FAZ 06.05.2026
14:25 Uhr

Lobbyverband der Versicherer GdV: Warum die Versicherer mit der Regierung zufriedener sind als andere


Anders als andere Branchen stellen die deutschen Versicherer der Bundesregierung ein befriedigendes Zeugnis aus, auch wenn man ausdrücklich keine Schulnote vergeben wollte.

Lobbyverband der Versicherer GdV: Warum die Versicherer mit der Regierung zufriedener sind als andere

Einmal im Jahr lädt der Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) zum Versicherungsgipfel in die Hauptstadt. Im vergangenen Jahr just an dem Tag, an dem der Koalitionsvertrag von CDU/CSU und SPD veröffentlicht wurde. Mittlerweile ist die Bundesregierung ein Jahr im Amt, und GDV-Hauptgeschäftsführer Jörg Asmussen möchte den Stab über ihre Arbeit nicht brechen. Das mag daran liegen, dass Asmussen selbst weiß, dass Regieren keine einfache Aufgabe ist. Er arbeitete gleich in zwei Ministerien als Staatssekretär, dem Bundesfinanzministerium und dem Bundesministerium für Arbeit und Soziales, zudem war er auch knapp zwei Jahre Direktoriumsmitglied in der Europäischen Zentralbank. Nur eine mündliche Note – keine Zahl Die Frage, welche Note er für die Arbeit der Bundesregierung vergibt, wollte Asmussen ausdrücklich nicht konkret beantworten. „Es gibt zwei Teile“, sagt er im Gespräch mit der F.A.Z. „Natürlich hätten wir uns bei Bürokratieabbau und Steuersenkungen mehr erhofft“, sagt er. Zugleich sieht Asmussen für die Versicherungsbranche aber auch „klare Verbesserungen des Rechtsrahmens“. In der Tat sind für die Versicherungsbranche relevante Projekte, die die Koalitionäre vor einem Jahr vereinbart haben, bereits relativ weit gediehen. Bei der Frühstarterrente liegen Eckpunkte vor, das Gesetzgebungsverfahren läuft. Die Idee ist, dass jedes Kind ab dem sechsten Lebensjahr monatlich zehn Euro vom Staat erhält, die in ein kapitalgedecktes und privatwirtschaftlich organisiertes, individuelles Altersvorsorgedepot fließen. Weiter ist die Bundesregierung sogar schon bei der Riester-Reform, der neuen staatlich geförderten privaten Altersvorsorge. Der Bundestag hat sie bereits beschlossen, der Bundesrat könnte schon am Freitag zustimmen. Die Reform soll zu Beginn 2027 in Kraft treten. Die Versicherer, wie auch die Banken, könnten gerade von der Reform der vor einem Vierteljahrhundert eingeführten Riester-Rente profitieren. „Riester war reformbedürftig. Eine hundertprozentige Garantie war zu viel, null Prozent Garantie bei einer reinen Kapitalmarktdeckung aber zu wenig“, sagt Asmussen. Der GDV-Hauptgeschäftsführer begrüßt die verschiedenen Garantiehöhen, die eine Balance zwischen Sicherheit und Rendite bieten. Der Staat als Versicherungsvertreter Kritisch sieht der GDV ein staatliches Standardprodukt, wie es das Gesetz vorsieht, dessen konkrete Ausgestaltung aber dem Bundesfinanzministerium obliegt. „Wir ermöglichen durch das Gesetz einem öffentlichen Träger, ein Standarddepot anzubieten. Dieses muss den gleichen Kriterien entsprechen, wie die privat angebotenen Standardprodukte“, heißt es auf der Website des Bundesfinanzministeriums. „Kapitalanlage kann der Staat, aber wie sieht es mit dem Vertrieb aus?“, gibt Asmussen zu bedenken. Natürlich sei denkbar, dass das Finanzamt Angebote für das staatliche Standardprodukt verschickt, aber Finanzbeamte würden ja durch Steuergelder finanziert. Für Versicherer sei der Vertrieb aber nicht gratis. „Wir fürchten den Wettbewerb nicht, aber wir wollen gleiche Regeln“, erklärt Asmussen im Interview. Als Hängepartie erweist sich immer noch die im Koalitionsvertrag vorgesehene Elementarschadenpflichtversicherung. Der GDV will die Versicherungsdichte „rechtssicher“ erhöhen. Derzeit hat knapp mehr als die Hälfte der Immobilienbesitzer eine Elementarschadenversicherung, wobei die regionalen Unterschiede recht hoch sind. Allen Hausbesitzern sollte aber die Abwahlmöglichkeit dieser Versicherung eingeräumt werden. Dies hat auf dem GDV-Versicherungsgipfel auch der CDU-Bundestagsabgeordnete Carsten Müller befürwortet. Sein SPD-Kollege Johannes Fechner, wie Müller im Justizausschuss des Parlaments, hatte das sogenannte „Opt-out“ im April auf einer Tagung des Bunds der Versicherten indes kategorisch abgelehnt. Asmussen sieht bei der Elementarschadenversicherung indes keine „tiefen ideologischen Gräben“ bei den Koalitionsparteien. „Wir glauben, dass sie überwindbar sind.“ Für die Versicherungsbranche ist auch die betriebliche Altersvorsorge von Interesse. „Die Ergebnisse der Rentenkommission fehlen noch, da müssen wir abwarten“, sagt Asmussen weiter. Luft nach oben sieht er allemal: Nur die Hälfte der Beschäftigten habe bisher eine betriebliche Altersvorsorge, gibt der GDV-Hauptgeschäftsführer zu bedenken. Lob erntet die Bundesregierung von Asmussen für die Umsetzung von EU-Vorgaben in nationales Recht, etwa beim Nachhaltigkeitsreporting oder der Produkthaftung. „Die EU-Vorgaben wurden eins zu eins in deutsches Recht umgewandelt“, sagt Asmussen. Das „Gold-plating“, also das weitere Anschärfen von EU-Vorgaben im deutschen Recht, habe nicht stattgefunden. Und dennoch: In einem Punkt gleicht der Wunsch der Versicherer an die Bundesregierung dem anderer Branchen. „Wir wünschen uns mehr Geschwindigkeit“, sagt Asmussen.