An diesem Samstag begibt sich die italienische Ministerpräsidentin Giorgia Meloni nach Griechenland, um an einem Gipfeltreffen südeuropäischer Staaten teilzunehmen. Es soll vor allem um Migrationsfragen und die Zusammenarbeit mit den Golfstaaten gehen, teilt die italienische Regierung mit. Weniger Erwähnung dürfte dagegen ein Thema finden, das für Italien eher unangenehm ist: Die Chancen stehen gut, dass Griechenland in diesem Jahr die Laterne des Schlusslichts als höchstverschuldeter Staat der Europäischen Union abgibt – und zwar an Italien zum ersten Mal seit fast zwanzig Jahren. Die jüngsten Prognosen des Internationalen Währungsfonds (IWF) sprechen eine klare Sprache: Die Ökonomen in Washington rechnen damit, dass die Staatsschulden Griechenlands gemessen am Bruttoinlandsprodukt (BIP) 2026 von 145,7 Prozent auf 136,9 Prozent fallen. In Italien geht die Entwicklung dagegen in die andere Richtung: Der IWF erwartet, dass die italienischen Staatsschulden in diesem Jahr von 137,1 auf 138,4 Prozent des BIP klettern. Bis 2031 soll der Abstand erheblich wachsen. Die IWF-Ökonomen rechnen in fünf Jahren mit einem griechischen Schuldenstand von knapp 111 Prozent, in Italien dagegen weiterhin mit mehr als 136 Prozent. Unsicherheiten lasten auf beiden Volkswirtschaften Der Wechsel im Keller der Schuldenländer ist noch nicht offiziell, das wird erst Ende des Jahres so weit sein. Große Unsicherheiten infolge von Kriegen, Energiepreiserhöhungen und Zöllen lasten auf beiden Volkswirtschaften. Die Wachstumsaussichten schwinden auf beiden Seiten der Adria und des Ionischen Meeres. Doch die relative Tendenz der jüngeren Zeit dürfte sich in diesem Jahr fortsetzen. Der italienische Finanzminister Giancarlo Giorgetti räumte vor einigen Tagen in einer Parlamentsdebatte schon ein, dass „Italien die höchsten Staatsschulden Europas hat“. Er sagt das in dieser Deutlichkeit, um die Begehrlichkeiten seiner Kabinettskollegen und der Regierungschefin Meloni im Zaum zu halten. Gerade wegen der kürzlichen Niederlage im Referendum zur Justizreform befürchten etliche Ökonomen, dass die Regierung mit höheren Staatsausgaben ihre Wiederwahlchancen bei den Parlamentswahlen 2027 wahren will. Griechenland dagegen hat seine Schulden massiv abgebaut, 2020 kamen sie noch auf fast 210 Prozent des BIP. Die Verbindlichkeiten gegenüber dem IWF zahlte das Land frühzeitig zurück. Allerdings helfen dabei auch die großzügigen Bedingungen der drei Rettungspakete, die Griechenland zwischen 2010 und 2015 erhalten hat: Die Zinsen auf die Verbindlichkeiten der europäischen Kreditgeber sind sehr niedrig, und die Darlehen laufen über mehrere Jahrzehnte. Trotz der aktuellen Schwierigkeiten ist der griechische Premierminister Kyriakos Mitsotakis optimistisch: „Zum ersten Mal seit langer Zeit wird Griechenland am Ende des Jahres wahrscheinlich nicht mehr das höchstverschuldete Land Europas sein“, sagte er am Mittwoch auf einer Konferenz in Athen. Griechenland profitiert nicht nur vom Tourismus Griechenland erholt sich durch die Kontrolle der Staatsausgaben und kräftiges Wachstum. Auch in diesem Jahr erwartet die Regierung in Athen trotz einer Korrektur noch um die zwei Prozent, während Italien von rund 0,5 Prozent ausgeht. Das kleine Griechenland profitiert vom Tourismus dabei mehr als das größere Italien, wo der Fremdenverkehr weniger ins Gewicht fällt. In der italienischen Wirtschaft machen sich Befürchtungen breit, dass das Land wieder in seine notorische Wachstumsschwäche zurückfällt, die es lange belastete. Am Ende der Pandemie legte die damalige Regierung ein massives Subventionsprogramm für Haus- und Wohnungseigentümer im Umfang von 160 Milliarden Euro auf. Trotz der Riesensumme brachte die Finanzspritze aber keinen nachhaltigen und breiten Wachstumsschub. Bald darauf folgten die Investitionen im Zuge des umfangreichen EU-Wiederaufbauplans „Next Generation EU“. Italien bekam mit billigen EU-Krediten und Zuschüssen in Höhe von 194 Milliarden Euro mehr Geld aus Brüssel als jedes andere Land. 63 Prozent davon sind Darlehen, die zwischen 2028 und 2058 zurückgezahlt werden müssen. Die Meinungen über die Wirkung gehen stark auseinander. Das EU-Programm hat die Investitionen in unzählige Projekte erhöht, doch von einer wesentlichen Produktivitätsverbesserung oder einer Erhöhung des Wachstumspotentials der italienischen Volkswirtschaft ist wenig bis gar nichts zu spüren, sagen etliche unabhängige Fachleute. Zwischen 2021 und 2023/2024 hat sich das geschätzte Potentialwachstum zwar auf mehr als ein Prozent wesentlich erhöht, aber seitdem fällt es wieder spürbar, sagt der Berater Lorenzo Codogno, ehemaliger Chefvolkswirt des Wirtschafts- und Finanzministeriums. „Daneben liegen die größten Risiken für die öffentlichen Finanzen in der schwachen Demographie und der geringen Erwerbsquote, gerade von Frauen.“ Codogno rechnet für 2026 mit einer staatlichen Neuverschuldung Italiens von 3,3 Prozent – anstelle der von der Regierung erwarteten 2,9 Prozent. „Der Energieschock belastet den Konsum und die Investitionen, denn Italien gehört zu den Ländern, die durch hohe Energiepreise am verwundbarsten sind“, sagt Chiara Zangarelli, Analystin bei Morgan Stanley. Die Sparquote ist zuletzt gestiegen, und das Reallohnniveau liegt weiter unter dem EU-Durchschnitt; die Exportwirtschaft lahmt ebenfalls, während die Importe zunehmen. Ökonomen wie Zangarelli glauben somit, dass Italien nicht bald das EU-Verfahren für überschuldete Länder (EDP) verlassen könne. Die Regierung hatte sich das für 2026 erhofft, doch die Chancen dafür stehen schlecht, weil die Neuverschuldung im vergangenen Jahr 3,1 Prozent erreichte und nicht die geforderten 3,0 Prozent. Die Entscheidung fällen die EU-Instanzen zur Jahresmitte.
