Finn Flebbe muss sich beeilen. Gerade sind zwei Männer angekommen, die jetzt im Foyer des Kongresszentrums herumstehen. Der eine ist hochgewachsen und etwas blass, der andere kleiner und braun gebrannt. Flebbe läuft auf die Männer zu und grüßt sie mit Handschlag. Ein paar Minuten noch, dann müssen sie auf die Bühne, um eine Antwort auf die Frage zu finden, die viele hier umtreibt: Wie soll die Zukunft der FDP aussehen? Flebbe, 30 Jahre alt, ist Vorsitzender der Jungen Liberalen. An diesem Wochenende hat sich die Jugendorganisation zu einem Bundeskongress in Bingen am Rhein versammelt. In normalen Zeiten wäre das kaum eine Meldung wert. Die Delegierten würden Reden halten, Stimmzettel ausfüllen und Weißwein trinken, ohne dass jemand Notiz davon nähme. Aber es sind keine normalen Zeiten. Die FDP kämpft um ihr Überleben, und es kann sein, dass sie den Kampf dieses Mal verliert. Im vergangenen Jahr flog sie aus dem Bundestag, im März scheiterte sie erst in ihrem Stammland Baden-Württemberg an der Fünfprozenthürde und dann in Rheinland-Pfalz, wo sie Teil der Regierung war. Der Parteivorsitzende Christian Dürr und seine Generalsekretärin Nicole Büttner traten zurück. Ende Mai werden ihre Nachfolger gewählt. Finn Flebbe findet, die FDP habe das vergangene Jahr „verspielt“. Fehler aus der Zeit der Ampelkoalition seien nie aufgearbeitet worden, sagt er der F.A.Z. Um erfolgreich zu sein, müsse die Partei anecken, „nicht mit populistischer Zuspitzung, sondern mit unangenehmen Wahrheiten“. Er denkt an Sätze wie: Die Rente ist nicht sicher. Oder: Wir haben ein Problem mit Einwanderung ins Sozialsystem. 600 Julis sind nach Bingen gekommen. Sie tragen Hemden, Blusen und Pullover. Ein junger Mann hat sich für einen Nadelstreifenanzug mit gelber Krawatte entschieden. Die Julis sitzen in einem Saal mit hohen Fenstern, der ein bisschen nach Kino riecht, weil draußen im Foyer eine Popcornmaschine steht. Wer möchte, verlässt den Saal und lernt in Seminaren etwas über „Rhetorik und Lehren aus dem Wahlkampf“ oder „KI und Daten in der Programmatik“. Eine „Richtungsentscheidung“ Jetzt, am Samstagnachmittag, bleiben fast alle sitzen. Auf der Bühne beginnt das „Kandidatenhearing“, wie die Julis es nennen: eine Fragerunde mit Henning Höne und Martin Hagen. „Wir haben heute einiges vor mit euch“, sagt Flebbe, der als Moderator zwischen den beiden Platz genommen hat. Höne ist 39 Jahre alt und führt die FDP-Fraktion in Nordrhein-Westfalen an. In drei Wochen will er Parteivorsitzender werden. Er konkurriert mit Wolfgang Kubicki, der fast doppelt so alt und deutlich bekannter ist. Viele hier im Saal sprechen von einer „Richtungsentscheidung“. Höne setzt auf einen moderaten Ton, Kubicki auf Zuspitzung. Vor zwei Wochen ließ er im Zusammenhang mit Bundeskanzler Friedrich Merz das Wörtchen „Eierarsch“ fallen. Wäre es nach Finn Flebbe gegangen, säße Kubicki jetzt auch auf der Bühne. Ein Aufeinandertreffen mit Höne, ein Duell vor dem Parteitag. Aber Kubicki hat abgesagt, aus Termingründen, wie es heißt. Bei den Julis kommt das schlecht an. Flebbe bezeichnet die Absage als „Fehler“, ein anderer führender Jungliberaler spricht von „fehlender Wertschätzung“ für den Nachwuchs. Die Julis sehen sich als Machtfaktor in der FDP, sie können Stimmungen beeinflussen. Kubicki