FAZ 10.05.2026
13:58 Uhr

Krise in Großbritannien: Muss Starmer gehen?


Nach den verheerenden Niederlagen der Labour-Partei bei Kommunal- und Regionalwahlen wackelt der Stuhl des Premierministers. Er hat Fehler gemacht.

Krise in Großbritannien: Muss Starmer gehen?

„Rübe ab“ ist der Lieblingsruf der tyrannischen Herzkönigin im berühmtesten englischen Kinderbuch Alice im Wunderland. Es scheint so, als hätten die britischen Wähler dieses Kommando übernommen. Viele Politiker der regierenden Labour-Partei berichten aus dem Wahlkampf für die Kommunal- und Regionalwahl, die jetzt dramatisch für Labour verloren ging, ihnen sei aus vielen Haustüren die Überzeugung „Jeder, aber bloß nicht Starmer“ entgegengeschallt. Dass der britische Premierminister in nur zwei Jahren seiner Amtszeit einen derart massiven Verfall seines Ansehens bewirkt hat, liegt nach seinem eigenen Eingeständnis auch an unnötigen Fehlern. Die Berufung des Labour-Strippenziehers Peter Mandelson war davon der bizarrste. Andere Fehlkalkulationen kamen hinzu, etwa der frühe Missgriff, britischen Rentnern die winterliche Heizkostenbeihilfe zu entziehen, ohne dies in eine umfassendere Sozialreform einzubinden. Der folgende Proteststurm bewirkte eine Kehrtwende (jetzt wird die Subvention wieder gezahlt), der viele weitere Kehrtwenden folgten. Eine Hinterbänklerin tritt gegen ihn an Aber Starmer trägt auch die Folgen eines allgemeinen Ansehensverlusts von Politikern, der schon in der vorhergehenden konservativen Regierungsära einsetzte, in der sich binnen 14 Jahren fünf Premierminister abwechselten. Das Rübe-ab-Spiel wurde damals leidenschaftlich von der konservativen Unterhausfraktion inszeniert, die bloß genügend Umschläge mit Missfallensbekundungen an den Tribun der Hinterbänkler zu senden brauchte, um den Sturz ihres Regierungschefs einzuleiten. Auch Starmer umwabern seit Monaten Mutmaßungen, sein Sturz werde vorbereitet; mindestens drei Konkurrenten werden genannt: seine frühere stellvertretende Parteichefin Angela Rayner, sein Gesundheitsminister Wes Streeting und der als „König des Nordens“ verehrte Bürgermeister von Manchester, Andy Burnham. Alle drei unternehmen wenig, um ihre Ambitionen zu kaschieren, sind aber andererseits auch (noch) nicht bereit, einen offenen Machtkampf zu wagen. So war es jetzt auch bei Labour eine Hinterbänklerin, die zu dem Schluss kam, wenn kein anderer kandidiere, dann müsse sie halt selbst gegen Starmer antreten. Nach der Labour-Satzung muss ein Fünftel der Unterhaus-Abgeordneten einen Herausforderer stützen, damit ein Wahlwettbewerb um den Parteivorsitz stattfinden kann. Die Zahl derer in der Labour-Fraktion, die Starmer die Aufforderung der Herzkönigin entgegenrufen, lag am Sonntag erst halb so hoch.