FAZ 10.05.2026
14:07 Uhr

Landrat Ulrich Krebs: Seit 20 Jahren Boss im Kreis


Zwei Jahrzehnte ist Ulrich Krebs schon Landrat im Hochtaunuskreis. Dort ist seine CDU noch stark wie ehedem. Trotzdem sagt er, müsse er sich die Zustimmung der Bürger verdienen. Wer ihn dabei begleitet, muss schnell sein.

Landrat Ulrich Krebs: Seit 20 Jahren Boss im Kreis

Am Stand der Handwerkskammer fertigt Landrat Ulrich Krebs einen Schlüsselbund. Er ist in einem Tross von Dezernenten, Mitarbeitern und Journalisten auf der Ausbildungsmesse des Hochtaunuskreises unterwegs. Ein Schüler spricht ihn an: „Arbeiten Sie hier auch?“ Der Tag der Ausbildung findet auf dem Freigelände des Landratsamts in Bad Homburg statt. Krebs, ein großer Mann mit graublondem Haar, lächelt kurz, nickt und antwortet: „Ich arbeite hier auch.“ Ob er der Boss sei, will der Junge wissen. „Ich bin so ein bisschen der Boss auch.“ Dann wendet sich der Landrat wieder dem Rohling zu, sägt und schleift. Ob der Boss ein Politiker sei, ob er von der CDU sei – diese Nachfragen beantwortet dem Jungen jemand von den Umstehenden. Krebs, in dunklem Anzug mit Krawatte, betätigt jetzt die Gravurmaschine. Der Kammer zufolge soll deren Lasertechnik die Innovationskraft des Handwerks verdeutlichen. „Dein Schlüssel zur Zukunft? Das Handwerk“, schreibt das Gerät auf den Schlüsselbund. „Wunderbar, eine schöne Erinnerung an heute“, sagt der Landrat. An diesem Tag könnte es dem 57 Jahre alten Landrat zupass kommen, dass er sich selbst als neugierig und begeisterungsfähig beschreibt. Denn er hat schon sehr viele solcher Tage zur Berufsorientierung besucht. Seit 20 Jahren steht der CDU-Politiker als Verwaltungschef an der Spitze des hessischen Landkreises. Am 9. Mai 2006 hat er das Amt angetreten. Aber Ausbildungsmessen kennt Krebs sogar schon aus seiner Zeit im Main-Taunus-Kreis. Dort, in Flörsheim, war er Erster Stadtrat, dann fünf Jahre lang Bürgermeister. Das krumme Datum seines jetzigen Jahrestags als Landrat erklärt er damit, dass am Wochenende nach dem 1. Mai 2006 noch die Katholische Arbeitnehmerbewegung Flörsheim ein Jubiläum mit dem amtierenden Bürgermeister habe feiern wollen. Also sei der Wechsel auf den 9. Mai verschoben worden. Im Amt ist Krebs Jürgen Banzer nachgefolgt. Banzer, auch ein CDU-Politiker, war als hessischer Justizminister nach Wiesbaden gewechselt. Krebs ist nur wenige Monate kürzer im Amt als sein Kollege Bernd Woide im Kreis Fulda: Der CDU-Landrat dort konnte das 20-Jahre-Jubiläum schon im Februar feiern. Vor rund zwei Jahren hat Krebs’ vierte Amtszeit begonnen. Die Landratswahl Ende Januar 2024 hat der CDU-Politiker im ersten Wahlgang gewonnen, gegen eine Grünen-Kandidatin und einen Bewerber von der AfD. Mit gut 67 Prozent verbesserte er sein Ergebnis von 2018 noch einmal um zehn Prozentpunkte. Krebs sagt, auch der traditionell schwarze Hochtaunuskreis sei „nicht das gelobte Land“ für Wahlkämpfer mit schwarzem Parteibuch. Er erinnert an den früheren Bad Homburger Oberbürgermeister Michael Korwisi von den Grünen, der sich 2009 in der Stichwahl gegen die Amtsinhaberin von der CDU durchsetzte. „Auch hier muss es verdient werden.