Die Geschichte des Zionismus ist auch die Geschichte seiner Ablehnung. Als Theodor Herzl 1897 auf der Suche nach einem Austragungsort für seinen geplanten ersten Zionistenkongress war, hatte er München im Sinn. Der Allgemeine Rabbiner-Verband in Deutschland, eine Vorgängerorganisation des Zentralrats der Juden, und die Israelitische Kultusgemeinde München protestierten jedoch lautstark, sodass der österreichische Journalist und Autor des Buches „Der Judenstaat“ nach Basel ausweichen musste. Sein Plan, durch die Gründung eines eigenen Staates eine „moderne Lösung der Judenfrage“ zu finden, stieß zu Beginn auf Hohn und Spott – und auf Besorgnis. Viele jüdische Bürger mittel- und westeuropäischer Länder sahen ihre Assimilationsbemühungen bedroht. Orthodoxe Juden wiederum betrachteten die Idee, selbst einen jüdischen Staat zu gründen, als Gotteslästerung. Herzl blieb unbeirrt. Es gelang ihm, die bestehenden nationaljüdischen Strömungen zu organisieren. Die Aktivitäten der Zionisten – Organisation von Einwanderung nach Palästina und Landkauf sowie Werben um diplomatische Unterstützung bei Großmächten – blieben aber von Widerspruch begleitet. Als der britische Außenminister Arthur Balfour 1917 die Balfour-Erklärung abgab, warnte das einzige jüdische Kabinettsmitglied, Indien-Minister Edwin Montagu, die Unterstützung der Idee einer „nationalen Heimstätte“ für die Juden sei „in ihrer Wirkung antisemitisch“. Auch von den Bewohnern der für diese Heimstätte vorgesehenen Gebiete, den Arabern Palästinas, kam zunehmender Widerstand gegen das zionistische Projekt. Antizionismus gleich Antisemitismus? 1948 erfüllte Herzls Traum sich mit der Gründung Israels. Dennoch schlägt dem Zionismus weiterhin Ablehnung entgegen – im Ausland vor allem aus linken Kreisen. Zugleich haben die Bestrebungen zugenommen, Antizionismus als Form von Antisemitismus zu brandmarken. Beides zeigte sich jüngst, nachdem der niedersächsische Landesverband der Partei Die Linke beschlossen hatte, „den heute real existierenden Zionismus“ abzulehnen. Erläuternd heißt es in dem Beschluss vom 15. März, dass es sich historisch um keine einheitliche Ideologie handele. Heute erkenne man jedoch einen „politischen Zionismus, der sich durch Rassismus, Besatzungspolitik und militärische Gewalt auszeichnet“. Damit stehe er einer friedlichen Zukunft aller Menschen in der Region im Wege. Kritiker sahen in der Differenzierung Augenwischerei und kritisierten den Beschluss als Frontalangriff auf Israel als solches. So sprach Josef Schuster, der Vorsitzende des Zentralrats der Juden, von einer „demonstrativen Ablehnung“ Israels und warf den Linken vor, ihr „Antizionismus“ sei „schlecht kaschierter Antisemitismus“. Der brandenburgische Antisemitismusbeauftragte, Andreas Büttner, verkündete seinen Parteiaustritt. „Zionismus abzulehnen, bedeutet nichts anderes, als das Existenzrecht Israels infrage zu stellen“, schrieb er. Wende im Sechstagekrieg 1967 Solche Debatten spielen sich auf mehreren Ebenen ab. Zum einen stellt sich die Frage nach den Motiven, bestimmte Formeln und Begriffe zu verwenden. Da können etwa antisemitische Beweggründe eine Rolle spielen. Zum anderen gibt es die Sachebene. Hier ist offenkundig, dass beide Seiten – positive oder negative – Idealbilder anführen. Die Autoren der Beschlussvorlage legen nahe, dass es entgegen der einstigen Vielgestaltigkeit heute nur einen, den „real existierenden politischen Zionismus“ gebe. Ihn machen sie für alle Untaten Israels an den Palästinensern verantwortlich. Aber auch die Verteidiger verkürzen den Zionismus mit der Behauptung, er sei nicht mehr als „die Idee, dass das jüdische Volk ein Recht auf Selbstbestimmung in einem eigenen Staat“ (Büttner) habe. Michael Brenner spricht im Plural von „Zionismen“, wenn er die Geschichte der Ideologie beschreibt. Eine große Wende habe der Sechstagekrieg 1967 dargestellt, erläutert der deutsche Historiker. Zu den langfristigen Folgen gehörten die Besetzung palästinensischer Gebiete, eine religiös motivierte Siedlerbewegung und ein messianisch inspiriertes Sendungsbewusstsein in Teilen der israelischen Bevölkerung. „Einiges davon war sicherlich schon in den ursprünglichen Versionen des Zionismus angelegt“, meint Brenner, „aber ich fürchte, die Begründer des Zionismus wie auch des Staates Israel würden sich angesichts der Politik der heutigen Regierung im Grabe umdrehen.“ Auch deshalb warnt der in München und Washington lehrende Wissenschaftler davor, die Idee des Zionismus in einem Atemzug mit der Politik der Regierung Benjamin Netanjahus zu verurteilen. Während Brenner glaubt, das „Zeitalter der -ismen“ sei vorbei, sprechen andere von einem „Neozionismus“, der Israel heute politisch und ideologisch präge. Er habe den Linkszionismus abgelöst, nachdem dieser in den 1990er-Jahren als Friedensideologie gescheitert sei, schreibt die deutsch-israelische Historikerin Tamar Amar-Dahl. Der Neozionismus sei eine stärker ideologisierte, nationalistischere und selbstbewusstere Variante des historischen Zionismus. Seine Anhänger erhöben Anspruch auf das gesamte „Land Israel“ vom Mittelmeer bis zum Jordan und betrachteten Israel als ausschließlich jüdisch. „Neozionismus“ oder nicht – die Verbindung von Zionismus und (radikalem) Judentum prägt Israel immer stärker. Zwei Parteien, die für diese Strömung stehen, „Jüdische Stärke“ und „Religiöser Zionismus“, sind an der Regierung beteiligt und treiben ihre Agenda massiv voran. Ihnen schlägt zwar auch in Israel Ablehnung entgegen. Allerdings gibt es derzeit kaum politische Angebote, die der Überlegenheitsideologie der sogenannten Nationalreligiösen Kontra geben und einen großen Teil der Bevölkerung hinter sich versammeln könnten. Vielleicht wartet Herzls Vision darauf, ein weiteres Mal neu interpretiert zu werden.
