FAZ 01.06.2026
14:52 Uhr

Kochbuch „Alles Kartoffel“: Von wegen Sättigungsbeilage


Die Kartoffel ist aus der deutschen Küche nicht wegzudenken. Aber sie hat ein Imageproblem. Ein bemerkenswertes neues Buch will dem entgegenwirken – mit viel Wissen und ebenso feinen wie alltagstauglichen Rezepten.

Kochbuch „Alles Kartoffel“: Von wegen Sättigungsbeilage

Friedrich der Große hat den Deutschen die Kartoffel ans Herz gelegt – oder besser: in den Mund. So will es die Legende. Und dazu gibt es die schöne Geschichte, die davon erzählt, dass der König von Preußen einst einen Kartoffelacker von seinen Grenadieren bewachen ließ, um seinen Untertanen die damals noch unbeliebte Knolle interessant und schmackhaft zu machen. Schon nach ein paar Tagen sollen die Leute Kartoffeln geklaut haben, was das Zeug hielt – und heute sind nicht nur die Preußen unter den Deutschen wahre Knollenfresser. Jeder Deutsche futtert derzeit im Jahr mehr als 63 Kilogramm Kartoffeln. Natürlich im Durchschnitt, aber immerhin. Als Puffer, Püree, Suppe, Salat, als Kloß, Chips, Pommes oder einfach nur gekocht: Erdäpfel kommen hierzulande in unendlichen Variationen auf den Tisch. Den Ruf als Sättigungsbeilage sind sie trotzdem nie richtig losgeworden. Nicht einmal der „Internationale Tag der Kartoffel“ konnte daran bisher etwas ändern. Aber den begeht die Weltgemeinschaft in diesem Jahr ja auch erst zum dritten Mal – und zwar am 30. Mai. Die Idee dazu wurde bei den Vereinten Nationen geboren. Im Dezember 2023 beschloss deren Vollversammlung in New York, das Knollengemüse und seinen Beitrag zur Welternährung künftig mit einem Gedenktag zu ehren. Von ihrer angestammten Heimat in den Anden, wo sie schon vor zwei Jahrtausenden angebaut wurde, hat die Kartoffel einen erstaunlichen Siegeszug über den Globus hinter sich und wird heute in knapp 160 Ländern gepflanzt und geerntet. Trotzdem hat sie hierzulande immer noch eine Art Imageproblem. Nicht selten wird sie in Discountmärkten nur als Lockangebot unter die Leute gebracht, manchmal sogar völlig unabhängig von den Einkaufspreisen des Handels und der aktuellen Ernte. Dass dabei die Qualität viel zu oft auf der Strecke bleibt, liegt auf der Hand. Aber die wenigsten Verbraucher kümmern sich um Qualität oder gar Sorten. Allein schon deshalb könnte man „Alles Kartoffel“, das neue bei Callwey erschienene Werk von Martin H. Lorenz, allen deutschen Haushalten eigentlich als Pflichtlektüre andienen. Einmal abgesehen davon, dass der auf kulinarische Themen spezialisierte Autor auf den 240 Seiten seines Buches einen breiten Reigen von Rezepten versammelt und dabei einen Bogen vom simplen badischen Kartoffelsalat bis zur mit Kartoffelschuppen belegten Rotbarbe spannt, besteht sein Verdienst vor allem darin, was auf er auf den ersten 70 Seiten ausbreitet: eine erstaunlich umfassende Informationssammlung zur Kartoffel. Spitzenköche steuern Rezepte für das Buch bei Das klingt trocken und theoretisch, ist aber flott und zugänglich geschrieben und steckt voller wertvoller Erkenntnisse. Lorenz beschreibt Sorten und Neuzüchtungen ebenso wie saisonale Unterschiede, er erläutert Inhaltsstoffe, gibt Tipps zur Lagerung, beschreibt Schnitt- und Reibetechniken, zeigt unterschiedliche Zubereitungs- und Garformen und führt zwischendurch auch schnell noch aus, dass die derzeit immer beliebter werdende Süßkartoffel eigentlich gar keine Kartoffel ist. Wer gerne Kartoffeln isst und ihre Vielseitigkeit schätzt, der wird sich im Anschluss an die vielen Seiten voller Theorie an Lorenz’ Grundrezepten ebenso erfreuen wie an den Kreationen von zahlreichen Köchen wie Dieter Müller, Cornelia Poletto, Stefan Marquard und Sven Wassmer, die sich unter den insgesamt zehn Rubriken von Vorspeisen bis Desserts finden. Darunter sind anspruchsvolle Kreationen wie die Kartoffel-Millefeuille mit Mark und Kaviar oder die Kartoffeltasche mit Steinpilzen und Vin Jaune, aber auch jede Menge alltagstaugliche Speisen wie die Blutwurst mit Senfkartoffelsalat, der Kartoffelauflauf mit Ziegenkäse und Frühlingszwiebeln oder die Entenbrust mit Kartoffelwaffeln. Viele davon haben das Zeug zu Lieblingsgerichten – so wie das Buch insgesamt zweifellos das Zeug zum Standardwerk hat. Martin H. Lorenz: „Alles Kartoffel – das Kochbuch“. Callwey Verlag, München 2026, 240 Seiten, 45 Euro.