FAZ 12.05.2026
10:42 Uhr

Libeskind-Ausstellung: Die Wahrheit hat Zacken


Mit seinem Erweiterungsbau für das Jüdische Museum Berlin hat Daniel Libeskind unsere Vorstellung von Gedenkarchitektur für immer verändert. Dafür feiert ihn das Museum mit einer Ausstellung.

Libeskind-Ausstellung: Die Wahrheit hat Zacken

„Das Gelände war widerlich ... und das vorgeschlagene Programm ungeheuerlich.“ Nein, es ist nicht der Erweiterungsbau des Jüdischen Museums Berlin, über den Daniel Libeskind hier spricht. Es geht um den Gestaltungswettbewerb für das Areal des früheren SS-Truppenlagers im Konzentrationslager Sachsenhausen bei Oranienburg, ausgeschrieben 1993. Den ersten Preis gewann ein Plan für eine Wohnbebauung, Libeskind bekam einen Sonderpreis. Seinen Entwurf kann man jetzt im Jüdischen Museum betrachten. Er sieht vor, den größten Teil des Geländes unter Wasser zu setzen und in die Mitte eine Art Totenwald zu pflanzen, durchbrochen von einer Zentralachse aus zwei bunkerartigen Gebäuden, die durch eine Rampe verbunden sind. Es wäre ein Ort der Erinnerung gewesen, wie es ihn an keiner anderen deutschen KZ-Gedenkstätte gibt. Heute stehen ein Finanzamt und eine Polizeihochschule auf dem Areal; auch der Siegerentwurf, den Libeskind skandalös fand, wurde nicht verwirklicht. Ein Bibelvers des Jeremias steht unter dem Skizzenblatt Architektur schreibt Geschichte. Aber mit dem gezackten Blitz, der neben dem Stammhaus des Jüdischen Museums in die Oberfläche der deutschen Hauptstadt einschlägt, hat Libeskind noch mehr als das getan, er hat unsere Vorstellung von Gedenkarchitektur für immer verändert. Deshalb ist es nur konsequent, dass ihm das Museum an der Lindenstraße zu seinem achtzigsten Geburtstag eine Ausstellung widmet, die alle drei Phasen des Projekt dokumentiert, die Konzeption, den Entwurf und die bauliche Ausführung. Für das Konzept stehen ein drei Meter breites Blatt mit Skizzen, unter die der Architekt einen Bibelvers des Jeremias geschrieben hat, und eine Folge von Notenblättern mit Libeskinds Notizen. Hier liest man die Namen derjenigen, die er für sein Werk in den Zeugenstand ruft: Benjamin, Schönberg, Celan, Schleiermacher, Varnhagen, E. T. A. Hoffmann. Letzterer hat, wegen antisemitischer Motive in seinen Erzählungen, die Geschichtsprüfung nicht bestanden, so dass der als Hoffmann-Garten geplante Außenbereich des Museums heute „Garten des Exils“ heißt. Dass sich Libeskind seinerzeit nicht an den Belegstellen stieß, zeigt, dass jedes Pantheon auch eine Frage der Perspektive ist. Die Entwürfe, ein Studien- und zwei Ausführungsmodelle, sprechen eine andere Sprache. Sie zeigen, dass Libeskind entschlossen war, sein bis dahin hauptsächlich theoretisches Schaffen kompromisslos umzusetzen. Über die Voids, die Lücken im Gefüge, die dem Erweiterungsbau erst seine unverwechselbare Struktur geben, ist seither viel philosophiert worden, auch von ihrem Schöpfer selbst. Fest steht, dass sie für immer mit dem Namen Libeskind verbunden sein werden. Wie radikal seine Konzeption tatsächlich war, zeigt sich auch in den Fotos, die Silke Hemerdig von der Entstehung des Gebäudes ab 1994 gemacht hat: Sie wirken wie Bilder nicht einer Baustelle, sondern eines Ateliers. Der Entwurf für Oranienburg steht in einem Nebenraum, er ist das Bonusmaterial dieser nüchternen Ausstellung. Trotzdem kriegt man ihn nicht aus dem Kopf. Das Ungebaute hat seinen eigenen Zauber. Es glänzt im Licht der verpassten historischen Gelegenheit. Between the Lines. Daniel Libeskind und das Jüdische Museum Berlin. Jüdisches Museum, bis 1. November. Kein Katalog.