Im Grunde hat Josef Winkler sein Heimatdorf Kamering in Kärnten nie ganz verlassen; immer wieder kehrt er schreibend dorthin zurück – auf den „Seelenscheiterhaufen“ seiner Kindheit, wie es im neuen Roman martialisch heißt. Willkommen also wieder im alpinen Finsterland, wo an jeder Ecke ein Kruzifix hängt und überall die Teufelsgefahr lauert. So bedrückend, dass sich die beiden Jugendlichen Jakob und Robert 1976 dort lieber gemeinsam in der Scheune des Pfarrers erhängten, als weiter in queerer „Sünde“ zu leben. Das ist ein wiederkehrendes Erzählmotiv des düsteren Heimatdichters Winkler, ebenso wie die Leiche des KZ-Massenmörders Odilo Globocnik, die auf dem Gemeinschaftsacker vermodert und jenes Getreide düngt, das in Kamering zu Brot verarbeitet wird. Hitlers Vernichtungswahn pflanzt sich hier also weiterhin ungestört und sehr plastisch fort, in Gestalt eines Grundnahrungsmittels. Der Hanfstrick an seinem Hals Der Bauernvater „Jogl“ führt auf dem altbekannten „Enz’n“-Hof einmal mehr sein brachial-brutales Regiment und tyrannisiert die Familie mit dem Kälberstrick in der Hand. Die deutlich jüngere Mutter schweigt meistens furchtsam, die Großmutter umklammert den fettverschmierten Rosenkranz, und der „Enz’n“-Opa, der alte „Blutegel“, betatscht seine Enkelkinder mit „kalten Fingern“. Wahrlich keine heimelige Kinderstube! Zumal vor der Tür auch noch eine schlecht abgesicherte Jauchegrube zum Himmel stinkt. Wie schon in den früheren Romanen hat es Winklers Hofpatriarch besonders auf den dritten Sohn, „Seppl“, abgesehen, einen bücherlesenden Träumer. Als „nutzlosen Fresser“ beschimpft ihn der Vater, als „Waschweib“ und „Zigeuner“, dem er die angebliche Nichtsnutzigkeit aus dem Leib zu prügeln versucht. Dem Fünfzehnjährigen droht er einmal an, ihn eigenhändig zu erdrosseln, weil der Junge zwei Stunden zu spät nach Hause gekommen ist – eine ungeheuerliche Szene, die Winkler-Leser ebenfalls bereits kennen, die aber nichts von ihrer archaischen Monstrosität verloren hat. „Auch wenn ich es wieder und wieder beschreibe, spüre ich von Zeit zu Zeit noch die Schlinge des Hanfstricks um meinen Hals, den du mir unter die Nase gehalten hast“, ruft der Autor seinem toten Vater immer noch unversöhnt hinterher: „Er hängt mich jeden Tag auf, Padre Padrone.“ Visionen von einem nächtlichen Besucher Umso erschütternder liest sich in dieser achronologisch assoziativ-sprunghaft erzählten Beichte der letzte Heimkehrversuch des „verlorenen Sohns“, den der Ich-Erzähler als Dreißigjähriger unternahm, und gleichzeitig zieht auch seine fünf Jahre ältere Schwester Maria, eine gelernte Konditorin, noch einmal ins elterliche Bauernhaus ein. Seppl hat ein schlechtes Gewissen im Gepäck, weil er den Vater und das Dorf in seinen ersten Büchern wutschäumend niedergeschrieben hat. Die Dörfler hassen ihn dafür und wollen ihn lynchen, aber der nun fast achtzigjährige Jogl nimmt den „Kaputtschreiber“ scheinbar großmütig auf, um ihn danach doch weiter zu demütigen. Gönnerhaft-verächtlich erklärt der Vater dem Heimgekehrten: „Seppl, du kannst über mich schreiben, was du willst! Wenn es nur dir hilft!“ Wieder so ein Satz wie eine Ohrfeige. Und so weit einigermaßen bekannt. Was man als Winkler-Leser bisher allerdings nicht wusste, ist, wie entscheidend die ältere Schwester Maria, genannt „Mitzele“, ihrem Bruder im toxischen Vaterkonflikt beistand. Ihr hat Winkler sein neues Buch gewidmet. Obwohl Maria als einziges Mädchen unter den sechs Geschwistern von vornherein benachteiligt war, traute sie sich, dem despotischen Jogl Paroli zu bieten. Immer wieder stellte sie sich auch schützend vor den jüngeren Seppl. Bis sich die Rollen der Geschwister im Erwachsenenalter verkehrt haben, nachdem die Schwester an Schizophrenie erkrankt ist. Maria plagen plötzlich Visionen von einem nächtlichen Besucher, der ihr angeblich Spermaflecken auf dem Nachthemd hinterließ. Womöglich, so deutet es Winkler allegorisch an, Spätfolge eines sexuellen Missbrauchs durch den „Enz’n“-Opa. Seinen Roman kann man als lange Trauerrede auf die 2023 verstorbene Schwester lesen, in der diese nicht nur erstmals als familiäre Verbündete, sondern auch als Seelenverwandte gewürdigt wird. Während für den Bruder die Literatur zum Ausweg wurde, schaffte sie es nicht, sich aus ihrer erstickenden Herkunft zu befreien. Eindringlich zeichnet der Autor Marias Leidensweg anhand geradezu fotografisch genauer Erinnerungsbilder nach, schildert ihre abgebrochene Karriere als Kuchenbäckerin und Zimmermädchen, ihre Psychiatrie-Aufenthalte, fehlgeschlagene Therapien und Selbstmordversuche. Zuletzt wird diese sanftmütige, sich für Eltern und Geschwister jahrzehntelang abrackernde Pechmarie vom ältesten Bruder grausam vom Hof verjagt und stirbt, von der Schizophrenie unerlöst, an Leberkrebs. Was für ein tragisches Frauenschicksal! Dabei hatte die Schwester doch abends so oft ihren kleinen Schutzengel aus Blech aufgezogen, „der seine Flügel bewegen und das Geräusch einer Klapperschlange wiedergeben konnte“. Den Hinterkopf der Figur aber zierte ein „Totenkopfgesicht“, wie Winkler notiert. Daher der Buchtitel. Vielleicht war es also gar kein Schutz-, sondern ein todbringender Unglücksengel. Josef Winkler: „Das Glück ist ein Engel mit ernstem Gesicht“. Roman. Suhrkamp, Berlin 2026. 431 S., geb., 26,– €.
