Das Kino ist gut 130 Jahre alt, es bietet genügend Stoff fürs Museum, so wie Fotografie, Automobil und Telefon. Trotzdem hat es mit der Historisierung bislang nicht richtig geklappt: Filmmuseen und Kinematheken, in den Neunzigerjahren der letzte Schrei, werden verkleinert oder geschlossen, Archive werden verkauft, DVD-Editionen von Klassikern verschwinden vom Markt. Die Cinephilie, scheint es, hat ihre besten Zeiten hinter sich. Etwas anders sieht es in der Kinoindustrie selbst aus. Filmische Intelligenz ist, trotz aller Bemühungen der Studiomanager, einfach nicht auszurotten, und so verbeugen sich die großen Regisseure von heute immer wieder vor den Altmeistern, so wie zuletzt Steven Spielberg in „Die Fabelmans“ vor John Ford und Damien Chazelle in „Babylon“ vor Cecil B. DeMille und dem Stummfilm überhaupt. Aber das Publikum will davon wenig wissen – „Babylon“ war ein teurer Flop, und Gus van Sants penible szenische Rekonstruktion von Hitchcocks „Psycho“ vor 28 Jahren ein noch viel schlimmerer, weil er ein Meisterwerk mit einem Abklatsch ehrte. „Un film de Richard Linklater“ Der Amerikaner Richard Linklater, selbst schon fast ein Veteran des Independentkinos, hat jetzt einen neuen Versuch gemacht, Kinogeschichte ins Kino zu holen. Er hat Jean-Luc Godards „Außer Atem“ nicht etwa noch einmal verfilmt – so wie Jim McBride vor vierzig Jahren mit seinem lauwarmen „Breathless“ mit Richard Gere in der Hauptrolle –, sondern einen Film über die Entstehung von Godards Nouvelle-Vague-Klassiker gedreht. Er hat die Produktionsgeschichte, das Casting und die Dreharbeiten in eine Story gepackt, und er hat diesen Stoff nicht etwa auf Englisch und in Farbe, sondern in Schwarz-Weiß und auf Französisch erzählt, mit größtenteils unbekannten Darstellern und mitsamt der Autorenzeile „Un film de . . .“ am Schluss, die verkündet, dass der Regisseur nicht nur professionell, sondern auch ganz persönlich in der französischen Kultur heimisch geworden ist. Das klingt nach einer schweren Kunstanstrengung, nach einer jener Geschichtsstunden, in denen sich Nostalgie und Besserwisserei verbünden, um uns zu zeigen, was wir damals verpasst haben. Aber „Nouvelle Vague“ ist das genaue Gegenteil. Der Film spaziert nicht wie ein Touristenführer durch die Epoche, in der er spielt, sondern er taucht in sie ein, er mischt sich unters Volk, er schüttelt den Staub von den Kulissen – und er malt das Porträt eines Mannes, der das Kino im Spätsommer 1959 auf den Straßen von Paris noch einmal erfunden hat. Es beginnt, wo sonst, vor einer Leinwand. Godard (Guillaume Marbeck) gefällt der Film nicht, den er sieht, er kündigt dem Produzenten Georges de Beauregard einen Verriss in den „Cahiers du Cinéma“ an, aber das ist Beauregard egal, denn er hat mit „Sie küssten und sie schlugen ihn“, dem Regiedebüt von Godards Freund François Truffaut, ein weiteres Projekt im Köcher, mit dem er nach Cannes eingeladen ist. Genau darin liegt Godards Problem: Er will Filme drehen, doch er schreibt nur Kritiken. „‚Er hat die Welle verpasst‘ wäre ein guter Grabspruch für mich“, sagt er zu einer Freundin. „Alles, was man braucht, ist ein Mädchen und eine Knarre“ Aber jetzt will er die Welle reiten. Deshalb plündert er die Redaktionskasse der „Cahiers“, fährt an die Côte d’Azur, erlebt Truffauts Triumph auf dem Filmfestival und sitzt anschließend mit Beauregard an der Croisette. Der Produzent ist von Godards Skript-Entwürfen nicht begeistert, aber es gibt da ein Treatment von Truffaut über einen Polizistenmörder, der von seiner Pariser Geliebten verpfiffen und von der Polizei erschossen wird, und Truffaut ist jetzt bankable, also könnte Godard die Geschichte verfilmen. Der sagt zu und weiß auch genau, warum: „Alles, was man für einen Film braucht, ist ein Mädchen und eine Knarre.