FAZ 06.10.2026
09:45 Uhr

Inklusive Gaststätte: Inklusives Café im Jugendstil-Bad muss schließen


Im Café Jost in Bad Nauheim arbeiten Menschen mit und ohne Behinderungen. Nun hat der Betreiber das Aus verkündet. Der Fall zeigt: Nicht nur hohe Personalkosten drücken inklusive Gaststätten.

Inklusive Gaststätte: Inklusives Café im Jugendstil-Bad muss schließen

Eine junge Mutter mit ihrem Kleinen auf dem Schoß nippt an einem Tisch in der Trinkkuranlage an einem Latte macchiato. Ein paar Meter weiter bestellt ein junges Paar gerade Kaffee und Kuchen, während sich zwei Senioren einen Überblick verschaffen. Drinnen im Café Jost beenden einige Gäste gerade ihr Frühstück. Eine Bedienung setzt sich kurz und atmet durch, bevor sie vorsichtig einen Teller mit einem Stück Kuchen nach draußen trägt. Es geht recht ruhig zu an diesem späten Vormittag. Aus wirtschaftlicher Sicht zu ruhig, zudem bildet dieser Vormittag keine Ausnahme. Deshalb wird der Betreiber die Gaststätte schließen. Der Betrieb lasse sich langfristig nicht wirtschaftlich führen, sagt Birte Kuhlmann als Geschäftsführerin der Gastrowelt Mittelhessen. Bad Nauheim und die Region verlieren einen besonderen Ort. Denn das Jost ist ein inklusives Café. Das heißt, der Betrieb beschäftigt Menschen mit und ohne Behinderung. Er wird in einem ähnlichen Geiste geführt wie das Sinn & Wandel in Frankfurt. Und auch dort an der Bornheimer Landstraße schließt sich die Eingangstür zumindest unter dem jetzigen Inhaber bald für immer. Nun ist eine Geschäftsaufgabe in der Gastronomie nichts Ungewöhnliches. Im vergangenen Jahr verabschiedeten sich in ganz Deutschland nach Angaben der Auskunftei Creditreform etwa 12.300 Gaststätten vom Markt. Die Branche steht trotz der seit Jahresbeginn auf sieben Prozent gesenkten Mehrwertsteuer wirtschaftlich weiter unter Druck. Für das erste Halbjahr meldete das Statistische Landesamt durchschnittlich 4,2 Prozent weniger Umsatz als vor einem Jahr. Doch kommen im Falle von inklusiv geführten Betrieben noch andere Gründe hinzu. Holpriger Start für das Café Jost in der Corona-Zeit Für das Café Jost verlief schon der Start unglücklich. Es öffnete seine Türen erstmals im November 2022, also mitten in der Corona-Zeit und dazu später als ursprünglich geplant. Dem neuen Betrieb ging ein längerer Leerstand voraus, nachdem ein anderes Restaurant aufgegeben hatte. Zwischenzeitlich war unklar, ob es an diesem Ort überhaupt wieder eine Gaststätte geben solle: „Durch die Anordnung der Räumlichkeiten mit der eigentlichen Gaststätte, dem Bankett- und dem Konzertsaal handelt es sich um eine Art ‚Gastronomieschlauch‘, der nur schwer wirtschaftlich zu betreiben ist“, zitierte die „Wetterauer Zeitung“ im August 2020 den Ersten Stadtrat von Bad Nauheim, Peter Krank. Gastrowelt Mittelhessen ging das Wagnis gleichwohl ein, zumal die Gesellschaft auch den Zuschlag für die Hausmeisterdienste dort erhielt. „Die Konzeptplanung war anfangs vielleicht euphorischer, als sich das Geschäft im Alltag erwiesen hat“, sagt Betriebsleiter Oliver Schmitz, der zum Start noch nicht dabei war. Am meisten stechen aber die Personalkosten in dem 26 Beschäftigte zählenden Betrieb hervor. „Wir haben einen fast doppelt so hohen Personalaufwand wie ein Café ohne Beschäftigte mit Handicap“, sagt Schmitz. Verfolge die Gastrowelt Mittelhessen als gemeinnützige GmbH doch das Ziel, Frauen und Männer mit Handicap auf dem ersten Arbeitsmarkt unterzubringen und dort zu halten. Im Umkehrschluss bedeute dies, auf möglichst wenige Minijobber zurückzugreifen, hebt Kuhlmann hervor. Die Schwerbehindertenquote betrage 45 Prozent. Teils Eins-zu-eins-Betreuung von Mitarbeitern mit Handicap nötig Bisweilen