FAZ 03.10.2026
10:39 Uhr

Hörspiel von Ingeborg Bachmann: Wenn Liebe die Ordnung sprengt


In Ingeborg Bachmanns Hörspielklassiker steht ein Mann wegen Mordes vor Gericht. Doch „Der gute Gott von Manhattan“ verhandelt auch, ob eine Gesellschaft bedingungslose Liebe dulden kann.

Hörspiel von Ingeborg Bachmann: Wenn Liebe die Ordnung sprengt

Das Hörspiel von Ingeborg Bachmann beginnt mit einer Gerichtsverhandlung. An einem heißen Augusttag befragt ein amerikanischer Richter den „guten Gott von Manhattan“, der wegen des Mordes an Jennifer angeklagt ist. In Rückblenden erzählt dieser, wie Jan und Jennifer einander in New York begegnen, zunächst eine Nacht miteinander verbringen und schließlich gemeinsam in ein Hotel ziehen. Marie-Luise Stockinger und Max Simonischek lassen aus der zunächst flüchtigen Begegnung eine immer leidenschaftlichere Beziehung entstehen. Bald können sich die beiden ein Leben ohneeinander nicht mehr vorstellen. Doch der Angeklagte hält die bedingungslose Liebe für eine Gefahr, weil sie die Ordnung der Welt bedroht. Mithilfe seiner Eichhörnchen lässt er eine Paketbombe ins Hotelzimmer bringen. Jennifer stirbt bei der Explosion. Jan überlebt nur, weil er das Hotel verlassen hat, um sein Ticket für die Rückreise zurückzugeben. Durch das Radio erfährt er vom Tod der Geliebten. In einer Zeit des Übergangs Das Hörspiel im Auftrag von Norddeutschem und Bayerischem Rundfunk wurde erstmals 1958 ausgestrahlt. Seine Entstehung fällt in eine Zeit des Übergangs. Ingeborg Bachmann hatte als freie Schriftstellerin zuletzt überwiegend in Italien gelebt. 1957 ging sie als Dramaturgin zum Bayerischen Fernsehen nach München und erhielt im selben Jahr für ihren Gedichtband „Anrufung des Großen Bären“ den Bremer Literaturpreis. Wenige Wochen nach der Ausstrahlung des Hörspiels sollte sie Max Frisch begegnen. Das Bild vom „Himmelfahrtskommando“  für die schwierige Balance von Nähe und Distanz würde sich auch auf diese Beziehung übertragen lassen. Doch all das ahnt Bachmann nicht, als sie in ihrem Hörspiel den Liebestod vor Gericht verhandeln lässt. Ihr geht es darum, die „Nachtseite“ einer bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft zu beleuchten. Der „gute Gott“ steht dabei für die Konvention, der die Liebe geopfert wird. Bachmann entwirft Liebe hier als beglückende Möglichkeit und bedrohte Gegenwelt. In der einstündigen Neuproduktion von ORF und Deutschlandfunk inszeniert Elisabeth Weilenmann dieses Spannungsverhältnis auch über die Musik. Zu Recht wurde es zum Hörspiel des Monats September ausgewählt. Die minimalistische Komposition von Anna Bauer und ihre verfremdeten Arrangements tragen ganz wesentlich zur beklemmenden Atmosphäre bei. Stellenweise erinnern die Klänge an das schräge Harmonium aus der Netflix-Verfilmung von „Im Westen nichts Neues“, wofür Volker Bertelmann einen Oscar erhielt. Markus Hering gibt den Angeklagten als mythische Figur, die das eigene Handeln wie ein bestellter Gutachter vor Gericht beglaubigt und zugleich rechtfertigt. Roland Koch als Richter lauscht und gerät zunehmend in den Bann der Argumentation. Das Hörspiel, das in der Regie von Elisabeth Weilenmann keiner Zeit mehr zuzuordnen ist, entstand zwölf Jahre nach dem Ende der NS-Diktatur. Vor diesem Hintergrund erhält der Prozess einen historischen Nachhall. Denn Bachmann fragt, wie eine Gesellschaft Gewalt im Namen von Recht und Ordnung legitimiert. Ihr Angeklagter kann am Ende das Gericht ohne Verurteilung verlassen. Der gute Gott von Manhattan läuft am 3. Oktober um 20.05 Uhr beim Deutschlandfunk und bei ARD-Sounds.