FAZ 23.09.2026
10:11 Uhr

John Coltrane 100: Der Vater des modernen Jazz


Es gibt im 20. Jahrhundert wohl keinen Jazzmusiker, der in so kurzer Zeit eine so rasante und zugleich radikale künstlerische Entwicklung durchlaufen hat wie er: Nun wäre John Coltrane hundert geworden.

John Coltrane 100: Der Vater des modernen Jazz

Mit Riesenschritten durchmaß er die Geschichte des Jazz: Als John Coltrane im Januar 1960 sein Album „Giant Steps“ veröffentlichte, war der Titel Programm. Nie zuvor hatte sich ein Saxophonist an derart schwierige Akkordwechsel bei einem solch hohen Tempo gewagt. Nicht nur für Nachwuchssaxophonisten avancierte diese Komposition in der Folgezeit zur ultimativen Herausforderung. Bei aller Artistik besitzt das Stück eine zwingende Logik und melodische Konsequenz: Die Akkordwechsel bei jedem zweiten Schlag, die Folge absteigender Terzschritte bewirkten, wie der Kritiker Ben Ratliff treffend bemerkte, „dass sich innerhalb von vier Takten effektiv dreimal die Tonart ändert“. Dies eben sind die „Riesenschritte“, auf die der Titel anspielt. Zugleich klingt er wie ein visionärer Vorgriff auf die sozialen und kulturellen Umbrüche der unruhigen Sixties. Ein letztes Mal betrieb Coltrane hier radiale Harmonieforschung – wohl wissend: „Diese harmonische Sache hat sich bald erschöpft.“ Coltranes musikalische Biographie war eine einzige Folge von Riesenschritten und gigantischen Sprüngen. Es gibt im 20. Jahrhundert wohl keinen Jazzmusiker, der in so kurzer Zeit eine so rasante und zugleich radikale künstlerische Entwicklung durchlaufen hat wie er. Seine ganze Karriere gleicht einer Folge von Häutungen: Hatte er einen Stil erst einmal erforscht, war er für ihn uninteressant geworden, und er wandte sich – oft zum Leidwesen seiner Fans und der etablierten Jazzkritik – etwas Neuem zu, das, in seiner Substanz bereits erahnbar, in seinen Konturen aber noch unscharf blieb. Coltrane war ein Suchender aus Passion. Musik als Überlebensmittel Geboren am Nachmittag des 23. September 1926 in Hamlet, North Carolina, wuchs John William Coltrane in eine schwarze Gemeinschaft hinein, die ihre eigenen Riten, Institutionen und Sound-Ideale besaß. Da beide Großväter als Prediger und Vorsänger in der African Methodist Episcopal Church wirkten, konnte der junge Coltrane, der jeden Sonntag die Kirche besuchte, schon früh die transzendentale Kraft von Musik verinnerlichen. Als Jugendlicher hörte John zudem Blues-Schallplatten auf dem Grammophon und im Radio die Sounds schwarzer Bigbands. Doch schon bald war es mit der unbeschwerten Kindheit vorbei: Innerhalb weniger Monate verstarben sein geliebter Großvater Reverend William W. Blair, sein Vater John Robert und Johns Großmutter. In diese Zeit dramatischer Verluste fiel Johns radikale Hinwendung zur Musik. Von Anfang an übte er wie besessen, zunächst auf dem Althorn, dann auf der Klarinette – Musik wurde für John Coltrane zum wichtigsten Überlebensmittel. Nachdem er im Mai 1943 die High School abgeschlossen hatte, folgte er seiner Mutter nach Philadelphia und konnte als „vorgezogenes Geburtstagsgeschenk“ endlich sein erstes eigenes Instrument, ein gebrauchtes Altsaxophon, erwerben – zum Tenor sollte er erst Ende 1948 wechseln. Ab 1944 nahm er dann für ein Jahr Saxophonunterricht an der „Ornstein School of Music“, wo er die Lehrer mit seinem enormen Übungsfleiß überraschte und von Lektionen mit komplexen Akkordfortschreitungen nicht genug bekommen konnte. Schon hier deutete sich ein wesentlicher Charakterzug des späteren Jazz-Giganten an. Wenn er nicht spielte, übte Coltrane, und wenn er nicht übte, las er Wenn eine Qualität Coltranes Spiel charakterisiert, dann ist es Hingabe. Der scheue, verschlossene Junge musste sich sein Genie erst durch manisches Üben erwerben. Zeitzeugen berichten einhellig: Wenn er nicht spielte, übte Coltrane, und wenn er nicht übte, dann las er. Coltrane war das Musterbeispiel für den heute so geschätzten Typ des lebenslang Lernenden. Der Sänger und Gitarrist David Crosby erinnert sich beispielsweise an ein Konzert, in dem Coltrane sein Solo beendete, indem er einfach von der Bühne ging, ohne aber mit seinem Spiel aufzuhören. Während McCoy Tyner an der Reihe war, spielte Coltrane in der Garderobe während des gesamten Klaviersolos einfach weiter und kehrte – immer noch spielend – auf die Bühne zurück. Die Szene wirkte damals auf Crosby, als folge Coltrane hier einem inneren Antrieb, der ihm verbot, mit dem Saxophonspiel aufzuhören. Der Saxophonist Wayne Shorter glaubt dagegen, dass der Grund für Coltranes panischen Übungsdrang in der Vorahnung seines frühen Todes im Alter von vierzig Jahren gelegen habe: „Er muss irgendwas über sein Schicksal gewusst haben. Vielleicht dachte er: Ich muss mich beeilen.