FAZ 14.05.2026
13:42 Uhr

Kulturkino in Schlüchtern: Wie aus einer Synagoge ein Kino wurde


Sie war Gotteshaus, Kleiderfabrik – und Standort eines der renommiertesten Programmkinos in Deutschland. Dieses Kapitel der Geschichte der ehemaligen Synagoge in Schlüchtern hat Heide Buhmann jetzt aufgeschrieben.

Kulturkino in Schlüchtern: Wie aus einer Synagoge ein Kino wurde

Oscar-Preisträger Volker Schlöndorff hat das „Kuki“ besucht, Michael Verhoeven und Iris Berben zählten zu den Unterstützern: Das Kulturkino in der ehemaligen Synagoge Schlüchterns war von 1995 bis zu seiner Schließung 16 Jahre später eine wichtige Adresse der deutschen Kinoszene. Getragen von der ehrenamtlichen Arbeit eines Vereins, wurde das ehemalige Gotteshaus zu einem Kulturhaus und einer Filmkunststätte – und einem Beispiel zum Umgang mit der jüdischen Geschichte in der hessischen Kleinstadt. So beschreibt es Heide Buhmann, eine der Frauen und Männer der ersten Stunde des Trägervereins Kuki, wie sich das „Kulturkino“ abkürzt. 1898 wurde die neue Synagoge eröffnet: ein prächtiger Bau, in dessen Architektur Stilelemente einer Kathedrale aufgegriffen wurden. Sie war auch Ausdruck des Selbstverständnisses einer bedeutenden jüdischen Gemeinde. Mit 14 Prozent jüdischer Bürger war sie gemessen an der Einwohnerzahl der Stadt eine der größten in Deutschland überhaupt. Die Blüte endete im Nationalsozialismus.  Am 9. November 1938 brannte auch der Bau an der Grabenstraße. Das Feuer wurde zwar gelöscht und das Gebäude nach dem Krieg wieder hergerichtet, doch die Geschichte der jüdischen Gemeinde war unwiederbringlich beendet worden. Die Synagoge wurde verkauft und als Kleiderfabrik genutzt. Es kam zu massiven Eingriffen in die Substanz des Bauwerks und dem Abbruch des Thoraschreins. Zusammen mit der baurechtlichen Einstufung als Fabrik und Lagerhalle sollte der Umbau nach Buhmanns Darstellung später dem Kulturbetrieb des Kuki das Genick brechen. Von der Fabrik zum Kulturhaus Als die frühere Synagoge, die von der Stadt gemietet worden war, 1995 zum Kulturhaus mit dem Verein als einem der maßgeblichen Akteure wurde, sollte auch die Geschichte des Gebäudes und der jüdischen Gemeinde wieder in den Blick gerückt werden. Heidrun Kruse-Krebs, damals Kulturbeauftragte der Stadt, und Kuki-Gründer Hanspeter Haeseler arbeiteten laut Buhmann, Haeselers Ehefrau, ein Konzept aus. Das reichte von der Architektur des Gebäudes, die mit Punktleuchten im oberen Saal in Szene gesetzt wurde, bis zum Umbau des Raums hinter dem Eingang. Unter anderem wurden dort die wenigen verbliebenen Kultgegenstände ausgestellt. Eine Pergamenthaut mit 130 Namen erinnerte an die Familien aus der Region, die von den Nazis verschleppt und ermordet worden waren. Das bedurfte laut Buhmann etlicher Gespräche mit Vertretern der Stadt und dem Besitzer des Gebäudes. Auch die erste Filmvorführung des Kuki im Jahr 1995 setzte ein Statement zur Geschichte der früheren Synagoge: Gezeigt wurde Spielbergs 1993 entstandener Film „Schindlers Liste“ über den Fabrikanten Oskar Schindler, der 1100 Juden vor dem Tod in den Vernichtungslagern der Nazis bewahrte. In den nächsten Jahren etablierte sich das Kuki mit einem Programm vom europäischen Arthouse-Kino bis hin zu populären