“ Der Satz stammt wirklich von Jean-Luc Godard, so wie die neunundneunzig anderen Aphorismen, die er in „Nouvelle Vague“ von sich gibt, und auch das Gespräch auf der Parkbank in Cannes hat es wirklich gegeben. Aber Linklater lässt beides, die Worte und die Bilder, nicht wie historische Fakten, sondern wie filmische Einfälle aussehen, er holt die Träume und Gefühle, die dem Geschehen zugrunde lagen, in die Geschichte zurück. Das liegt zum einen an seinem Glücksgriff, die Hauptrolle mit Guillaume Marbeck zu besetzen, der die Körperhaltung, die Stimme und die Bewegungen seines Vorbilds so perfekt imitiert, dass man das Imitat nicht mehr bemerkt. Es liegt aber auch an Linklaters Entscheidung, keine Dokufiction, sondern ein wahres Märchen über die Entstehung von „Außer Atem“ zu drehen, einem Film, in dem der Regisseur seinem Produzenten im Streit ein Bein stellt, in dem die Hauptdarsteller sich über seine Sinnsprüche lustig machen und der Star aus Amerika in einem Pariser Brunnen badet wie Anita Ekberg im selben Jahr in Fellinis „Dolce vita“ im Trevibrunnen in Rom. Dieser Star war in „Außer Atem“ Jean Seberg, und die Art, wie Zoey Deutch sie in „Nouvelle Vague“ verkörpert, ist das dritte Wunder dieses Films. Seberg kam aus Hollywood, die Arbeitsweise Godards, der ohne festes Skript und mit Handkamera drehte, war ihr zutiefst fremd, aber im fertigen Film sah man davon nichts. Zoey Deutch dagegen macht Sebergs Widerborstigkeit zum Leitmotiv ihres Spiels, und sie wird dabei von ihrem Partner Belmondo (Aubry Dullin) und fast dem gesamten Team unterstützt, während Godard auf dem Set immer einsamer wirkt. Als sich der Regisseur und sein Star nach Sebergs letzter Szene gegenüberstehen, scheint es, als hätte die Amerikanerin gewonnen. Sie weiß nicht, dass Godard sie mit „Außer Atem“ unsterblich machen und dass ihr Gesicht zur Ikone der Nouvelle Vague werden wird. Aber wir wissen es. „Ein ganz wilder Dreh, ohne Kulissen, ohne Licht“ sollte es werden in jenem August und September 1959, eine Achterbahnfahrt aus Ideen und Improvisationen, aber zur Wahrheit dieser Filmlegende gehört auch, dass „Außer Atem“ eigentlich erst am Schneidetisch entstand, wo die Wirklichkeitsschnipsel zusammengeklebt und mit der unvergesslichen Jazzmusik von Martial Solal unterlegt wurden. Diese Bastelei kann Linklater nicht schildern. Deshalb verlegt er ihr Ergebnis in seine Bilder hinein. „Nouvelle Vague“ ist selbst ein Film im Stil der Nouvelle Vague, eine Geschichte, die so unbeschwert durch ihre Schauplätze tanzt wie die Klassiker der frühen Sechzigerjahre, und dass das nicht aufgesetzt wirkt, kann man nur mit einem jener seltenen Zusammentreffen von Routine und Erleuchtung erklären, die es im Kino immer noch gibt. Zu dieser Erleuchtung gehört auch, dass Linklater den vielen Einzelnen, die hinter der Wiedergeburt des französischen Films standen, durch Einblendung ihrer Namen einen eigenen Platz in der Geschichte gibt, von der Drehbuchautorin Suzanne Schiffman bis zum Kameramann Raoul Coutard. Godard, der Einzelkämpfer, war also nicht allein. Für ihn war das ein Trost. Für uns ist es das reine Glück.
