Für Judith Hermann ist ein Buch nicht einfach nur ein Buch. „Es gibt ein Buch, das ich schreibe, ein Buch, über das ich spreche, und eines, in das ich Jahre später vielleicht wieder hineinschaue.“ Im Literaturhaus Frankfurt ist ihr neues vorzustellen, „Ich möchte zurückgehen in der Zeit“. Zunächst aber muss über Wolfram Weimer gesprochen werden. Der Kulturstaatsminister habe in die Entscheidung der von seinem Haus eingesetzten Jury des Deutschen Buchhandlungspreises eingegriffen, sagt Oliver Vogel, Hermanns Verleger bei S. Fischer: „Ich halte diesen Schritt für bedrohlich und für einen gefährlichen Präzedenzfall.“ Wenn der Staat beginne, Buchläden aufgrund vager Erkenntnisse zu brandmarken, sei ein gefährlicher Punkt erreicht: „Das Verfahren, das einer Gesinnungsprüfung gleichkommt, soll ausgeweitet werden auf die gesamte Kultur. Das sollten wir nicht zulassen.“ In der ersten Reihe des ausverkauften Lesesaals sitzen Hermanns Agentin und ihr Lektor Sebastian Guggolz, der sich als Vorsteher des Börsenvereins im Laufe des Tages schon ähnlich geäußert hat. Hermann liest zum ersten Mal aus ihrem neuen Buch, das Ende Februar erschienen ist, und ist froh, es in Frankfurt zu tun, am Sitz ihres Verlages, dem Ort aber auch, an dem sie 2022 die Poetikvorlesung gehalten hat, aus der das neue Buch hervorgegangen ist, wie sie später erklärt. Dort habe sie zum ersten Mal literarisch verklausuliert Persönliches erzählt. Als SS-Mann in Polen Hinter ihr lägen zwei aufregende Wochen, gesteht sie im Gespräch mit dem Literaturkritiker Christoph Schröder. Das Buch sei stark kritisiert worden. Als Autorin sei man in solchen Momenten zur Passivität aufgerufen. Es sei schön, jetzt darüber sprechen zu können: „Das ist ein bisschen erlösend.“ „Der erste Teil sei ziemlich autobiographisch“, sagt sie. Im zweiten und dritten Teil des Buches verändere sich das, „es enthält eine Stilisierung, mit der ich mich vielleicht hinter den Text zurückgezogen habe“. Gegenstand des ersten Teils ist die Suche nach Hermanns Großvater mütterlicherseits, der ein paar Jahre vor ihrer Geburt starb. Er war Mitglied der Waffen-SS und 1941 im polnischen Radom stationiert. Seine Tochter, Hermanns Mutter, Ende 1945 geboren, kannte den Vater kaum, da er seine Familie bald nach Kriegsende verließ. Ihrer eigenen Tochter hat sie von ihm nie viel erzählt. Und dann schenkt der Großvater der Mutter eine Suppenkelle Vor Jahren stellte Hermann daher Antrag auf Akteneinsicht im Bundesarchiv, sie kennt eine Fotografie, die den 1904 geborenen Lehrerssohn im Juli 1941 auf einem SS-Motorrad in Radom zeigt, wenige Monate, nachdem die deutschen Besatzer dort ein Ghetto eingerichtet hatten, in das mehr als 30.000 Juden getrieben worden waren. Im August 1942 wurden sie ermordet, Tausende von ihnen in der Stadt, die meisten im Vernichtungslager Treblinka. Hermann fährt nach Radom, um mehr herauszufinden. Ihre Suche verläuft schleppend und geht ins Leere. Dann ergeben sich Kontakte, die Zugang zu weiteren Informationen versprechen. Just in dem Augenblick lässt Hermann ihre Erzählerin abreisen. „Ich habe in dem Augenblick als Autorin des Buches angefangen, zu literarisieren.“ Sie selbst hat die Gespräche geführt. „Es wäre ein historischer Text daraus geworden“, mit Fakten, Zahlen, Informationen: „Aber das ist nicht das gewesen, was ich wollte.“ Sie wollte beschreiben, „wie isoliert ich mich gefühlt habe“. Sie denke beim Schreiben ohnehin oft: „Das überlasse ich dem Leser.“ Zudem habe es Begegnungen gegeben, die so persönlich gewesen seien, dass sie sie für sich habe behalten wollen: „Ich wollte die Leerstelle als Leerstelle belassen.“ Im zweiten Teil des Buches in Neapel hat die Erzählerin dann prompt Sehnsucht nach Radom. „Der Hang, immer das zu wollen, was man gerade nicht hat“, sei „typisch Hermann“, sagt Hermann, „das sich Hüten vor der Erfüllung“ sei es auch. Sie spricht über ihren Versuch, in Radom in der Zeit zurückzugehen „und diesem Großvater in gewisser Weise dort zu begegnen“, den Versuch, „sich ein Bild zu machen“ und das Foto „über die Gegenwart zu legen“. Und über die Suppenkelle der Familie, von der sie plötzlich erfährt, der Großvater habe sie der Mutter zum 21. Geburtstag geschenkt. „Ungeheuerlich“ kommt es ihr vor, dass die Kelle jahrzehntelang dazu diente, allen das Essen auf den Teller zu schöpfen. Sie literarisiere, wirft die Mutter der Tochter am Telefon vor. „Ich habe darauf bestanden, dass ich viel literarisiere, aber diese Kelle ausnahmsweise nicht“, sagt Hermann in Frankfurt. Es gehe darum, dass man nach den kleinen Details frage, dem Bestimmten, Konkreten. Auch, wenn sich nicht viele Antworten finden. „Es ist kein Buch über meinen Großvater, es ist ein Buch über das Schweigen in meiner Familie, über Mutter und Tochter, über die Toten, die uns nicht verlassen, sondern begleiten in so vielen Hinsichten.“