“ In seiner einundzwanzigjährigen Karriere – vom namenlosen Mitglied einer Bebop-Band 1946 bei der Army auf Hawaii bis zur Vaterfigur des Free Jazz 1967 in New York – stellte er den Jazz vom Kopf auf die Füße oder besser: mit „A Love Supreme“ auf die Knie eines Betenden. Am Ende seines Lebens ging es ihm nur noch um Sound, um den puren Klang, der alle kompositorischen Anstrengungen, alle solistischen Formen und Strukturen hinter sich gelassen hatte. Der Klarinettist Jimmy Giuffre erinnert sich: „Es war, als ob er nackt auf der Bühne stehen, die Musik aus dem Mann, nicht aus dem Instrument kommen würde.“ Trane– so sein Spitzname – war Antreiber und Getriebener zugleich. Durch ein Labyrinth modernen Skalenspiels Man kann sich Coltranes Evolution anhand weniger musikalischer Stationen vergegenwärtigen: Als der Jazzkritiker Ira Gitler 1958 den Terminus „sheets of sound“ kreierte, umschrieb er damit ein unerhörtes Phänomen: In Coltranes Saxophonspiel reihten sich die in rasend schnell gespielten Sechzehntelnoten zerlegten Tonleitern und Arpeggios so dicht aneinander, dass beim Hörer die Illusion von Soundflächen entstand. Sie wurden fortan zum Markenzeichen Coltranes. Nach der Mitwirkung an Miles Davis’ epochalem Album „Kind of Blue“ folgten an den äußersten Grenzen funktionsharmonischer Logik die „Giant Steps“. Als Nächstes trieb er auf dem damals exotisch wirkenden Sopransaxophon die Musical-Melodie „My Favorite Things“ durch ein Labyrinth modalen Skalenspiels. Erzeugte er in „Africa“ die Dschungelatmosphäre eines brodelnden Bigband-Sounds, entdeckte er 1961 in „Olé“ die Verheißungen arabischer Tonalität. Doch die ungestümen Kollektivimprovisationen zusammen mit Eric Dolphy erzürnten die mächtigen Kritiker des „Downbeat“, und diese warfen Coltrane im selben Jahr „Anti-Jazz“ und „musikalischen Nonsens“ vor. Dabei nahm er zwischendurch immer wieder versöhnliche Balladen-Platten auf. Ein religiöser Schock folgte 1964 mit „A Love Supreme“: Die vierteilige Komposition – eingespielt von seinem „klassischen Quartett“ mit McCoy Tyner, Jimmy Garrison und Elvin Jones – gilt als Schlüsselwerk in Coltranes Leben. Es ist mehr als Jazz, es ist Gebet, Meditation, eine Kathedrale in musikalischer Form. Was folgte, war ein Gruppenexperiment als Heilsversprechen: Die achtköpfige Kollektivimprovisation „Ascension“ wirkte fast wie ein sozialistisches Experiment mit Klängen, zumindest als hymnische Feier eines radikaldemokratischen Spielideals. Kategorien wie Verdichtung, Intensität, Energieausstoß oder Sound-Organisation waren plötzlich wichtiger als Virtuosität und klangliche Schönheit. Spätestens ab 1965 – nicht zuletzt unter dem Einfluss der hymnischen Schrei-Ästhetik seines zweiten Saxophonisten Pharoah Sanders und der frei fließenden Akkordströme seiner Frau, der Pianistin Alice McLeod – wurde Coltranes Klangwelt zunehmend von einer metamusikalischen Logik beherrscht. Sie gehorchte jetzt allein intuitiven Regungen der Gefühle, Nervenreaktionen und spirituellen Gesten. Mit Qualitätskriterien und Werturteilen wollte er seine Musik nicht länger beschweren. Deshalb lässt sich Coltranes Jazz seiner letzten Lebensjahre weniger verstehen als vielmehr erspüren. Und doch öffnet sie nicht selten beim Hörer einen oft verschütteten Teil seines Selbst, lässt unterdrückte Gefühle und Gedanken ins Offene strömen. Prophet, Wahrsager, Fackelträger, Suchender – bestimmte Schlagworte kehren in der Beschreibung seines Wesens immer wieder. Doch die Charakteristika seiner Musik lassen sich eher in Begriffen wie Integrität, Wahrhaftigkeit oder Reinheit, kurzum: als Moralität begreifen. Dabei gilt John Coltrane trotz aller nostalgischen Verklärung noch immer als die Ein-Mann-Universität des modernen Jazz. Akademisch gut ausgebildete Saxophonisten können heute mühelos jede Menge Coltrane-Soli aus dem Ärmel schütteln oder besser: vom Blatt spielen. Und doch war Tranes Leidenschaft einfach zu persönlich, als dass man sie simulieren könnte. Christof Lauer, einer der profiliertesten Saxophonisten seiner Generation, ist überzeugt: „Junge Leute werden von ihm deshalb so stark angesprochen, weil er sie spüren lässt, dass er bereit war, für seine Überzeugungen zu kämpfen. Diese unbedingte Aufrichtigkeit fasziniert sie.“