FAZ 25.05.2026
12:16 Uhr

Minenunglück in China: „Ich roch Schwefel, wie nach einer Sprengung“


Beim schwersten Grubenunglück seit Jahren kommen in China mindestens 82 Bergleute durch Gas ums Leben. Die Regierung hatte den Arbeitsschutz zwar verschärft – aber Sicherheitsbedenken gab es in der Mine schon seit Monaten.

Minenunglück in China: „Ich roch Schwefel, wie nach einer Sprengung“

Als sich der Schacht von Liushenyu plötzlich mit Gas füllte, befanden sich dort 247 Bergleute unter Tage. Ein plötzlicher Luftstrom trug Staub durch einen Schacht, wie auf der Aufnahme einer Überwachungskamera zu sehen ist. Was aber in der Kohlemine am Freitagabend genau zu dem Unglück führte, blieb auch am Montag zunächst ungewiss. Chinas Staatsmedien berichteten zuletzt von mindestens 82 Personen, die bei dem Unglück in der zentralchinesischen Kohleprovinz Shanxi ums Leben kamen. 128 weitere Personen wurden verletzt, zwei blieben zunächst vermisst. Es gilt als das schwerste Grubenunglück in der Volksrepublik seit 2009, als in einer Mine in Heilongjiang 108 Personen ums Leben kamen. Schon am Samstag rief Staats- und Parteichef Xi Jinping zu „allen Anstrengungen“ auf, um die Verletzten zu behandeln, und verlangte, „die Verantwortlichen müssen zur Rechenschaft gezogen werden“. Die Behörden sollten Lehren daraus ziehen, sagte Xi, dessen Großvater nach Angaben des Sinologen Joseph Torigian just dort in genau dieser Mine einst Bezirksleiter gewesen war. Mindestens 800 Rettungskräfte wurden an den Unglücksort beordert. Die meisten der Opfer haben wohl Kohlenmonoxid eingeatmet Die betroffene Mine in der Dreimillionenstadt Changzhi gut 500 Kilometer südwestlich von Chinas Hauptstadt Peking förderte vor allem Kokskohle und gehört einem privaten Unternehmen. Mehrere Funktionäre der Firma Shanxi Tongzhou wurden verhaftet. Das Staatsfernsehen berichtete von „gravierenden Verstößen“. Nach Angaben der Staatsnachrichtenagentur Xinhua hatte ein unterirdischer Kohlenmonoxid-Sensor in der Mine Alarm ausgelöst, was auf erhöhte Werte des Gases deutet. Die meisten der Opfer hätten giftiges Gas eingeatmet, hieß es weiter. Kohlenmonoxid ist ein geruchloses und hochgiftiges Gas. China erzeugt mehr als 60 Prozent seines Energiebedarfs mit Kohle, die es in großen Teilen selbst fördert. Die Regierung hat die Kohleproduktion zuletzt noch einmal erhöht. Vergangenes Jahr hat China mit knapp fünf Milliarden Tonnen so viel Kohle gefördert wie nie zuvor. Die Provinz Shanxi, in der das Unglück geschah, produziert dabei fast ein Drittel der chinesischen Kohle. Großer Druck auf Kohleförderung Der Produktionsdruck auf die Minenbetreiber ist besonders zu dieser Zeit hoch. Zum einen lässt der beginnende Sommer die Stromnachfrage für Klimaanlagen steigen, zum anderen lastet der Irankrieg mit ausbleibenden Rohstofflieferungen und steigenden Gaspreisen auch auf Chinas Energiemarkt. So setzt Peking verstärkt auf Kohlestrom, um Abhängigkeiten zu verringern. Die im Unglücks-Bergwerk geförderte Kokskohle indes geht in China hauptsächlich in die Stahlproduktion. Gleichzeitig hat die Regierung Arbeitsschutzgesetze verschärft, die Zahl der Minenunglücke ist im Vergleich zu früheren Zeiten massiv zurückgegangen. Einst starben in der Volksrepublik jedes Jahr viele Hundert Bergleute bei Unglücken. Diese Zeiten sind vorbei. Der Staat hat über die Jahre viele kleinere und unzulänglich betriebene Minen geschlossen. Dennoch bleibt der Arbeitsschutz Berichten zufolge auch heute in vielen Minen vergleichsweise schwach. Alle vier Minen des Betreibers in Shanxi mussten nach dem Unglück ihre Produktion vorerst einstellen. Tunnel, die nicht auf Karten verzeichnet waren Die Bergwerksbehörde hatte die jetzt betroffene Mine zusammen mit Hunderten weiteren Bergwerken schon vor Monaten wegen schwerer Sicherheitsrisiken beanstandet. Nach Angaben von „Beijing News“ habe es in der Mine nicht genehmigte Tunnel gegeben, gearbeitet worden sei in einem Dreischichtbetrieb, einige Arbeiter hätten dabei kein GPS-Gerät bei sich getragen. Da der tatsächliche Minenverlauf nicht den offiziellen Karten entsprochen habe, habe das die Rettungsarbeiten erheblich erschwert. Zudem seien zum Zeitpunkt des Unglücks weit mehr Arbeiter in der Mine gewesen als angemeldet. Wegen der unklaren Zahl der anwesenden Bergleute waren mit 90 zunächst auch mehr Opfer angegeben worden. Eine vom Staatsrat eingesetzte Kommission forderte die Lokalregierungen auf, gegen illegale Nutzung und Untervergabe von Minenarbeiten vorzugehen. Ein verletzter Bergmann berichtete im Staatsfernsehen, er habe eine plötzlich aufsteigende Rauchsäule gesehen, aber kein Geräusch gehört. „Ich roch Schwefel, wie nach einer Sprengung.“ Dann habe er gesehen, wie Menschen zusammenbrachen, bevor auch er für rund eine Stunde das Bewusstsein verlor. Schließlich habe er es aus der Mine geschafft. Viele andere Kumpel blieben in ihr liegen.