FAZ 11.05.2026
17:14 Uhr

Kolumne „Nine to Five“: Pasta? Basta!


Premierenwoche voller Neuerungen. Im Team brodelt es, die Stimmung droht zu kippen. Nur einer bewahrt die Ruhe. Das hat er seiner Mutter zu verdanken – und einer Portion Nudeln.

Kolumne „Nine to Five“: Pasta? Basta!

Der Mann ist Ende vierzig, schafft in einem technischen Bereich und bleibt Tag für Tag, Spätschicht für Spätschicht gelassen. Wenn alle anderen um ihn ausflippen und Druck ablassen, indem sie laut und ungerecht werden, verkörpert dieser Mensch die Ruhe selbst. Vielleicht ist es ein Charakterzug, vielleicht ist es den Triathlons geschuldet, die er meistert. Nicht einmal in den Wochen einer großen technischen Neuerung kippt seine Stimmung. In das wütende Gekeife der anderen – Leitmotiv: „Wenn noch einer das Wort ‚Transformation‘ in den Mund nimmt, schreie ich!“ – stimmt er nicht ein. Die Auszubildenden nehmen es sportlich Ruhig arbeitet er sich in Neuerungen ein. Inkludiert sind unangenehme Überraschungen, die allein die Auszubildenden sportlich aufnehmen: total spannend, bei so einer Umstellung dabei zu sein, total entspannend, noch für nichts die Verantwortung tragen zu müssen. Dafür gibt es ja souveräne Kollegen wie den D. Nach getaner Arbeit sind die Jüngeren dann doch erstaunt, wie der ausgeglichene D. die kräftezehrende Premierenwoche bilanziert: „Abends war ich mental auf dem Stand einer Amöbe.“ Ein Bekenntnis als kleiner verbaler Befreiungsschlag. D. ist nun mal kein Wutmensch, der äußerlich die Tastatur traktiert, wenn es innerlich in ihm brodelt. Woher rührt diese Beherrschtheit? D. klärt auf: Das liege an seiner temperamentvollen Mutter. Die habe ihn und seine Geschwister immer wieder vergeblich aufgefordert, kleine Handlangerdienste im Haushalt zu verrichten. Die Kinder stellten die Öhrchen auf Durchzug. Wirklich zu lästig, sich von der Spielkonsole zu lösen – soll die Mutter doch den Tisch decken, die ist in Übung. In Erwartung, dass der Service anrollt Eines Tages war zu viel Dampf auf deren Kessel. Nicht nur die Bolognese brodelte auf dem Herd. Die Mutter rief zu Tisch, der hungrige Nachwuchs hatte sich eingefunden, in Erwartung, dass der mütterliche Service anrollte, Teller und Besteck nachreichte und das Abendessen auftrug. Die Mutter machte kehrt, kam mit einem Sieb Spaghetti zurück und kippte auf den leeren Tisch die volle Ladung Nudeln. Schwungvoll erschien sie mit der Tomatensoße und kübelte sie auf die Pasta. Basta! „Lasst es euch schmecken!“ Sie selbst holte sich einen appetitlich angerichteten Teller und speiste ungerührt. D. hat das nie vergessen: „Aufgaben abarbeiten, eine nach der anderen.“ In der Kolumne „Nine to five“ schreiben wöchentlich wechselnde Autoren mit einem Augenzwinkern über Kuriositäten im Arbeitsleben.