“ An einem anderen Tag in diesem Frühling sitzt Krebs – wieder im Anzug, diesmal ohne Krawatte – in einem Besprechungsraum des Landratsamts. Er hat an einer Ecke des sehr langen Tisches Platz genommen. Auf derselben Seite sitzen der Geschäftsführer und weitere Mitarbeiter des Verkehrsverbands Hochtaunus. Der Landrat ist der Vorsitzende, Verbandsmitglieder sind der Hochtaunuskreis und seine 13 Kommunen. Deshalb sitzen ihm etliche Bürgermeister und Dezernenten gegenüber. Dem Verband gehört vor allem die Taunusbahn, die im Schienennetz des Rhein-Main-Verkehrsverbunds als Regionalbahn 15 fährt. Die Strecke hat Krebs, der bis vor wenigen Jahren außerdem Aufsichtsratsvorsitzender des RMV war, wegen der missglückten Umstellung von Diesel- auf Wasserstoffantrieb viel Ärger eingebracht. In der Besprechung geht es bei Wasser, Kaffee und belegten Brötchenhälften aber um andere Themen. So betreibt der Verband im Kreisgebiet auch Busse. Krebs führt bestimmt und konzentriert durch die Sitzung, hakt nach, stellt Fragen zu einzelnen Haltestellen, bittet darum, dass sich bestimmte Beteiligte miteinander abstimmen. Ab und zu macht er einen Scherz. Die Runde lacht. In den nächsten Jahren wird den Landrat vor allem die Elektrifizierung der Taunusbahn-Strecke bis Usingen beschäftigen. Das ist ein wichtiges Projekt für den ländlichen nördlichen Hochtaunuskreis, dessen Kommunen im Vergleich zu Bad Homburg, Oberursel, Königstein und Kronberg im Vordertaunus deutlich schlechter an Frankfurt angebunden sind. Krebs hofft, wie er bei anderer Gelegenheit sagt, dass die S-Bahn-Linie 5 im Jahr 2029 bis in die 15.000-Einwohner-Stadt fahren kann, nicht nur bis Friedrichsdorf wie bisher. „Das will ich schaffen.“ Die nächste Landratswahl findet im Frühjahr 2030 statt. Krebs kann sich vorstellen, abermals zu kandidieren, „wenn die Rahmenbedingungen stimmen“. Wer ihn regelmäßig trifft, gewinnt den Eindruck, dass er das Amt nach wie vor gerne ausübt. Wie vielen Berufspolitikern ist ihm manchmal aber auch anzusehen, dass er müde ist. Er gähnt dann nicht, aber die Augen lassen es ahnen. Krankenhaus-Neubauten und Seilbahn-Projekt In dem Job sei vieles fremdbestimmt, sagt er selbst. Da bleibt wenig Zeit für Familienleben mit seiner Frau Daniela, die als Geschäftsführerin des Tourismus-Dachverbands Taunus-Touristik-Service arbeitet, und der fünf Jahre alten Tochter. Unter der Woche empfindet Krebs, der mit der Familie in Kronberg wohnt, das trotz abendlicher Sitzungen und Veranstaltungen weniger als am Wochenende. Am 1. Mai war er erst beim Deutschen Roten Kreuz in Friedrichsdorf, hat dann das Oberurseler Bierfest eröffnet, anschließend an der Strecke des Fahrradrennens Eschborn–Frankfurt vorbeigeschaut und ist schließlich noch zur Siegerehrung nach Frankfurt gefahren. Jeder einzelne Termin sei schön gewesen, aber: „Man weiß, was man getan hat.“ Er sagt auch, er mache sich keine Illusionen darüber, dass die Zeit, wenn er nicht mehr „24/7“ im Einsatz sei, schwierig werde. Auch wenn er dann wieder mehr Ski fahren und Ausstellungen im Städel und im Liebieghaus in seiner Geburtsstadt Frankfurt besuchen kann. Den Bau der beiden Krankenhäuser in Bad Homburg und Usingen nennt der Landrat als besondere Wegmarke. Im Jahr 2014 gingen die Neubauten der Hochtaunus-Kliniken in Betrieb, nach Jahren der Planung und des Streits auch über den Standort. „Für so etwas muss man jung sein“, sagt Krebs. Im Juni wird er 58. Ein Vorhaben ähnlicher Dimension wäre vermutlich eine Seilbahn auf den Großen Feldberg. Da gibt sich der Landrat zurückhaltend. Wichtig sei, den Verkehr rund um den Gipfel in den Griff zu bekommen. Damit der Bus akzeptiert werde, müssten die Autos unten bleiben. Fortsetzen will Krebs das Schulbauprogramm. Als Erfolg kann er dabei verbuchen, dass die Sanierung der Gesamtschule am Gluckenstein in Bad Homburg trotz der Haushaltslage eine Einzelgenehmigung vom Regierungspräsidium erhalten hat. Das Großprojekt wird in den nächsten Jahren mehr als 70 Millionen Euro kosten. Für die Sanierung des Prinzenpalais in Usingen will der Landrat demnächst einen Förderverein gründen. Früher einmal war die Immobilie das Landratsamt des historischen Kreises Usingen. Nach einer Renovierung könnte dort ein Haus der Kultur entstehen. Anfang Mai ist der neue Kreistag nach der Kommunalwahl in Hessen am 15. März erstmals zusammengetreten. Krebs eröffnet die Sitzung in der Rotunde des Landratsamts. Er gratuliert „jedem Einzelnen von Ihnen“ zur Wahl. Die nächsten fünf Jahre würden nicht einfach, aber, und hier zitiert er Adenauer: „Demokratie muss gelebt werden.