FAZ 23.09.2026
16:03 Uhr

Jazz-Gedenkfeier: Eine Brücke für Sonny Rollins


Er war ein Erneuerer des Jazz, ein generöser Mentor und auch ein Aktivist: Alle diese Facetten des im Mai gestorbenen Sonny Rollins wurden nun noch einmal gewürdigt bei einer musikalischen Gedenkfeier in Harlem.

Jazz-Gedenkfeier: Eine Brücke für Sonny Rollins

Im November 2011 hatte ich Sonny Rollins zum Festival „Enjoy Jazz“ eingeladen. Es war sein einziges Deutschland-Konzert in jenem Jahr. Journalisten aus dem ganzen Land und sogar aus Übersee hatten sich angesagt. Und obwohl die Setlist keines seiner großen Standards enthielt, fielen die Kritiken euphorisch aus. Wer dieses Konzert erlebt hat, erinnert sich daran als den ultimativen Beweis dafür, dass sich die Rollins-Kunst längst von ihrem Material emanzipiert hatte. Damals ahnten wir nicht, oder wir wollten es nicht wahrhaben, dass uns bald nur noch die Erinnerung bleiben sollte. Ausgerechnet Rollins, der so viel Zeit am Saxophon verbracht hatte, sah sich plötzlich mit einer chronischen Erkrankung der Lunge konfrontiert, die ihn nach einer Probe von gerade mal 10 Minuten Dauer völlig außer Atem in den Sessel sinken ließ. So musste er 2014 seinen Abschied von der Bühne verkünden. Im vergangenen Mai ist er im Alter von 95 Jahren gestorben. Datum und Ort des Gedenkens als Statement Mit Unterstützung der Jazz Foundation of America wurde nun eine Gedenkfeier in Harlem für den 19. September organisiert. Natürlich habe ich schon auf dem Weg dorthin Musik von Rollins gehört. Es fiel mir zuvor eine Platte in die Hand, die im selben Jahr eingespielt wurde wie „Saxophone Colossus“, Rollins’ sogenanntes Signature-Album. Die Rede ist von „Max Roach Plus 4“, einem Meisterwerk des Hard Bop. Als ich mich in die Entstehungsgeschichte einlas, stellte ich fest, dass ein Großteil der Songs kurioserweise exakt am Tag des Memorials aufgenommen worden war, am 19. September, allerdings 1956, also vor genau 70 Jahren. Ein Schauer lief mir den Rücken herunter. Aber nicht nur das Datum, auch der Ort der Gedenkfeier war ein Statement. Die Cathedral of Saint John the Divine ist eine riesige, ihre Vollendung mutmaßlich nie erlebende Kirche, die sich über einen ganzen Block im New Yorker Stadtteil Harlem erstreckt. Vor über fünfzig Jahren hatte dort auch der Trauergottesdienst für Duke Ellington stattgefunden. Es war ein regnerischer Tag. Trotzdem hatten sich 12.500 Menschen in und vor der Kirche zum letzten Geleit versammelt, als etwa Ella Fitzgerald auftrat. Jetzt bei Rollins waren es laut Programmheft 45 Musiker, die sich in wechselnden Besetzungen das großzügig dimensionierte Presbyterium teilten, darunter Joe Lovano, Chris Potter, James Carter, Henry Threadgill, Gary Bartz, Gary Thomas, Benny Maupin, Craig Handy und, als einzige Vertreterin der jüngeren Generation, die Chilenin Melissa Aldana. Im Publikum saßen zahlreiche weitere Freunde und Weggefährten wie die beiden 89 alten Jazzlegenden Archie Shepp und Reggie Workman. Spielend von Rollins lernen Das Programm versammelte nahezu alle Klassiker aus Rollins’ Feder: von „Oleo“ über „The Bridge“ bis zur „Freedom Suite“. Das wuchtige „Tenor Madness“ mit sechs Tenorsaxophonisten sorgte für den nächsten Schauer. Die überwiegend anekdotisch gehaltenen Wortbeiträge, live oder per Videobotschaft, wurden klug ergänzt durch historisches Interview-Material. Dabei wurde Rollins’ Dreifaltigkeit als musikalischer Neuerer, generöser Mentor und Aktivist zumindest schlaglichtartig beleuchtet – er hatte ja auch viel beachtete musikalische Statements zu Ungleichheit und rassistischer Unterdrückung, zum Terrorismus am Beispiel des 11. September und zum Klimawandel veröffentlicht. Allen Mitwirkenden ging es spürbar darum, ein weiteres Mal spielend von Rollins zu lernen. Dadurch wurde der immense Verlust erfahrbar und zugleich der Blick in die Zukunft gerichtet. Auf der Gedenkfeier wurde auch der Hoffnung Ausdruck verliehen, dass in die Entscheidung über eine der Stadtverwaltung vorliegende Petition nun endlich Bewegung kommen könnte. Sie verfolgt das Ziel, die New Yorker Williamsburg Bridge, auf der Sonny Rollins während einer selbstverordneten Auszeit gut zwei Jahre lang heimlich bis zu 16 Stunden täglich geübt hatte, umbenannt werden und künftig seinen Namen tragen soll. Das beeindruckende künstlerische Resultat dieser alltagslärmumfluteten Exerzitien kann man bekanntlich auf einer seiner schönsten und einflussreichsten Platten bewundern: „The Bridge“. Geschichtspessimisten des Jazz gilt Sonny Rollins seiner künstlerischen Radikalität und Konsequenz wegen als der letzte große Erneuerer des Genres. Etwa durch die zum Teil aberwitzig komplexe Loslösung von der Melodie oder die korrespondierende permanente melodiöse Neuschöpfung hat Rollins mit seinem als „Stream of Consciousness“ bezeichneten Verfahren die Seele des Jazz, die Improvisation, auf ihr möglicherweise letztes Level gehoben. Nicht wenige denken, dass wir auf den Beweis des Gegenteils jedenfalls, so er denn jemals geführt werden kann, sehr lange warten müssen. Die vielleicht schönste Verneigung vor Sonny Rollins fand allerdings, wie mir Denardo Coleman, Mitglied des Organisationskomitees, erzählte, erst nach dem offiziellen Teil der Gedenkfeier statt. Einige der Musiker verabredeten sich nämlich noch spontan zu einer Aftershow-Jam-Session. Dazu muss man wissen, dass Sonny Rollins von sich sagte, er habe stets bereits vor dem Konzert angefangen zu spielen, sei dann übergangslos auf die Bühne gegangen und habe auch danach das Instrument nicht weggelegt, sondern in der Garderobe einfach weitergespielt. Und zwar genau so lange, bis das, was er an diesem Abend in sich gespürt hatte, zur Gänze aus ihm herausgeflossen war. Rainer Kern ist Leiter des Festivals „Enjoy Jazz“, das jeden Herbst in der Metropolregion Rhein-Neckar ausgerichtet wird.