Pablo Casals ist in Kronberg gegenwärtig, nicht nur dort, wo Musik erklingt. Im zentralen Victoriapark der Stadt erinnert eine Bronzeplastik des 1956 geborenen Bildhauers Walter Schembs, ausdrücklich als „Hommage“ bezeichnet, an ihn. Als die Viola-Studentin Noga Shaham zum ersten Mal in die Stadt kam und die Statue entdeckte, fragte sie sich: „Wo bin ich denn hier gelandet, wo Musik so einen Stellenwert hat? Und das in unserer Zeit!“ Ihr Kommilitone Samuel Rosenthal, der ebenfalls Bratsche spielt, nennt Casals „eine wichtige Inspiration“ und leitet für sich dessen oft zitierte Priorisierung ab, sich in erster Linie als Mensch und erst dann als Musiker zu verstehen. Wer in Kronberg studiert, kann Casals also nicht übersehen, seine oft zitierten Botschaften nicht überhören. Das gilt erst recht in diesem Jahr, in dem das Motto des Kronberg Festivals, „Courage“ (mit Ausrufezeichen!), im Allgemeinen an den vor 150 Jahren geborenen Jubilar erinnert und ein Kammermusikabend am 25. September im Besonderen: „Für Casals“ ist er überschrieben; Noga Shaham und Samuel Rosenthal werden die beiden Viola-Stimmen im Streichquintett Nr. 2 G-Dur op. 111 von Johannes Brahms übernehmen. Was verbindet, was verbinden Musiker, die vier Generationen jünger sind, heute mit Pablo Casals? Die Hommage bleibt: „Er ist einer der Helden meines Instruments“, sagt Michael Shaham. Dabei spielt der 2003 in Tel Aviv geborene Masterstudent nicht einmal Cello, sondern Geige. Dass Casals Johann Sebastian Bachs Suiten für Violoncello solo „aus der Ecke der Übungsstücke“ herausgeholt habe, habe auch Auswirkungen auf die Rezeption von Bachs Sonaten und Partiten für Violine solo gehabt. „Wenn ich seine Aufnahmen höre, versuche ich herauszufinden, warum sie so gut sind. Ich glaube, er hat auf dem Cello gesprochen.“ Michael Shahams zwei Jahre ältere Schwester Noga, die den Masterstudiengang schon abgeschlossen hat und ihre Ausbildung in den Kronberger „Professional Studies“ vertieft, hat Bachs Cello-Suiten auf der Bratsche einstudiert. Casals habe sich nicht darum geschert, wie etwas in der Barockzeit gespielt wurde und was die historisch informierte Aufführungspraxis für richtig oder falsch halte. Trotzdem sei „nichts Abwegiges“ in seinem Spiel. Courage: Das bedeutet für sie künstlerische Authentizität, Individualität, Treue gegenüber sich selbst. Courage bedeutet aber auch: Verletzlichkeit zuzulassen, wenn man als Künstler seine musikalische Interpretation nach außen trägt und mit dem Publikum teilt, findet Samuel Rosenthal, Noga Shahams 2000 im amerikanischen Cleveland geborener Kommilitone. Neben den Lehrern seien vor allem die Beziehungen zu den Kollegen und den Freunden ein wichtiger Grund für ihn, in Kronberg zu studieren. „Clubgeist“ nennt Michael Shaham das. Vielleicht ist Pablo Casals auch darin Vorbild, weil er um die große Bedeutung der Zusammenarbeit, des Austauschs mit anderen Musikern wusste, im legendären Trio mit dem Geiger Jacques Thibaud und dem Pianisten Alfred Cortot. Und später, im französischen Pyrenäenort Prades, im Rahmen des von ihm begründeten Musikfestivals, das Noga Shaham schon als Kind besucht hatte. Denn ihr Vater trat dort als Musiker auf, erlebte sie zum ersten Mal eine Aufführung des zweiten Streichquintetts von Brahms. Mit Gary Hoffman als Cellist, der das Werk nun mit den Kronberger Studenten einstudieren wird. Dass den Bratscher Samuel Rosenthal das Werk und die Individualität seiner Streicherstimmen zum Vergleich mit einer Demokratie anregen, hätte Casals möglicherweise gefallen. Ein wenig Distanz ist zu spüren, wenn man Noga und Michael Shaham auf Casals’ Entscheidung anspricht, sogar in seinem Heimatland, dem von Franco regierten Spanien, nicht mehr aufzutreten. „Ich fühle mich verpflichtet, für Menschen zu spielen, nicht für Regimes“, sagt Noga Shaham. Das freilich könne sie nur für sich selbst entscheiden, denn: „Pablo Casals war doch eine viel größere Person, als ich es bin.“
