Als Ausdruck jüdischer Identität und Motiv der israelischen Flagge dürfte den Davidstern jeder kennen. Doch wer kennt „Khatam Sulaiman“, das Siegel des Propheten Sulaiman? Obwohl als Symbol des Islam eher unbekannt, sieht es dem Davidstern sehr ähnlich. Es besteht aus zwei ineinandergreifenden Dreiecken und gilt als Segensbringer für Menschen muslimischen Glaubens. Auch bei vielen Schülern des Frankfurter Goethe-Gymnasiums, die sich in ihrer Aula die großen Banner zu Davidstern und „Khatam Sulaiman“ ansehen, sorgt die Parallele in der Symbolik von Judentum und Islam für einen Überraschungseffekt. „Mir war nicht bewusst, wie viele Ähnlichkeiten es gibt“, sagt Elftklässler Atharav. Insgesamt 20 solcher Gegenüberstellungen von jüdischen und islamischen Traditionen machen als Wanderausstellung „Dialograum“ bis Ende des Jahres an Frankfurter Schulen Station. Den Auftakt machte das Goethe-Gymnasium. Konzipiert wurde die Wanderausstellung vom bundesweit aktiven jüdisch-muslimischen Bildungswerk Maimonides. Seit fast sieben Jahren gibt es die Einrichtung mit Sitz im rheinhessischen Ingelheim. Ihr Ziel: Konflikte zwischen den beiden Religionen über Dialog und Gemeinsamkeiten auflösen. Am Goethe-Gymnasium besuchen nicht nur die Lehrkräfte mit ihren Klassen die Ausstellung. „Sie ist täglich um die Mittagszeit für alle geöffnet und wird von Mitgliedern der Schülervertretung begleitet“, sagt William aus der Jahrgangsstufe elf. Die Jugendlichen seien entsprechend geschult worden. „Die beiden Religionen haben so viel miteinander zu tun, und es gibt so viele Ähnlichkeiten, die wir nicht kennen“, sagt Schülersprecherin Mirei. Vorreiterprojekt mit Bildkarten Mirei ist Jüdin und weiß aus eigener Erfahrung, wie wichtig der interreligiöse Dialog angesichts weltweiter Konfliktherde ist. „Meine beiden besten Freundinnen sind Palästinenserinnen. Der Krieg in Gaza war zwischen uns ein riesiges Thema. Dass wir gute Freundinnen geblieben sind, verdanken wir Gesprächen mit unserer Ethiklehrerin, bei denen wir Unterschiede und Gemeinsamkeiten thematisiert haben“, sagt die Sechzehnjährige. Gegründet wurde das Bildungswerk 2019 vom Pädagogen und Religionswissenschaftler Mustafa Cimşit, der einer breiteren Öffentlichkeit als erster Vollzeit-Imam in Gefängnissen bekannt geworden ist, und Peter Waldmann, ehemaliger Chef des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden von Rheinland-Pfalz. „Wir wollten dem Narrativ eines ‚schicksalhaften Dauerkonflikts‘ ein praktisches, kooperatives Modell entgegensetzen“, sagt Cimşit. Gemeinsam mit Manfred Levy, früherer Leiter des Bereichs Bildung im Jüdischen Museum Frankfurt, führt Cimşit heute die Geschäfte von Maimonides. Basis der neuen Wanderausstellung ist ein Projekt, mit dem Maimonides schon länger an Schulen in verschiedenen Bundesländern präsent ist. Lehrkräfte können auf 90 aufwendig gestalteten Bildkarten im Unterricht die Gemeinsamkeiten der beiden Religionen erarbeiten, von Speisevorschriften (koscher/halal) bis zu theologischen Konzepten. In Hessen und Rheinland-Pfalz sind daraus Kooperationsverträge mit dem Kultus- und Bildungsministerium entstanden. „Stärkere Polarisierung durch Social Media“ Martina Zobel, Lehrerin für evangelische Religion und Deutsch am Stefan-George-Gymnasium im rheinhessischen Bingen, ist seit der ersten Stunde des Projekts dabei und hat die Bildkarten schon oft im Unterricht eingesetzt. „Die Idee hat mich von Anfang an begeistert“, sagt Zobel. Sie hätten eine Partnerschaft zu einer israelischen Schule. Außerdem eigne sich das Material ebenso für ihren Religionsunterricht: „Dann erarbeiten wir, welche Gemeinsamkeiten es auch zum Christentum gibt.“ Auch Eva Laux, Lehrerin für Deutsch und katholische Religion am Goethe-Gymnasium, hat bislang positive Erfahrungen mit dem Projekt gesammelt. „Die Inhalte sind sehr schülernah und didaktisch gut aufbereitet. Es ergeben sich viele Fragen, für die im Schulalltag oft kein Raum ist“, sagt Laux. Egal, ob Wanderausstellung oder die Arbeit mit den Bildkarten – Maimonides sorgt im Vorfeld dafür, dass die Lehrkräfte für das Projekt geschult werden. „Sie werden dadurch auch befähigt, hochemotionale religiöse oder politische Debatten souverän zu moderieren“, sagt Mustafa Cimşit. Das Angebot des Bildungswerks wird ergänzt durch Präventionsprojekte, in denen es um den Umgang mit extremistischen Narrativen, Verschwörungsmythen oder Medienkompetenz geht. Wie wichtig das ist, beschreibt Lehrerin Elke Heidl-Charmillon, die die Ausstellung am Goethe-Gymnasium pädagogisch begleitet und umgesetzt hat. „Wir haben 1200 Schülerinnen und Schüler mit unterschiedlichem kulturellem und religiösem Hintergrund. Alle gesellschaftlichen Prozesse und Konflikte wirken direkt in Schulen hinein, und damit müssen wir täglich umgehen.“ Dass dies immer herausfordernder wird, bestätigen die Jugendlichen. „Die Polarisierung, auch durch Social Media, wird stärker“, sagt der Elftklässler William. Noch keine langfristige Förderung Maimonides setze dort an, wo Polarisierung entsteht: „Die aktuelle politische Dynamik hat uns dazu veranlasst, unsere Präventionskonzepte noch agiler und präziser auch auf die digitalen und gesellschaftlichen Realitäten zu justieren“, sagt Geschäftsführer Manfred Levy. Nur so könnten junge Menschen krisenfest gemacht werden, bevor Radikalisierung greife und sich Vorurteile verfestigten. Eine große Herausforderung für „Maimonides“ sei es, die Angebote flächendeckend zu streuen. Denn es fehle an langfristigen Fördermitteln, sagt Mustafa Cimşit. „Wir benötigen eine Abkehr von der kurzatmigen, unsicheren Projektförderung hin zu einer strukturellen Verstetigung.“ Die fachliche Wertschätzung sei groß, „doch die finanzielle Ausstattung hinkt der gesellschaftlichen Dringlichkeit oft noch hinterher“. Eine besondere Anerkennung für die Arbeit von Maimonides erhält Mustafa Cimşit am 5. Juni. Gemeinsam mit dem niederländischen Benediktinermönch Dom Adriaan J. M. Lenglet und dem Kantor der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf, Rabbi Aaron Malinsky, wird ihm die renommierte Martin-Buber-Plakette verliehen. Helmut Schmidt, Michail Gorbatschow, Richard von Weizsäcker und Armin Laschet wurden unter anderem schon damit ausgezeichnet. Für Mustafa Cimşit „ein Signal, dass unser Modell der jüdisch-muslimischen Kooperation auch über Deutschland hinaus Aufmerksamkeit und Wertschätzung findet“.