Hollywood-Produktionen. Ein Schwerpunkt war zudem die Verzahnung des Kinos mit dem übrigen Betrieb des Kulturhauses in der ehemaligen Synagoge – von Kleinkunst über Konzerte bis hin zu Lesungen in enger Zusammenarbeit mit der Kulturbeauftragten. Entstanden war der Verein 1993 nach der Schließung des Kinos in der Stadt, nun bespielte er ein Lichtspielhaus mit 115 Sitzplätzen. Und das Programm kam an, auch wegen der besonderen Atmosphäre des Kinos im früheren Gotteshaus. Laut Buhmann zählte das Kuki in seinen letzten Jahren durchschnittlich 450 Veranstaltungen mit bis zu 50.000 Besuchern. Zudem wurde es ausgezeichnet, so mit dem hessischen Kinopreis und dem Programmkinopreis des Kulturstaatsministers. Anfangs hatte das Kuki pro Veranstaltung ein Nutzungsentgelt an die Stadt überwiesen, später eine monatliche Pauschale. 2009 sollte laut Buhmann eine neue Regelung gefunden werden, ein Untermietvertrag sowohl für den schon für das Kino genutzten oberen Saal als auch den Galerieraum im Erdgeschoss. 350.000 Euro standen dem Verein für die Anpassung zur Verfügung, neben 100.000 Euro an eigenem Geld noch Zuschüsse von der Filmförderanstalt und der Europäischen Union. Ende des Lichtspielhauses Doch schnell zeigten sich die Haken der Vereinbarung. Im derzeitigen Zustand könne das Gebäude nicht versichert werden, hieß es zum Beispiel. Auch der vom Verein beauftragte TÜV bescheinigte Sicherheitsmängel von einem vernagelten Notausgang bis hin zu fehlenden Beschlägen für Brandschutztüren, das alles in Räumen, die zuvor von der Stadt selbst für Kulturveranstaltungen genutzt worden waren. Das Kuki setzte sein Programm aus, die Stadt sollte die Mängel beseitigen. Was folgte, war laut Buhmann ein „Gezappel“ zwischen Verein, Stadt und dem Besitzer der Synagoge. Buhmann schreibt von Versäumnissen der Kommune: von der fehlenden baurechtlichen Absicherung als Versammlungsraum bis hin zu einem unklaren Mietverhältnis zwischen der Stadt und dem Besitzer des Anwesens. Der teilte schließlich mit, kurz vor einem für das Kino positiven Beschluss der Stadtverordneten, dass er das Kuki nicht mehr in der Synagoge wolle – das Ende des Kinos war besiegelt. Buhmann, die ansonsten zurückhaltend formuliert, schreibt von einem „moralischen Versagen der Stadt“. Noch zehn Jahre lang setzt der Verein seine Arbeit fort, genutzt wurde dafür während der Sommermonate ein Zirkuszelt. Doch 2020 strichen die Aktiven die Segel: Ohne eine feste Räumlichkeit für das Kulturkino gebe es keine Perspektive für die weitere Arbeit, berichtet Buhmann. Immerhin geht es in der ehemaligen Synagoge selbst wieder voran. Nach langem Leerstand hat die Stadt das Gebäude 2020 gekauft und in Erbpacht an den Verein der Freunde der Synagoge Schlüchtern vergeben. Für bis zu acht Millionen Euro werden der frühere Sakralbau und das benachbarte Rabbinerhaus saniert, laut Plan soll die Synagoge im November wieder geöffnet werden. Dann soll sie auch wieder zu einem Platz für Kultur und zum Zentrum für interreligiöse Veranstaltungen werden. Ausstellungen zur Geschichte der Synagoge und dem jüdischen Leben gehören ebenfalls zum Nutzungskonzept. Nachlesen lässt sich Buhmanns Schilderung der Kuki-Geschichte unter anderem im Internet unter der Adresse kuki.shorthandstories.com