“ Ein paar Tage später wird der CDU-Politiker erzählen, dass seine Grundschullehrerin ihm einst einen Bildband über den Altkanzler schenkte. Etwa im selben Alter habe er mit seinen Eltern das Adenauerhaus in Rhöndorf besucht. Aufgewachsen ist er in einem Stadtteil von Eppstein; Mutter und Vater leben noch immer dort. Auf das Gymnasium ist er im Hochtaunuskreis gegangen, auf die katholische Bischof-Neumann-Schule in Königstein. „Der rennt so schnell“ In der Kreistagssitzung erinnert der Vorsitzende an die Corona-Jahre – als die Abgeordneten in der Philipp-Reis-Schule in Friedrichsdorf tagten, weil nur dort ein Saal in passender Größe vorhanden war. Wie für jeden Landrat war die Pandemiezeit auch für Krebs herausfordernd. Er spricht vor allem über die Situation in den Pflegeheimen, aber auch von der Freude, wenn Schüler vor den Fenstern musizierten. „Sehr stolz“ ist er darauf, wie der Kreis 2015 die Flüchtlinge aufgenommen habe, „über alle Parteigrenzen hinweg“. Der Landrat des Nachbarkreises, Michael Cyriax im Main-Taunus-Kreis, hatte damals den Katastrophenfall ausgerufen. Feiern wird Krebs sein 20-Jahre-Jubiläum demnächst auf dem Gelände der Kirchenruine Landstein in Weilrod. Die Renovierung der ehemaligen Wallfahrtskirche hat der Landrat auch als Vorsitzender des Naturparks Taunus organisiert. Er selbst sagt, die 20 Jahre seien „wie im Flug vergangen“. Gleichzeitig ist die Welt schneller geworden: Anfangs hat er noch Briefe beantwortet, jetzt läuft der E-Mail-Speicher ständig voll. Auch sind Landräte seiner Beobachtung nach erreichbarer geworden und viele Leute ungeduldiger, härter im Umgang mit Ämtern und Behörden – und auch im Umgang mit Politikern. Ihn hätten Eltern schon aufgefordert, den Schulranzen ihres Kindes zu heben, weil sie den Weg zur nächsten Bushaltestelle mit dieser Last als zu weit empfunden hätten. Sein eigener Berufswunsch als kleines Kind war Pilot. Schon bald aber kam er zur Politik, zunächst in der Jungen Union und im Ehrenamt: Mit gut 20 Jahren wurde er 1989 Stadtverordneter in seiner Heimatstadt Eppstein. Studiert hat Krebs Geschichte in Bonn und Frankfurt. Gleich nach dem Magister bekam er seinen ersten Job im Hochtaunuskreis: Er wurde persönlicher Referent und Büroleiter von Landrat Jürgen Banzer. Am Tag der Ausbildung können die Jugendlichen bei einem Dachdecker Nägel einschlagen. Krebs feuert einen Jungen an: „Komm, das schaffste, auf, zack, zack!“ Als er selbst den Hammer in die Hand gedrückt bekommt, sagt er: „Da könnt ihr jetzt mal lachen.“ Stattdessen applaudieren die Teenager, denn der Landrat zimmert den Nagel souverän in den Block. Er wechselt noch ein paar Worte mit dem Chef des Betriebs und marschiert weiter, ohne sich umzuschauen. Im Getümmel der Schüler hat er den Tross abgehängt. „Der rennt so schnell“, sagt ein Mitarbeiter. Der Landrat hält inzwischen eine Bürste in der Hand, dann soll er einem Frisierkopf einen Zopf flechten. „Drei Strähnen, immer von oben in die Mitte“, weist ihn eine Frau an. Krebs hat das eindeutig noch nie gemacht. „Ich üb’s bei meiner Tochter dann.“