Im September 2022 rissen sich Frauen den Hijab vom Kopf, schnitten sich die Haare ab, riefen „Frau, Leben, Freiheit“. Erst in Iran, dann überall auf der Welt. Nach dem Tod der damals 22 Jahre alten Kurdin Jina Mahsa Amini, die wegen angeblicher Sittenverstöße festgenommen worden war und in Polizeigewahrsam starb, protestierten Menschen, auf der Straße, im Netz, vor Botschaften. Oder im Kaisersaal des Frankfurter Römers, wo Kim de l’Horizon sich die Haare abrasierte, als ihm der Deutsche Buchpreis überreicht wurde. Seine Solidarität galt den Iranerinnen und Iranern, die mutig genug waren, sich gegen das Mullah-Regime aufzulehnen. Es schlug die Proteste später brutal nieder. Wie viele Tausende ums Leben kamen, weiß bis heute niemand. Zu viel wurde zensiert, zu wenig drang durch. Amnesty International hat jetzt einen mehr als tausend Seiten langen Bericht vorgelegt, der die schweren Verbrechen dokumentiert. Dafür hat die Organisation 270 Interviews geführt und mehr als 2000 Videos sowie Gerichtsakten ausgewertet. Vier Jahre sind seitdem vergangen. Verbessert hat sich nichts, im Gegenteil. Seit dem Krieg mit Israel und den USA geht das Regime noch repressiver gegen die Bevölkerung vor, die wirtschaftlich Not leidet. Aber der Ruf „Frau, Leben, Freiheit“ hallt nach, als Chiffre, die größer ist als der Protest selbst. Parallelen zum „Buch der Könige“ Vielleicht lohnt deshalb ein Blick in ein mehr als tausend Jahre altes Buch, das überraschende Parallelen zur Gegenwart aufweist: Ferdousis „Schāhnāme“, das „Buch der Könige“. Auch in ihm geht es um Macht – und darum, wie lange sie sich hält. Ferdousis Könige kommen und gehen. Sogar Rostam, der berühmteste Held des persischen Epos, der nicht nur gerechten, sondern auch grausamen und törichten Königen dient, geht am Ende an seiner eigenen Welt zugrunde. Ferdousi erzählt zum Schluss vom Untergang des Sassanidenreiches und der islamischen Eroberung. Damit vollzieht sich aber kein Neuanfang, nicht der erhoffte „Regime-Change“, wie man heute sagen würde. Was bleibt, ist die Erzählung. Auch die Islamische Republik hat ihre Erzählung: die der Revolution, der religiösen Pflichten, der äußeren Feinde. Doch sie ist brüchig geworden. Seit Jina Mahsa Amini gibt es eine neue Erzählung, die nicht aus Palästen oder Reden der Ajatollahs kommt, sondern von der Straße. Von Frauen, die ihr Haar zeigen. Von jungen Menschen, die tanzen und leben wollen. Von Familien, die ihrer Toten gedenken. Die Aufstände mögen gescheitert sein, aber eine Generation hat erfahren, dass Gehorsam nicht alternativlos ist. Das „Schāhnāme“ ist auch eine Warnung: vor Königen, die glauben, ihnen gehöre die Welt, vor Mächtigen, die sich für unsterblich halten. Vielleicht bleibt den Iranern und der Exil-Community diese Erzählung und allen anderen die Sehnsucht, das faszinierende Land zu sehen, von dem ihnen nur erzählt worden ist. Vom biblischen Berg Aharat, dem Zauber Isfahans, der Dichtkunst, dem Duft der Rosen und von Reis mit Berberitzen. Spätestens seit Ferdousi weiß man, dass die Erzählung länger lebt als Könige.
