FAZ 28.09.2026
13:34 Uhr

Klopp spürt Unmut: „Lasst die Jungs in Ruhe“


Pfiffe in Augsburg, freie Plätze in München: Der frische Klopp-Kredit scheint bei einigen Fans nach zwei sieglosen Nations-League-Spielen schon aufgebraucht.

Klopp spürt Unmut: „Lasst die Jungs in Ruhe“

Wo steht die deutsche Fußball-Nationalmannschaft? Am Sonntagabend vor der Ulrich-Biesinger-Tribüne. Nach dem 0:1 im Nations-League-Spiel gegen Griechenland verharrten die Nationalspieler auf dem Rasen vor dem Teil der Augsburger Arena, der nach einem ihrer zahlreichen Vorgänger benannt ist. Ulrich Biesinger gehörte zu den Weltmeistern von 1954, auch wenn der Stürmer aus Augsburg beim Turnier in der Schweiz nicht zum Einsatz kam. Nun also standen sie dort, fast wie angewurzelt: Kapitän Joshua Kimmich als Frontmann, etwas versetzt Bundestrainer Jürgen Klopp und Serge Gnabry, dahinter die anderen. Sie klatschten, ein wenig verlegen ob des Ergebnisses, gedacht als Dank für die Unterstützung. Ihnen gegenüber standen Tausende Zuschauer. Das hatten sie auf dieser Tribüne auch schon während des Spiels getan. Erstmals seit mehr als zwanzig Jahren gab es wieder Stehplätze bei einem Heimspiel der deutschen Nationalmannschaft. In die Begeisterung mischen sich erstmals Misstöne Doch in den zarten Applaus auf beiden Seiten des Stadionzauns mischten sich ein paar Pfiffe. Es war nicht nur einer von 83 Millionen, der akustisch seinem Unmut Ausdruck verlieh, es waren doch einige mehr. Es waren Pfiffe der Fans, die es schon gab, als Biesingers Nachfolger in der Schlussphase der Partie versuchten, nach dem Tor von Dimitrios Kourbelis in der 74. Minute den Ausgleich zu erzielen. Vergeblich. In die bisher scheinbar grenzenlose Begeisterung um Klopp mischten sich erstmals einige Misstöne. Auch der neue Bundestrainer hatte die Pfiffe gehört, als er mit den Spielern auf dem Rasen stand, ehe er entschied: Genug! Also pfiff er sie zurück und schickte die Spieler in Richtung Kabine. „Die Mannschaft stand ein bisschen bedröppelt da. Das wollte ich nicht, dafür gibt es keinen Grund“, sagte Klopp. Seine Spieler hätten alles versucht. „Es ist jetzt nicht so, dass man sich zig Minuten entschuldigen muss und so den Eindruck erweckt, als hätten wir das heute absichtlich gemacht.“ Das gewiss nicht. Gepfiffen wurde dennoch. Wo steht die deutsche Fußball-Nationalmannschaft? Offenkundig nicht dort, wo sie so mancher sah. Niemand, der auf der Rasenseite des Stadionzauns stand, aber einige von denen, die auf der Tribüne standen. Der Name Jürgen Klopp hatte Erwartungen geweckt. Erwartungen, dass er als Bundestrainer „vorbeikommt, einmal kurz die Hand auflegt und alle Probleme löst“, wie er am späten Sonntagabend selbst formulierte. Falsche Erwartungen. „Ich wusste das vorher. Falls es irgendwer nicht wusste: Dann wissen wir es jetzt.“ Daher warb Klopp für eine realistischere öffentliche Erwartungshaltung und verwies auf das Duell zwischen England und Spanien am Tag zuvor, „eines der besten Spiele, das ich seit Langem gesehen habe“. Den Welt- und Europameister sieht er nicht als deutschen Maßstab: „Es kann nicht sein, dass wir ständig besser sein wollen als jemand, der im Moment den Weltfußball beherrscht.