Beim Austausch nach dem Spiel kann Alexander Blessin auch mal austeilen. Eigentlich ist es nur ein lockerer Plausch über den Tisch hinweg; jede Frage ist gestattet. Es wäre nun zu viel, Blessin eine zunehmende Dünnhäutigkeit während der vergangenen Wochen zu attestieren. Doch reagierte er häufig mit Rückfragen, warf manchem scharfe Blicke zu, antwortete einsilbig. Die Last des Amtes, könnte man meinen. Denn der FC St. Pauli hat einige Heimspiele jüngst „versemmelt“; nur ein Remis sprang heraus in den Partien gegen Freiburg (1:2), Köln (1:1) und zuletzt Mainz (1:2). Blessin gibt sich machtlos Acht Spiele ohne maximale Punkteausbeute erinnern an die negative Serie von zehn Partien ohne Sieg in der Hinrunde. Da durfte Blessin doch mal genervt sein, wenn es Nachfragen gab. Nur stand sein Verhalten am Sonntag nach dem 1:2 gegen den 1. FSV Mainz 05 in scharfem Kontrast zu den Wochen davor. Zahm, zugewandt, freundlich – der 52 Jahre alte Coach wirkte wie nach einer tiefschürfenden Therapiestunde: ausgewechselt, reflektiert und ehrlich. Seine Analyse der 18. Saisonniederlage trug die Überschrift: Was soll ich denn machen? „Wir kriegen die Tore zu billig“, sagte Blessin, und: „Wir haben vorn weder einen Targetman noch einen Jäger für die zweiten Bälle.“ Insgesamt gelte: „Wir müssen mal die erste Viertelstunde ohne Gegentor überstehen. Denn diese frühen Gegentore ziehen dir den Stecker.“ Dann suchte Blessin auf Nachfrage noch nach Spielern, die für die letzten beiden Spiele in dieser Saison Hoffnung machen. Ihm fiel nichts ein, abgesehen von einer Zahl: „Wenn wir in der ersten Halbzeit 41:59 Prozent als Zweikampfquote haben, ist das nicht abstiegskampfwürdig.“ Der Trainer erinnerte ziemlich deutlich daran, was nicht in seinem Kader steckt, um die Alleinschuld für einen möglichen Abstieg von sich zu streifen. Allein die Pfiffe der Fans, die Blessin auf dem Weg zur Halbzeitansprache am vergangenen Samstag hören musste, machten ihm deutlich: Beim FC St. Pauli sind viele unzufrieden mit Blessins Arbeit. Er hat in seinem zweiten Jahr weder einzelne Spieler verbessert noch die Taktik so verändert, dass der FC eine ähnlich wehrhafte Gruppe bildete wie im Bundesliga-Jahr 2024/25. Damals war Blessin der gefeierte Coach, der aus wenig viel gemacht hatte. Auch andere schauten auf ihn, etwa der VfL Wolfsburg. Konkurrenz weiter interessiert Dieses Interesse der Konkurrenz gibt es trotz der schwachen Vorstellung seines Teams in dieser Saison weiterhin. Am Millerntor gilt es als ausgemacht, so ist es zu hören, dass Blessin weder im Falle des Klassenverbleibs noch beim Abstieg bleiben würde. Daraus folgt für Blessin nichts. Präsident Oke Göttlich sagte noch am Wochenende, dass der FC die Serie mit dem Coach beenden werde. Es wäre untypisch für St. Pauli, einen „Feuerwehrmann“ zu holen. So tickt der Verein nicht. Doch Blessin ist zu kühl und – was die besonderen Werte und Eigenschaften des FC betrifft – zu sehr „nur“ Fußballtrainer, als dass es einen engen Schulterschluss zwischen Fans und ihm geben könnte, der in schwierigen Phasen weiterhilft. Man muss ihm zugutehalten, dass für das Thema „Haltung“ gemäß der internen Arbeitsteilung zuerst Göttlich steht, nie der Trainer. Blessin war bereit für Zugeständnisse Mehr als einmal erklärte Göttlich sinngemäß, mit der Verpflichtung eines Trainers von der Gattung Blessin eigentlich zu hoch gegriffen zu haben. Dessen Fähigkeiten ließen sich in der vergangenen Saison erkennen. Blessin war bereit für Zugeständnisse, kehrte nach einem Fehlstart zum Lieblingssystem der Mannschaft zurück, wich dabei aber keinen Zentimeter von seinen Prinzipien ab und formte aus „Pauli“ einen ekligen Gegner, der auch spielerisch besser wurde. Schon zu diesem Zeitpunkt hatte sich Blessin in Gedanken von zwei Publikumslieblingen getrennt, die nicht in sein System passten: Oladapo Afolayan und Elias Saad, den man nach Augsburg gehen ließ. Um den schnellen Flügelstürmer Afolayan entspann sich eine kleine Affäre, als dieser nach interner Kritik quasi kaltgestellt wurde und keine Rolle mehr spielte. Das wirkte kleinkariert, stellt sich der FC doch gern als moderner Arbeitgeber mit kommunikativer Kompetenz dar. Ohne schnelle Angreifer und überhaupt mit kümmerlicher Torgefahr wirkt St. Pauli nun wie der dezidierte Absteiger Nummer zwei. Denn neben dem Fakt, dass Verletzte wie James Sands arg fehlen und Überraschungen aus der Kadertiefe ausbleiben, ist eine ganze Riege stabiler Profis ohne Form: Hauke Wahl, Jackson Irvine, besonders Eric Smith. So ist St. Pauli nur ein oberer Zweitligakandidat, am besten personifiziert von Lars Ritzka, der eher zufällig in der Bundesliga angekommen ist und auf der linken Außenbahn manchmal so wirkt, als hoffe er, den Ball nicht zu bekommen. Was bleibt, ist enorm fehlerhafter Angsthasenfußball: langsam, unansehnlich, beschränkt. Während man sich im St.-Pauli-Lager in Leipzig am Samstag (15.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Bundesliga und bei Sky) wenig, zum Finale gegen den VfL Wolfsburg zumindest einiges ausrechnet, um die Saison via Relegation zu einem guten Ende zu bringen, ist die Zuversicht bei den Fans gering. Man kann das Richtige machen, indem man einem Trainer vertraut, also nicht den „Marktgesetzen“ folgt. Das ist ein guter Zug von Göttlich und Andreas Bornemann, dem Geschäftsleiter Sport, der in diesem Winter erstmals keine guten Spieler aus dem Nichts für kleines Geld ans Millerntor lotste. Aber auch wenn man das vermeintlich Richtige tut, kann das Falsche herauskommen. Das wäre bei diesem FC St. Pauli mit diesem Trainer der Abstieg nach zwei Jahren Bundesliga.
