Da steht er und erzählt. Aber erst einmal gar nicht aus dem Buch, das er hier vorstellen will, sondern drum herum. Und das Drumherum ist herrlich an diesem Frühlingstag. So herrlich, wie er es aufgeschrieben hat in seinem Buch, und diese Stelle wird er später dann auch vorlesen, aber sie muss hier schon zitiert sein: „Jetzt ist erst einmal früher Nachmittag, die Sonne glitzert auf dem Wasser, und Kunckel kann seine Augen kaum öffnen, so hell ist es, so laut – und so grün. Ja, vor allem: so grün. Als hätte der liebe Gott aus Versehen über der Havel seinen Farbkasten mit allen Grüntönen ausgeschüttet, die ihm und den Malern des Barocks je eingefallen sind.“ Man setze „Illies“ für „Kunckel“ ein, und wir hätten genau die Szenerie an diesem Donnerstagnachmittag auf der Pfaueninsel. Dort also steht Florian Illies und erzählt. Nicht von Kunckel, noch nicht. Er erzählt von sechzehn Löwen, dreiundzwanzig Kängurus und siebenundzwanzig Lamas, die hier auch einmal lebten, aber mehr als ein Jahrhundert nach Kunckel. Von den Pfauen, die ebenfalls erst später auf der Insel angesiedelt wurden, obwohl sie da längst schon ihren Namen trug – woher der aber ohne Pfauen gekommen ist, weiß niemand, nicht einmal Illies. Heute gibt es Dutzende Pfauen auf der Insel, und als wären sie eigens dazu einbestellt, werden zwei von ihnen sich zu Illies’ Zuhörern gesellen. Und besonders kräftig Laut geben, als der Autor sich schließlich in den Schatten einer vierhundertjährigen Eiche setzt und die eingangs zitierte Passage vorliest. Wie wird die Pfaueninsel im Mai dort beschrieben? So hell und so grün – und so laut. Eine pfauenschreidurchwirkte Lesung? Kongenial. Des einen Leid wird des anderen Buchprojekt Am Montag erscheint das Buch, „Träume aus Feuer“ heißt es. „Diese Insel verführt dazu, dass man Träume hat“, erklärt Illies und verweist auf alles, was seit Kunckels Zeiten hier zu finden war: erst Laboratorium, dann Elysium, Liebesnest, Tiergarten, Pflanzenparadies und nun Buchschauplatz. Wobei seit 2010 die größte Publikumssensation des Eilands in den dort zur Sommerzeit residierenden Wasserbüffeln besteht. Die vier Tiere sind gerade heute aus ihrem Winterquartier wieder auf die Pfaueninsel gebracht worden, wo sie auf den artenreichen Feuchtwiesen unerwünscht wachsendes Gehölz abweiden sollen. Illies räumt großzügig ein, dass die mediale Aufmerksamkeit des Tages wohl mehr den Wasserbüffeln gelte als ihm, dem Bestsellerautor. Der hat kein Generationenporträt geschrieben, keine Jahreschronik, keine Künstlerdeutung, keine Kulturgeschichte des Exils – nichts von dem also, was Illies berühmt und zu einem der erfolgreichsten deutschsprachigen Autoren gemacht hat. Sein neues Buch ist ein Roman, Illies’ erster. Er selbst nennt das Buch aber nicht so. „Ich habe mal etwas anderes machen wollen: eine Geschichte am Stück erzählen und ohne offenes Ende.“ Das Buch endet schlimm. Man glaubt es nicht an diesem makellos schönen Tag auf der kleinen Insel mitten in der Havel zwischen Potsdam und Berlin. Seitensprung mit Billigung des Partners Dabei begann alles gut. Im Oktober 1685 bekam die Pfaueninsel einen neuen Eigentümer: Johannes Kunckel. Es war ein Geschenk des brandenburgischen Landesherren Friedrich Wilhelm, der als „Großer Kurfürst“ in die Geschichte eingehen sollte. Als Gegenleistung für die Insel sollte der als Alchemist nach Brandenburg gelangte Kunckel dort ein Laboratorium errichten, um den Berliner Hof mit Rubinglas zu versorgen und Glasperlen für den brandenburgischen Kolonialwarentauschhandel herzustellen. Das ging so lange gut – sogar sehr gut –, wie der Große Kurfürst lebte, aber das waren nur noch zweieinhalb Jahre. Danach entzog der Thronfolger dem Günstling seines Vaters alle Privilegien. „Träume aus Feuer“ erzählt von Kunckels Aufstieg und Fall, die Handlung des schmalen Buchs umfasst im Wesentlichen die Jahre 1686 bis 1688. Auch beim Buch begann alles gut. Illies saß vor Jahresfrist mit Constanze Neumann zusammen, der früheren Verlagsleiterin bei Aufbau, und hörte von ihr, dass sie unter dem Dach des Buchkonzerns Bastei-Lübbe einen neuen Verlag gründen wolle: mit einem Namen, der signalisieren soll, dass der Verlag in Berlin angesiedelt ist, aber über Berlin hinausreicht. Neumann wählte „Pfaueninsel“, und Illies erinnerte sich an seine Faszination als Student der Geschichte für die Figur des dort wirkenden Alchemisten Kunckel. Resultat: ein Roman über die Pfaueninsel als Start des Programms von Pfaueninsel. Schade nur, dass Thomas Hettche schon 2014 einen Roman geschrieben hatte, der „Pfaueninsel“ heißt. So wurde es nun „Träume aus Feuer“. Bis es dazu kam, war indes noch ein Hindernis zu überwinden: Illies ist Stammautor beim Verlag S. Fischer, und warum sollte der sich ein neues Buch seines Zugpferds entgehen lassen? Weil es eben ein anderes Buch als die sonst von ihm gewohnten werden sollte und Illies nach eigener Aussage schon diverse weitere Buchideen für S. Fischer hat. Dass er seinen Seitensprung in bestem Einvernehmen vollzog – die beiden Häuser sprechen von einem „Gastspiel“ –, zeigt die Anwesenheit des Fischer-Verlagschefs Oliver Vogel auf der Pfaueninsel. Und er ist nicht wegen der Wasserbüffel gekommen. Was Illies seinen etwa siebzig Zuhörern beim Spaziergang über die Insel gewährt, ist ein Einblick in die Alchemistenwerkstatt eines Autors, der aus unedlem historischem Material literarisches Gold schaffen will. Und sich nicht abschrecken ließ durch das Beispiel Fontanes, in dessen Auftaktgedicht zum dritten Teil der „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ sich die für Illies schlechtesten Verse des Gesamtwerks finden: „Die Pfaueninsel, in deren Dunkel / Rubinglas glühte Johannes Kunckel“. Illies, das wird deutlich, glüht für Kunckel. Am Montag soll das Feuer auflodern, aus dem die Träume sind. Die des neuen Verlags und die des historischen Romanciers Florian Illies.
