FAZ 12.05.2026
10:15 Uhr

Integratives Wohnprojekt: Raum für Privatsphäre und zum Toben


Gelebte Integration: Auf dem Schlockerhof in Hattersheim wohnen Menschen mit Beeinträchtigungen künftig unter einem Dach mit einer Kita.

Integratives Wohnprojekt: Raum für Privatsphäre und zum Toben

Am Anfang war Vera Remy skeptisch. „Da wohnen die Reichen“, sagte sie halb scherzend über das neue Haus. Als sie dann selbst einziehen sollte, konnte sie es kaum fassen. Jetzt wohnt sie in einer Wohngemeinschaft mit drei anderen Frauen. Den bunt gestreiften Duschvorhang hat sie sich selbst ausgesucht, der Plüscheisbär besetzt einen Stuhl, einige Kisten stapeln sich noch. Ein paar Zimmer weiter hat sich Michelle Pfeifer eingerichtet, sie mag es verspielter. Bunter Schmuck liegt in Kästchen auf einer Kommode, ein Laptop steht auf einem Schreibtisch am Fenster, die selbst gemalten Bilder werden noch aufgehängt. „Bei der Gestaltung dürfen sich die Bewohnerinnen austoben“, sagt Nils Bayer, Wohnhausleiter des neuen Gebäudes am Schlockerhof, einem Zentrum für Menschen mit Beeinträchtigungen. Einige, wie Pfeifer, arbeiten in der zugehörigen Bäckerei, andere in der Gärtnerei. Das vom Evangelischen Verein für Innere Mission (Evim) getragene Zentrum bildet Menschen mit unterschiedlichsten Beeinträchtigungen aus und schafft es manchmal auch, sie in Regelberufe und eigene Wohnungen zu vermitteln. Es gebe aber das Versprechen, bis zum Lebensende hier wohnen zu können, sagt Bayer. So wie André Hulverscheidt, der nun in Rente ist und ein eigenes Apartment im obersten Stock des neuen Wohnhauses bewohnt. Er stammt aus einer Eisenbahnerfamilie, Modellbau ist sein Hobby. „Und Schuhe sammeln“, wirft Alexander Heusslein angesichts des überall verstreuten Schuhwerks ein. Er ist ebenfalls auf diesem Stockwerk eingezogen, etliche Jahrzehnte jünger und lebt erst seit einem halben Jahr auf dem Gelände. An die neue Matratze müsse er sich noch gewöhnen, sagt er. Aber das eigene Bad sei viel wert: „Keine nervige Kommunikation mehr, keine vollgeschissenen Toiletten.“ Heusslein redet nicht groß drumherum. Tatsächlich gehört es zum Konzept, den Bewohnern möglichst viel Privatsphäre zu geben. Niemand darf das Zimmer betreten, ohne vorher angeklopft zu haben. Wer sich zurückziehen will, um die Akkus aufzuladen, der darf das. „Verhaltensauffälligkeiten gehen da ganz von alleine runter“, sagt Bayer. Und auch der Blick ins Weite hilft, denn auf der Rückseite des Hauses, an der sich Balkone befinden, erstrecken sich grüne Rapsfelder mit einzelnen gelben Blüten. Ruhig ist es hier, man kommt sofort herunter. Etwas lauter wird es höchstens wochentags bis 17 Uhr, wenn im Erdgeschoss und im ersten Stock die Kitakinder toben. Momentan sitzen die Kinder allerdings brav beim Mittagessen. Die Außenanlagen sind noch nicht in Betrieb, da fuhren bis vor Kurzem noch die Bagger über das Gelände. „Das war großes Kino“, sagt Jeremias Köhler, Leiter der Einrichtung. Alle Kinder hätten aufgereiht an den Fenstern gestanden. Die Kita am Schlockerhof gibt es schon seit einigen Jahren. Als die Stadt Hattersheim einen weiteren Kitaträger benötigt habe, erinnert sich Bürgermeister Klaus Schindling (CDU), habe es nur wenige Gespräche gebraucht, bis der Evim bereit gewesen sei, die Aufgabe zu übernehmen. So entstand der Kindergarten. Die ersten Jahre war er jedoch in einem Containerbau gleich gegenüber untergebracht. Nun konnten die drei bestehenden Gruppen, die Sternschnuppen, die Astronauten und die Sonnengruppe, vor wenigen Tagen in die neue Kita ziehen, die sich das Gebäude mit den Wohngruppen und Einzelappartements teilt. Neu hinzu kam eine weitere Gruppe, die nach dem Wunsch der Kinder nun Mondgruppe heißt. Alle Gruppen seien altersgemischt, sagt Kitaleiter Köhler, das habe sich bewährt. Wenn ein jüngeres Kind Schwierigkeiten habe, das Schnitzel zu schneiden, sei ein älteres oft schneller zur Stelle als ein Erzieher. Man lerne voneinander. Auch zwei neue Krippengruppen für Kinder von einem Jahr an gehören nun dazu. Im Ruheraum der Wolkengruppe werden gerade von Erzieherinnen und einer Mutter Wölkchen an die Wand gemalt. Die Regenbogengruppe befindet sich noch im Aufbau. Später sollen die Kinder problemlos von der Krippe in die Kindergartengruppen wechseln können und ältere Kinder als Paten an die Seite gestellt bekommen. Dass eine Kita und eine Wohnanlage für Menschen mit Beeinträchtigungen in einem Haus untergebracht sind, ist neu. Große Pläne für gemeinsame Veranstaltungen gibt es bislang zwar noch nicht, denn „Ankommen ist erst einmal das Wichtigste“, so Köhler. Doch die Leitungsebenen sind gut vernetzt und werden sich weiter austauschen. „Das wird wachsen.“ So wurden nahezu alle Wünsche der Bewohner und Kitakinder erfüllt. Nur einer noch nicht, den die Kinder gleich auf mehreren Bildern festgehalten haben: eine Rutsche vom ersten Stock hinunter in den Garten. „Das wäre cool“, sagt auch Jeremias Köhler. Wer weiß, vielleicht wird dieser Wunsch eines Tages noch Wirklichkeit.