“ Im Moment beherrschen die Deutschen nicht einmal Griechenland, das gar nicht für die WM qualifiziert war. Jürgen Klopp: „Die Schritte sind nie groß genug“ Mit dem großen Fußballfeldversuch mit 44 Nominierten für vier Spiele in elf Tagen hatte sich Klopp eigentlich ein wenig Probezeit erkauft. Diese Zeit nahm sich Klopp. Er veränderte seine Startelf vom 1:1 in den Niederlanden am Donnerstag auf fünf Positionen. Er spielte nicht auf Ergebnis, er spielte auf Erkenntnis. Für den neuen Trainer geht es „immer darum, dass man aus Spielen das Richtige mitnimmt“. Doch der frische Klopp-Kredit war bei einigen Fans schon nach zwei nicht gewonnenen Spielen aufgebraucht. Wo steht die deutsche Fußball-Nationalmannschaft? In Zukunft laut Klopp besser da. Er spielt nicht nur auf Erkenntnis, er spielt auch auf Zeit. „Das ist Entwicklung, wie sie aussehen kann“, sagte er zum offensiv teils ideenlosen Vortrag gegen Griechenland. „Die Schritte sind nie groß genug, und es geht nie schnell genug.“ Er arbeitet für den Moment, „an dem wir bereit sind, gegen jeden Gegner ein wirklich unangenehmer Gegner zu sein“. Der Moment komme, davon sei er „hundertprozentig überzeugt“. Für den Moment geht Klopp seinen eingeschlagenen Weg weiter, seit Montag mit vielen neuen Spielern seines zweiten Kaders, aber absprachegemäß ohne Joshua Kimmich. Der Kapitän verließ kein sinkendes Schiff, aber doch eines in unruhigem Fahrwasser. Dass er nun als erfahrener Seemann nicht bei der Stabilisierung helfen kann, empfindet er als „schwierig“. Er wäre „natürlich gern geblieben, aber ich verstehe, dass der Trainer auch andere Jungs kennenlernen möchte“. Wo steht die deutsche Fußball-Nationalmannschaft? In der Nations League immerhin nicht auf einem Abstiegsplatz, auch wenn das Standbild vor der Ulrich-Biesinger-Tribüne aussah wie das einer Klubmannschaft, die sich ihren verärgerten wie besorgten Fans stellen muss. Um aber das Viertelfinale zu erreichen, müssen die Deutschen mindestens Zweiter werden. Ein Sieg an diesem Donnerstag (20.45 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Nations League und im ZDF) im Heimspiel gegen Serbien ist dafür fast schon Pflicht. Klopp wird standhaft bleiben und seine Versuchsanordnung beibehalten. „Die Euphorie in Deutschland war riesig“, sagte er nach dem ersten nicht bestandenen Stimmungstest von Augsburg. „Wenn sie jetzt weg ist, tut mir das echt sehr leid.“ Ganz aufrichtig gemeint klang das nicht. Sagen wollte er sowieso anderes: Es soll doch bitte niemand überrascht sein. Besorgt aber auch nicht: „Es gibt für mich keinen Grund, jetzt in Depression zu verfallen.“ Es ist die Erkenntnis zur Halbzeit der vier Spiele: Ein neuer Bundestrainer namens Klopp löst nicht allein und sofort alle deutschen Fußballprobleme. Nun gibt es neben sportlichen auch ein erstes atmosphärisches Problem. Das wurde nicht nur durch die Pfiffe der Zuschauer in Augsburg deutlich, das wird es auch beim Blick voraus nach München: Für das Spiel gegen Serbien stehen wenige Tage zuvor noch ausreichend Tickets zur Verfügung. Für die, die dabei sein werden, hatte Klopp noch eine Bitte, falls abermals Unmut aufkommt: „Lasst euch an mir aus und die Jungs in Ruhe.“ Er stelle sich auch allein auf. „Dann können sie mich auspfeifen, kein Problem.“