FAZ 01.06.2026
13:33 Uhr

Kampf um WM-Startelf: Warum Karl bessere Chancen als Undav im DFB-Team hat


In der Offensive beeindrucken Deniz Undav und Lennart Karl beim 4:0 im WM-Test gegen Finnland. Der Stürmer bleibt wohl dennoch zweite Wahl. Für den Jüngsten im Kader ist die Startelf-Aussicht größer.

Kampf um WM-Startelf: Warum Karl bessere Chancen als Undav im DFB-Team hat

Die 96 Minuten vom Sonntagabend in Mainz reichten Julian Nagelsmann nicht. Beim „Abschiedsevent“ auf dem Campus des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) am Montagmittag bestritt die Männernationalmannschaft vor der Fußballweltmeisterschaft noch eine Art Miniländerspiel. Die 800 Fans in Frankfurt sahen nicht nur – wie ursprünglich geplant – die regenerierenden Nationalspieler ein letztes Mal vor dem Abflug Richtung USA am Dienstag, sondern auch eine ungewöhnliche Verlängerung des Tests vom Vorabend. Zweimal 25 Minuten spielten vor allem die, die beim 4:0-Sieg von Mainz am Sonntag nicht oder kaum zum Zuge gekommen waren, „um einfach allen Spielern, die länger Pause hatten, einen Spielrhythmus zu geben“, wie es Nagelsmann formulierte. Denn nicht alle 26 Nationalspieler im WM-Kader haben zuletzt regelmäßig Vollzeit gearbeitet; sie sollten so „im Flow bleiben, was den Körper angeht“. Ein Flow war nicht immer zu sehen. Die Deutschen besiegten Finnland trotzdem wieder, diesmal mit 1:0 durch ein Eigentor. Patient Deniz Undav ist bester Laune Deniz Undav war nicht dabei, er war schon am Sonntag im Flow, sein Körper indes ließ keinen Arbeitseinsatz in Vollzeit zu. Nach zwei Toren und einer Vorlage saß der Stuttgarter Stürmer nach einer Stunde Spielzeit plötzlich auf dem Platz und verließ diesen anschließend, begleitet von den deutschen Ärzten. Sorgen bereitete ihm das nach einer schnellen Selbstdiagnose nicht, im Gegenteil: Der Patient war schon wenig später wieder bester Laune. Wo tut’s weh? „Arschbacke.“ Wie wird’s besser? „Wenig sitzen.“ Wann ist’s wieder gut? „Ein, zwei Tage.“ Wer so launig über die eigene Malaise redet, sollte nicht unter ernsthaften gesundheitlichen Problemen leiden. Im Flugzeug, das Undav am Dienstag mit dem Tross der Nationalmannschaft ins WM-Land USA bringen soll, wird sich wohl ein bequemes Plätzchen mit Liegefunktion finden, das der Genesung dient. Die Vertragsverlängerung beim VfB Stuttgart ist zudem erledigt, wie der Verein am Montag mitteilte. Noch wichtiger als die Frage, wie wenig Undav bei der Anreise sitzen muss, wird in den nächsten Wochen jedoch die Frage sein, wie viel Undav während der Reise sitzen muss. Nagelsmann plant, daran ließ er am Sonntag trotz Undavs ertragreichem Arbeitseinsatz kaum Zweifel aufkommen, mit Kai Havertz als erstem Angreifer. Womöglich auch schon wieder beim finalen Testspiel am nächsten Samstag (20.30 Uhr MESZ im F.A.Z.-Liveticker zu Länderspielen und bei RTL) in Chicago gegen die USA. Der Bundestrainer hatte am Samstag beim gemeinsamen Zuschauen vor dem Fernseher im Mannschaftshotel nicht nur gesehen, wie Havertz für Arsenal im Champions-League-Finale vorne traf, sondern auch, wie er eifrig hinten mitarbeitete. So etwas habe eine große Bedeutung, „auch für uns“. Undavs Quote im Verein und DFB-Team sind stark Auf Undavs akute Schmerzstelle könnte demnach trotz seiner Bewerbung gegen Finnland und der beeindruckenden Quote im Stuttgarter Trikot mit dem Brustring – 46 Saisonspiele mit 25 Toren und 14 Vorlagen – wie im deutschen Dress mit dem Adler – acht Länderspiele mit sechs Toren und zwei Vorlagen – beim Turnier vorwiegend die Ersatzbank drücken. Immerhin, anders als nach dem Siegtor gegen Ghana im März, als der Bundestrainer Undavs Leistung als „nicht gut“ bewertete und für Irritationen sorgte, gab es nun eine positive Rückmeldung: „Deniz war sehr gefährlich in der Box, hat ein gutes Spiel gemacht.