ist nach den Worten von Schmitz eine Eins-zu-eins-Betreuung notwendig. In einem solchen Fall greife ein Mitarbeiter ohne Behinderung einem Kollegen mit Handicap unter die Arme. Wenn ein Café oft gut besucht ist und die Gäste reichlich bestellen, lässt sich so etwas finanziell eher verkraften als in diesen Zeiten. Schmitz beschreibt das Tagesgeschäft als sehr schwankend. „An guten Tagen ist jeder Tisch fünfmal besetzt, an weniger guten vielleicht einmal“, erläutert er. Im Café gibt es 50 Plätze und weitere 80 auf der Freifläche in der Trinkkuranlage. Die Außengastronomie belebt das Geschäft zumindest von Ostern bis Oktober. Aber sie bedeutet auch weite Wege für die Beschäftigten. Dessen ungeachtet werden durch die Plätze im Freien Gäste auf das Jost aufmerksam, die es sonst übersehen könnten. Denn der Ort liegt abseits des rege besuchten Kurparks und der Fußgängerzone mit ihren Boutiquen, Lebensmittelläden und dem Kaufhaus als Mittelpunkt. Anders ausgedrückt: Das Jost befindet sich nicht an einem der rege genutzten Laufwege. Vielmehr steuern es viele Gäste ganz bewusst an. Laufkundschaft ist die Ausnahme. „Wir haben es nicht geschafft, sichtbarer zu werden“, sagt Kuhlmann mit Bedauern. Das hat sich als doppelt misslich erwiesen. Denn das Café allein trägt sich nicht. Schwarze Zahlen hat es laut Kuhlmann nie geschrieben. Nur der von Mitarbeitern mit Handicap betreute Hausmeisterservice lohne sich finanziell. Dies kontrastiert mit der Erwartung der Stadt, die Gastronomie möge bis in den Abend geöffnet bleiben. Und zwar auch, um ungebetene Gäste von der Trinkkuranlage fernzuhalten. An den Preisen kann das schlechte Geschäft nicht liegen, wie Schmitz meint. Das sogenannte Tisch-Büfett („Das ist wie ein Brunch, nur ohne Aufsehen“) kostet 25 Euro, ein Saft inklusive. Ein Kaffee Crema kostet 3,50 Euro und eine Weizenbier-Halbe 5,70 Euro, alles ortsüblich. Das Tisch-Büfett werde gut angenommen. „Aber das allein reißt es nicht heraus“, sagt er. Geld lasse sich mit Speisen nur schwer verdienen. Auch hier kommen wieder Personalkosten ins Spiel. „Köche sind ein goldenes Gut.“ Ein guter Koch könne 5000 bis 7000 Euro brutto im Monat aufrufen. „Wir bewegen uns darunter, aber auch nicht viel“, sagt Schmitz, der drei Köche im Team hat. Der inklusive Betrieb als solcher habe sich eingespielt und laufe gut. Schmitz und Kuhlmann sprechen von einem „super Team“. „Nur: Wir sind auch als gemeinnützige GmbH ein Wirtschaftsbetrieb und müssen rechnen wie jedes andere Unternehmen auch“, gibt Geschäftsführerin Kuhlmann zu bedenken. Deshalb habe sich das Unternehmen entschieden, den Betrieb nach dem Ende des Pachtvertrags zu schließen. Bis zum Abschied werden, anders als im Fall des Frankfurter Cafés, das schon Mitte Oktober zusperrt, noch Monate vergehen. Bis Juli nächsten Jahres heißt das Jost weiter Gäste willkommen. Für die Beschäftigten mit Handicap geht es an anderer Stelle unter dem Dach der gemeinnützigen GmbH weiter, wenn sie mögen. Inklusionsunternehmen sind für Kuhlmann eine Erfolgsgeschichte: Sie schafften sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt und ermöglichten Menschen mit und ohne Behinderung, selbstverständlich miteinander zu arbeiten. Wenn das nicht in einem anderen Café sei, dann eben in einer weiteren Betriebskantine, wie sie Gastrowelt Mittelhessen schon an mehreren Orten in der Region betreibe. Die Stadt Bad Nauheim bedauert nach den Worten einer Sprecherin das beschlossene Aus für den gastronomischen Betrieb in der Trinkkuranlage: „Wir hätten die Zusammenarbeit gern fortgesetzt. Das inklusive Gesamtkonzept haben wir von Beginn an als vielversprechend und als Bereicherung für Bad Nauheim angesehen.“