Drei tiefe Atemzüge. Das ist alles, was es braucht, um Para-Ruderer Valentin Luz kurz vor dem Start auf den Wettkampf einzustimmen. Keine abergläubischen Rituale, keine stimmungsvolle Musik oder altgedienten Talismane. Nur drei tiefe Atemzüge. Ein kurzer Moment der Ruhe, bevor der Sturm loszieht. Und wie viel Drang nach einer neuen Bestleistung in ihm steckt, hat Luz gemeinsam mit seiner Partnerin Kathrin Marchand vor Kurzem bei der EM im norditalienischen Varese eindrucksvoll gezeigt: Europarekord, erfolgreiche Titelverteidigung und eine gehörige Portion Selbstvertrauen für den nun anstehenden Saisonhöhepunkt Ende des Monats in den Niederlanden – der Weltmeisterschaft. Mission: erfolgreiche WM-Titelverteidigung „Ja, da war schon im Vorfeld auch ein bisschen Druck drauf“, sagt Luz. „Es war die erste Titelverteidigung, und es sieht von außen immer lockerer aus, als es sich im Rennen anfühlt. Die ersten 1000 Meter waren schon unentspannt, wir haben jedoch die Nerven bewahrt und konnten uns auf der zweiten Streckenhälfte entscheidend von den Ukrainern absetzen.“ Die nächste Titelverteidigung steht in knapp zwei Wochen in Amsterdam bevor. Auch dort sind Luz und Marchand als Weltmeister im Para-Mixed-Doppelzweier wieder die Gejagten. Mit der brütenden Hitze wie in Italien ist zwar nicht mehr zu rechnen, dafür aber mit unberechenbaren Winden auf der Strecke und einem noch stärker besetzten Teilnehmerfeld. „Neben den Ukrainern und Australiern gibt es dann noch so ein paar Unbekannte wie China, da weiß man nie so recht, was die aufs Parkett zaubern“, sagt Luz. Perfektes Zusammenspiel im Boot In der Vorbereitung überlassen Luz und Marchand nichts dem Zufall. Sie trainieren gemeinsam mit den deutschen Ruderern ohne Behinderung. Auch wenn die Startklasse PR3 auf dem Papier für eine „minimale körperliche Behinderung“ steht, müssen Luz wegen einer angeborenen Fehlbildung des linken Beins und Marchand, die seit 2021 mit den Folgen eines Schlaganfalls zu kämpfen hat, sich perfekt im Boot aufeinander einstimmen. Hinzu kommt auch der geschlechterspezifische Unterschied. „Da ich ein Mann bin, bin ich naturgemäß stärker, also bringe ich erst mal mehr Physis rein als sie“, sagt Luz. „Kathrin gibt im Boot einen gewissen Schlag und Rhythmus vor, und daran muss ich mich, so gut es geht, orientieren. Meine Aufgabe ist es, ihr immer zu folgen und ihr aus meiner Position im Bug den Rücken freizuhalten. Außerdem behalte ich im Rennen den Gesamtverlauf im Blick, sodass wir reagieren können, wenn ein Boot rankommt.“ Dass es so reibungslos funktioniert, liegt an den vielen gemeinsamen Stunden und Kilometern im Boot. Dabei profitiert Luz auch von Marchands Erfahrung, weil die 35-Jährige bereits vor ihrer Behinderung auf höchstem Niveau ruderte – unter anderem bei den Olympischen Spielen. Aber auch Luz, der bei der renommierten Frankfurter Rudergesellschaft Germania sein Handwerk erlernte, kann mit mittlerweile zwei Europatiteln und einem WM-Sieg auf eine illustre Ruderkarriere zurückblicken. Gelebte Inklusion im Ruderverein „Ich bin damals nach Frankfurt wegen der Uni gezogen und habe mich dort dem Ruderverein angeschlossen, weil ich das ein bisschen ernster angehen wollte“, sagt Luz, der in Frankfurt Wirtschaftswissenschaften studierte. Viel Erfahrung mit Para-Athleten habe man damals zwar nicht gehabt, erinnert sich der 31-Jährige: „Ich wurde dann in eine Trainingsgruppe geschmissen, und dann sollte es halt auch losgehen. Auch wenn gewisse Dinge nicht gingen, sei es jetzt eine bestimmte Übung beim Krafttraining, ging man das sehr pragmatisch an und hat das Training angepasst.“ Für die gelebte Inklusion ist Luz bis heute dankbar und hält, auch wenn es ihn beruflich mittlerweile nach München getrieben hat, dem Frankfurter Verein die Treue. Der größte Erfolg ist ihm und Marchand bisher aber verwehrt geblieben: paralympisches Edelmetall. 2024 in Paris kamen sie im Para-Mixed-Vierer mit Steuermann der Erfüllung des Traums nah. Sechs Hundertstelsekunden fehlten für Bronze. Fokus aus LA 2028 „Dieses Gefühl will ich nie wieder haben“, sagt Luz und richtet den Fokus nicht nur auf die WM, sondern bereits auf die Paralympics in Los Angeles 2028. Der Weg dahin wird jedoch alles andere als leicht werden, was nicht nur an der Konkurrenz liegt, sondern auch an der unzureichenden finanziellen Förderung von Ruderern in Deutschland und insbesondere von Para-Athleten. „Ich bin mir bewusst, dass Rudern eine Nischensportart ist“, sagt Luz. „Dennoch haben wir vor den großen Wettkämpfen immer wieder das leidige Thema der Förderung. Wir müssen uns gegen Athleten durchsetzen, die ihren Sport hauptberuflich betreiben und nichts anderes tun, als zu trainieren und an Wettkämpfen teilzunehmen. Und dann erwartet man von uns Medaillen, während ich von den 800 Euro Sportförderung durch die Deutsche Sporthilfe in einer Stadt wie München nicht überleben kann.“ In Deutschland müsse man sich viel mehr die Frage stellen, welchen Stellenwert der Sport in der Gesellschaft habe und was unter den Bedingungen für Athleten realisierbar sei. Talente und gute Trainer, sagt Luz, seien vorhanden. Parallel dazu bestehe jedoch die Sorge um Job und finanzielle Absicherung. Luz weiß, dass er auf dem Weg zu weiteren Erfolgen auch abseits der Rennstrecke einen langen Atem brauchen wird.