“ Mit dem dürfte er zumindest Nick Woltemade, den nun dritten Stürmer, der im zweiten Testduell am Montag durchspielte, aber wenige Akzente setzte, erst mal hinter sich lassen. Doch was heißt das schon in Nagelsmanns Offensivpuzzle, in dem er fast jedes Teil an jede Stelle legen kann? Weder Havertz noch Undav noch Woltemade sind Mittelstürmer aus dem Lehrbuch, wie sie einst das Stürmerland Deutschland über Jahrzehnte definierten. Da war es bezeichnend, dass Jamie Leweling die WM-Rückennummer neun bekam – er ist nicht einmal eine falsche Neun, sondern Außenbahnspieler. Er war am Sonntag der einzige Offensivspieler neben Leon Goretzka, den Nagelsmann nicht unbedingt im defensiven Mittelfeld sieht, wo Aleksandar Pavlović und Felix Nmecha Werbung für sich betrieben, der keine Minute zum Einsatz kam. Dafür spielten Leweling und Goretzka am Montag. Jamal Musiala ist noch nicht wieder der Alte Echte Zehner im offensiven Mittelfeld sind Florian Wirtz und Jamal Musiala, die neben Undav je einmal trafen und erstmals seit November 2024 wieder gemeinsam fürs DFB-Team spielten, was weniger an Wirtz als an Musiala lag wegen dessen Verletzungspause. Der junge Münchner ist allerdings noch nicht wieder der Alte, das wurde gegen Finnland, das qualitativ näher an Curaçao als an der Elfenbeinküste und Ecuador agierte, deutlich. Nagelsmann möchte trotzdem unbedingt auf die beiden „Zauberer“ setzen auf der Weltbühne. Auf Wirtz links sowieso, der im März in der Schweiz glänzte, und auf Musiala in der Mitte, weil der „mit 70 Prozent immer noch viel besser als viele“ sei. Dennoch: Musiala wirkte weiter etwas blockiert in seinen zuvor von schlangenhafter Geschmeidigkeit geprägten Aktionen. Völlig losgelöst dagegen spielte ein anderer Münchner. Lennart Karl, der Jüngste und Kleinste im WM-Kader, „scheißt sich nichts“, wie er selbst sagte, er macht sich einfach keinen Kopf. Weil er Nagelsmann im Training in Herzogenaurach imponierte, nahm der ihn gegen die Finnen in die Startelf. Der Achtzehnjährige dribbelte munter drauflos. Dabei blieb er zwar nicht fehlerfrei, der Vortrag aber war womöglich schon ausreichend, um im Sauseschritt an der Konkurrenz auf dieser Position vorbeizuziehen. Weil Serge Gnabry die WM verletzt verpassen wird und Leweling außen vor blieb, hat Nagelsmann auf rechts offenbar die Wahl mit Karl – und Leroy Sané. Der wirkte ob der Vorstellung des Jungspunds nach der Einwechslung wie angestachelt, um zu beweisen, dass auch er kräftig am Schwungrad drehen kann. Nagelsmann, der Sané schon bei der Nominierung verbal stark gestützt hatte, nannte dessen Vorstellung gegen Finnland „top“. Karls Lächeln zuvor bei seiner Auswechslung indes verriet auch, dass er sich durchaus bewusst ist, dass er seit Sonntag nicht zwingend schlechtere Karten haben muss im Vergleich zur internen Konkurrenz, wenn der Bundestrainer am 14. Juni in Houston zum WM-Einstand seine erste Elf aufstellen muss.