FAZ 15.05.2026
11:12 Uhr

Marode Polizeiimmobilie: Wird der Streit um den „Fäkalienregen“ für Reul zum Problem?


NRW-Innenminister Herbert Reul genießt bei Polizei und Bürgern hohes Ansehen. Doch wegen eines Sanierungsfalls gab es nun Beschwerden über ihn. Hat das mit der nahenden Landtagswahl zu tun?

Marode Polizeiimmobilie: Wird der Streit um den „Fäkalienregen“ für Reul zum Problem?

Herbert Reul ist der mit Abstand bekannteste und beliebteste Minister im schwarz-grünen Kabinett des nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Hendrik Wüst (CDU). Im Kampf gegen kriminelle Clans, Rockerbanden und Pädokriminelle hat Reul sich mittlerweile bundesweit einen Ruf als „Mr. Null Toleranz“, als hemdsärmliger „Kümmerer“ und als einer erarbeitet, der sich traut, bei Bedarf unkonventionell vorzugehen. Bei „seinen“ Polizeibeamten galt Reul schon kurz nach seinem Amtsantritt als äußerst beliebt – nicht zuletzt weil er in den ersten Jahren seit Amtsantritt 2017 dafür sorgen konnte, dass viel Geld aus dem Landeshaushalt in den Personalaufwuchs und die Ausstattung floss. Doch nach einem Bericht des WDR soll Reul nun im eigenen Ministerium unter Beschuss stehen. Mehrere – sich anonym äußernde – Beamte seines Hauses beklagen demnach, der 73 Jahre alte Reul setze sich auch in rechtlich heiklen Fragen über den Rat seiner Fachleute hinweg. Es ist das erste Mal in seiner bisher gut neun Jahre währenden Amtszeit, dass sich Reul mit solch heftigen Attacken auseinandersetzen muss. „Fäkalienregen“ in Wuppertal Neben dem Umstand, dass wegen der angespannten Haushaltslage längst auch im Innenressort gespart werden muss, scheint der konkrete Anlass für den Unmut eine lange ungelöste Immobilienfrage zu sein. In einer insgesamt 17 Gebäude umfassenden Liegenschaft der Bereitschaftspolizei in Wuppertal klagen die Beamten schon seit Jahren über unhaltbare Zustände wie „Fäkalienregen“ wegen undichter Abwasserrohre oder über kaputte Duschen, Treppen und Aufzüge. Die dringend notwendige Kernsanierung des Standorts, an dem so wichtige Einheiten wie Taucher, Diensthundeführer und Waffenverwaltung untergebracht sind, musste mehrfach verschoben werden, weil sich der landeseigene Bau- und Liegenschaftsbetrieb (BLB) nicht mit der Polizei auf die künftigen Mietkonditionen einigen konnte. Der BLB refinanziert Sanierungen durch Mietaufschläge. Entsprechend hoch waren die Forderungen im Fall der maroden Wuppertaler Polizeiimmobilien – die der im Innenministerium zuständige Abteilungsleiter ablehnte. Weil sich in der Sache seit Sommer 2024 nichts mehr tat, sich beide Seiten verhakten, machte Reul die Angelegenheit zur Chefsache. Seine Fachleute fühlten sich düpiert. Nicht nur bei der Innenrevision ging eine Anzeige gegen Reul ein. Auch die Staatsanwaltschaft Düsseldorf bekam den mutmaßlichen Fall von Steuergeldverschwendung auf den Tisch, erkannte aber keinen Anfangsverdacht auf Untreue. Den Minister überraschen die Vorwürfe Als sich Reul mit Finanzminister Marcus Optendrenk (CDU) auf ein Vorgehen verständigte, schien die Angelegenheit weitgehend erledigt. Doch der Bericht des WDR kombinierte die Wuppertaler Geschichte nun mit anderen Vorwürfen. Reul arbeite selbstherrlich, wer widerspreche, werde kaltgestellt. Die Stimmung im Ministerium sei belastet. Fachleute würden „zu unkritischen Gefolgsleuten degradiert“, heiße es in dem Bericht. „Reul schadet der Organisation“, zitiert der Sender einen seiner 20 anonymen Gesprächspartner. Diese Vorwürfe überraschten ihn, teilt Reul auf Nachfrage mit. In den neun Jahren seiner Amtszeit seien bei rund 1200 Mitarbeitern solche Vorwürfe bisher nicht an ihn herangetragen worden. Dass in einem so großen Ministerium Einzelne unzufrieden seien, lasse sich zwar nicht ausschließen. „Die zitierten Beschreibungen spiegeln jedoch nach meiner festen Überzeugung nicht die Meinung der Mehrheit der Beschäftigten meines Hauses wider, die ganz hervorragende Arbeit leisten und die ich wertschätze.“ Ein Hintergrund könnte auch Konkurrenzneid sein Hintergrund für die Vorwürfe könnte auch Konkurrenzneid sei. Denn bei dem Mann, den Reul an der Hierarchie vorbei mit dem Fall Wuppertal beauftragte, „da die Verhandlungen auf der Arbeitsebene nach meiner Überzeugung festgefahren waren“, handelt es sich um Gerrit Weber, einen seiner engsten Vertrauten. Der 50 Jahre alte, umgänglich-verbindliche Volljurist war nach 2017 zunächst als Pressesprecher, dann als Leiter des Ministerbüros tätig, bevor ihm Reul 2022 die Polizeiabteilung seines Hauses anvertraute. Seitdem sind ihm indirekt 50.000 Polizisten unterstellt. Für den Posten hatten sich offensichtlich auch andere Chancen ausgerechnet – die Weber nun anonym die Eignung absprechen. Reul weist das zurück. Weber erfülle die laufbahnrechtlichen Voraussetzungen. Zudem sei die Leitung der Polizeiabteilung nach dem „Prinzip der zivilen Führung“ traditionell nicht mit Polizeibeamten besetzt. Eine Rolle dürfte schließlich spielen, dass in weniger als zwölf Monaten in Nordrhein-Westfalen gewählt wird. Einige der anonymen Kritiker scheinen gehofft zu haben, Reul dann loswerden zu können. Doch der Minister scheint sich vorstellen zu können, zumindest noch eine Zeit lang weiterzumachen. Zunächst müsse freilich die Landtagswahl gewonnen werden, sagt Reul. „Dann entscheidet der Ministerpräsident, ob er mich noch mal fragen möchte. Erst danach werde ich darüber nachdenken, ob ich für eine dritte Amtszeit zur Verfügung stehe.“ Er mache sicher nicht immer alles richtig und stelle sich jeder Kritik, sagt Reul. „Aber wenn es anonym über die Medien gemacht wird, habe ich leider den Verdacht, dass es gar nicht um die Lösung irgendeines Problems geht.“ Er pflege regelmäßige Gesprächsformate mit verschiedenen Personalvertretungen, habe täglich viele Kontakte mit Mitarbeitern im Haus, die wüssten, dass er ein offenes und konstruktives Arbeitsklima schätze.