hat seinen potentiellen Generalsekretär nach Bingen geschickt. Martin Hagen, 44, war Fraktionsvorsitzender der bayerischen FDP, bis die Partei 2023 aus dem Landtag flog. Heute ist er Geschäftsführer von Republik21. Die konservative Denkfabrik will die Brandmauer zur AfD durch sogenannte rote Linien ersetzen. „Ja zu allem, was Henning gesagt hat“ Die Antworten, die Höne und Hagen geben, unterscheiden sich oft kaum. Beispiel Rente. Auf die Frage, ob die Menschen länger arbeiten sollten, antwortet Höne: „Ich finde, ja.“ Außerdem müsse die betriebliche Altersvorsorge gestärkt und eine Aktienrente eingeführt werden. Hagen sagt, es sei „relativ einfache Mathematik“, dass die Lebensarbeitszeit erhöht werden müsse, wenn die Menschen älter würden und es weniger Nachwuchs gebe. „Ansonsten ja zu allem, was Henning gesagt hat.“ Beispiel Schuldenbremse. Hagen will nur Verteidigungsausgaben davon ausnehmen, alle anderen Ausnahmen hält er für „fatal“. Friedrich Merz, der im Wahlkampf auf die Schuldenbremse gepocht und sie dann mit den Stimmen von Union und SPD gelockert hat, wirft er „Wahlbetrug“ vor. Höne greift die Formulierung auf: Das sei „der teuerste Wahlbetrug in der Geschichte dieser Republik“ gewesen. In Deutschland gebe es Geld wie Heu, aber es werde „verschwendet an allen Ecken und Enden. Das muss aufhören.“ Beispiel AfD. „Für mich ist ganz klar“, sagt Hagen, „es gibt mit der AfD keine Koalition, es gibt auch keine Zusammenarbeit.“ Es sei aber „völlig absurd“, einem eigenen Anliegen nicht zuzustimmen aus Angst, die Falschen könnten mitstimmen. Auch Höne will „keine Zusammenarbeit“ mit der AfD. Allerdings sei der bisherige Umgang mit der Partei gescheitert: „,Brandmauer‘ und ,Ihr seid alle Nazis‘ schreien – offensichtlich funktioniert das nicht.“ Man müsse mit AfD-Vertretern diskutieren. Gespaltener Parteinachwuchs Bei jedem Thema stimmen die Julis online darüber ab, wessen Antwort sie besser fanden. Henning Höne gewinnt fast immer. Das stärkste Ergebnis bekommt er für seine Antwort auf die ungewöhnliche Frage, welches Gartengerät er wäre. Ein Vertikutierer, sagt Höne, denn der „befreit den Rasen von allem, was alt, abgestorben und moosig ist“. Applaus im Saal, knapp 86 Prozent in der Online-Abstimmung. Der Seitenhieb gegen Kubicki sitzt. Hagen entscheidet sich für die Heckenschere. Gegen den „Bürokratiedschungel“, sagt er. Unter den Julis haben sich längst zwei Lager gebildet. 60 Prozent seien für Höne und 40 Prozent für Kubicki an der FDP-Spitze, schätzen manche. In der gesamten Partei sehe das Verhältnis anders aus. Viele Julis glauben, dass dort Kubicki der Favorit ist. Hönes Unterstützer sagen, Höne stehe für einen Neuanfang, weil er während der Ampel keine Rolle auf Bundesebene gespielt hat. Er denke längerfristig. Kubicki, fürchten manche, könnte die FDP zu einer Protestpartei machen. Kubickis Unterstützer haben eine ganz andere Sorge. Sie glauben, Höne sei zu unbekannt. Die FDP brauche Charaktere, um die nächsten Wahlen zu gewinnen. Wenn es einer schaffen könne, die Partei wieder interessant zu machen, dann Kubicki. Auf der Bühne versucht Finn Flebbe am Ende der Podiumsveranstaltung, Einigkeit zu betonen. „Jeder von außen“, sagt er, „wünscht uns den Untergang. Deswegen müssen wir es schaffen, zusammenzuarbeiten.“
