Armin Kaster hatte sich den Tag auch anders vorgestellt. Eigentlich wäre er gern bei Coco und ihrer Familie geblieben, die gerade im Riesenrad sitzen und gleich weiter über die Kirmes schlendern, Zuckerwatte essen und Autoscooter fahren. Aber dann fällt ihm Maik ein, der allein vor seinem Aquarium sitzt. Also kehrt der Autor zu ihm zurück. Und nimmt den Leser gleich mit. Es passiert etwa zur Hälfte des Buches. „Darf ich dich mal kurz beim Lesen stören?“, fragt Kaster und betritt sogleich die Geschichte. Auf Zehenspitzen, so fühlt es sich an, schleicht man mit ihm in das kalte Haus, sieht den mittlerweile schlafenden Jungen, hört zu, wie der Autor vorweggreift, was gleich geschieht – das Schlimmste, was Maik jemals passiert ist. Zwei Häuser, die unterschiedlicher nicht sein könnten Maik ist acht Jahre alt und irgendwie komisch. So sieht es jedenfalls Coco, die nebenan wohnt. Sie treffen sich zum ersten Mal am Gartenzaun, Maiks Mutter will unbedingt, dass sie sich anfreunden. Coco weiß nicht, ob sie das will. Schließlich ist Maik vier Jahre jünger als sie und merkwürdig besessen von seinen Fischen. Trotzdem beginnt sie, Zeit mit ihm zu verbringen – es sind Sommerferien und ihre Freundinnen eh alle im Urlaub. So merkt Coco schnell, dass Maik ziemlich ausrasten kann. Einmal so sehr, dass sie verängstigt flieht, aus seinem Zimmer, aus dem sterilen Haus, zurück in die Wärme ihres Zuhauses nebenan. Kaster zeichnet die beiden Häuser als große Gegensätze. In dem einen ist es wuselig und oft chaotisch, im anderen nie. Da läuft die Klimaanlage selbst im Kinderzimmer konstant auf 20 Grad. Vor dem einen Haus sitzen sie zu sechst im Garten, in Liegestühlen oder auf einer Picknickdecke, vor dem anderen Haus trottet nur einer gelegentlich über den mit der Nagelschere geschnittenen Rasen. Und das ist Maik. Mag der Buchtitel auf den ersten Blick irritieren, erschließt er sich im Laufe der Handlung immer mehr: „. . . und dazwischen Coco“ beschreibt gut, wie hin- und hergerissen die Protagonistin ist. Sie mag Maik nicht, aber hat Mitleid mit ihm, oder vielleicht ist sie bloß gelangweilt und fasziniert von seiner Andersartigkeit – oder mag sie ihn tatsächlich? Nein, und das ist gut so. Aus den beiden Kindern werden bis zum Schluss keine Freunde. Aber Coco lernt, wie es ist, für jemanden da zu sein. Die Wut, die wie aus dem Nichts aufsteigt Als Maik sich unter dem Rohbau der neuen Terrasse verkriecht und partout nicht hervorkommen will, holt sie wortlos eine Bettdecke und übernachtet neben ihm. Und als ihre Familie am nächsten Tag zu einer Radtour aufbricht, verharrt sie bei Maik. Durch Cocos Augen gelingt es Kaster gut, die Enge und Einsamkeit in Maiks Leben darzustellen. Beklemmender wird das nur noch durch die beiläufig eingestreute Information, dass Coco und ihre Familie die Neuen in der Nachbarschaft sind – Maik lebt in diesem Zustand also schon eine Weile. Seit seine Eltern sich getrennt haben, wohnt mal die Mutter, mal der Vater mit ihm. Nah stehen sie ihm beide nicht. Manchmal kommt dann der Stachelball. Das ist die Wut, die wie aus dem Nichts aufsteigt. Ein bisschen skurril und im besten Sinne fragmentarisch Als Kaster den schlimmen Moment dann vermeintlich entschärft, indem er die vierte Wand einreißt und seine Geschichte als ausgedacht entlarvt – mit Autor und Figuren und fiktionaler Handlung –, passiert schönerweise genau das Gegenteil: Die Situation wirkt viel eindrücklicher. Ohnehin nimmt sich Kaster so viele Freiheiten beim Schreiben, dass es Maiks Enge fast schon kontrastiert. Im Stakkato geht der Autor einmal die Wochentage durch, die dadurch quasi bedeutungslos an Coco vorbeiziehen. Oder er erklärt in Klammern, in welchem Verhältnis Figuren zur Protagonistin stehen. Dann wieder meldet er sich selbst zu Wort. Das macht die Geschichte unberechenbar, ein bisschen skurril und im besten Sinne fragmentarisch. Und so mündet sie auch nicht in einer großen glücklichen Gartenparty – wobei, vordergründig schon. Doch ein uneingeschränkt gutes Ende wartet trotzdem nicht. Die Figuren gehen ihrer Wege, Kaster auch. Er habe jetzt fertiggeschrieben, so der Autor zum Ende, er gönne sich jetzt eine Tasse Kaffee. Dem schließt sich die Rezensentin an. Armin Kaster: „ ... und dazwischen Coco“. Jungbrunnen Verlag, Wien 2026. 120 S., geb., 17,– €. Ab 9 J.
