des mit der Verwertung jüdischen Vermögens betrauten NS-Funktionärs Friedrich Kadgien, und Ehemann. In München restituierte 2024 das Lenbachhaus auf Eigeninitiative ein Gemälde Hans Schöpfers des Älteren aus Goudstikkers Sammlung an die Alleinerbin des Händlers, Marei von Saher. Restitutionen im Handel Privatsammler müssen, anders als Museen hierzulande, Bestände nicht auf NS-Raubgut prüfen und Rückgaben anstreben. Der Kunsthandel aber ist zur Herkunftsklärung für die Zeit von 1933 bis 1945 verpflichtet. Das entspricht, bei allen Querelen um die gesetzlichen Vorgaben, dem eigenen Interesse. Entsprechend hat etwa das Kölner Auktionshaus Van Ham 2021 vor einer Versteigerung die Rückgabe zweier Altmeister-Gemälde aus Privatbesitz an Goudstikkers Erbin vermittelt. Die Schatten der NS-Vergangenheit sind lang, Vergangenheitsbewältigung im Familiären oftmals weniger fortgeschritten als im öffentlichen Raum. Das können etwa die nun online zugänglichen NSDAP-Mitgliederkarteikarten zeigen. Als Eigentümer von Kunstschätzen mit Fragezeichen aktiv zu werden, statt zu hoffen, dass die potentiell dunkle Vergangenheit eigener Kunstschätze nie ans Licht kommt, ist und bleibt der einzig richtige Weg.