FAZ 05.06.2026
08:01 Uhr

Hochzeitskorsos: Hochzeiten als Machtdemonstration


Hochzeitskorsos, die ganze ­Autobahnen lahmlegen, sind ein Problem. Die Sicherheitsbehörden gehen dagegen vor. Aber in einigen Kulturkreisen hält sich der Wunsch, die Feier auf die Straße zu tragen, hartnäckig.

Hochzeitskorsos: Hochzeiten als Machtdemonstration

Auf den ersten Blick sieht die Kolonne aus wie ein gewöhnlicher Stau. Nur, dass dieser weder durch einen Unfall noch durch eine Panne verursacht worden ist. 20 bis 30 Fahrzeuge zählt später die Polizei, die auf der Autobahn 3 bei Limburg über alle drei Fahrspuren gefahren sind – und dabei immer langsamer wurden, sodass sie alle anderen Fahrzeuge ausbremsten. Gleich mehrere Anrufe gingen bei der Polizei ein. Aus den Kofferräumen der Autos, darunter vor allem Mercedes und BMW, wehten türkische Flaggen, wie ein Sprecher der Polizei sagt. Der Anlass war eine Hochzeit. Eine Großhochzeit. Und die Aktion auf der Autobahn glich einer reinen Machtdemonstration. Autokorsos gehören inzwischen fast schon zu Standardeinsätzen der Polizei an den Sommerwochenenden. An sich eine schöne Sache. Die Hochzeitsgesellschaft fährt zusammen zum Ort der Trauung oder zur anschließenden Feier. Meistens finden sie im Zusammenhang mit Hochzeiten aus dem türkischen oder arabischen Raum statt. Problematisch wird es nur, wenn es, wie im jüngsten Fall, zum Ausbremsen auf der Autobahn führt. In seltenen Fällen werden auch schon einmal Bengalos gezündet oder Schreckschusspistolen abgefeuert. Auch dann greift die Polizei ein. Zwischen Jubel und Strafanzeige Der Korso bei Limburg gehörte zu der harmloseren Art, wie ein Polizeisprecher weiter sagt. Aufgrund mehrerer Hinweise gehe man von einem Hochzeitskorso aus – auch, wenn die Fahrer das bestritten. Dass die Beweislage schwierig sei, kenne die Polizei schon. „Wenn wir ankommen, können wir das Geschehene oft nur noch anhand der Zeugenaussagen nachvollziehen“, sagt der Sprecher. Im jüngsten Fall hätten die Beamten nur noch einen Teil der Fahrzeuge angetroffen. Trotzdem wurden sechs Fahrer wegen Nötigung im Straßenverkehr angezeigt. Weniger harmlos ging es am 11. April dieses Jahres zu. Wie die Polizei Frankfurt mitteilte, hatten Autofahrer nicht nur eine gesamte Straße blockiert. Es wurde zudem mit einer Schreckschusswaffe in die Luft geschossen. In einem der Autos fand man Feuerwerkskörper. Die Polizei hat entsprechende Ermittlungen eingeleitet. So oder ähnlich lesen sich viele Polizeimeldungen zu Hochzeitskorsos. Beliebt sind auch sogenannte „Donuts“ – das kreisförmige Driften eines Autos um die eigene Achse. Oft steigen Teilnehmer sogar aus, filmen sich gegenseitig oder fotografieren das Brautpaar. Was den Verkehr behindert, erleichtert später häufig die Ermittlungen: Videos und Aufnahmen helfen bei der Identifizierung der Beteiligten. Wie häufig Unfälle im Zusammenhang mit Hochzeitskorsos tatsächlich vorkommen, lässt sich jedoch kaum sagen. Die meisten Polizeibehörden führen dazu keine Statistiken. Nur Nordrhein-Westfalen erfasst seit einigen Jahren entsprechende Einsätze. „Wir fahren eine Nulltoleranzstrategie“ „Wir haben das Problem erkannt und daher im Jahr 2019 erstmals entsprechende Zahlen erfasst“, sagt Polizeihauptkommissar Pascal Pettinato von der Polizei in Nordrhein-Westfalen. 2019 habe seine Behörde 171 Hochzeitskorsos registriert. Im selben Jahr wurde sogar eine eigene Ermittlungskommission mit dem Namen „Donut“ gegründet. Der Name bezieht sich auf die rechtswidrigen Manöver, die bei dem zugrunde liegenden Korso vorkamen. „Seitdem fahren wir eine Nulltoleranzstrategie.“ Wie Pettinato berichtet, hat die Polizei in Nordrhein-Westfalen auch präventive Maßnahmen in Form von Infoflyern und Social-Media-Beiträgen ergriffen. Darin wird auf die Regeln während der Fahrt zum Veranstaltungsort hingewiesen: Es sollen keine Staus provoziert oder Waffen mitgetragen werden. Bei Missachtung der Verkehrsregeln drohen Konsequenzen vom Auflösen des Korsos bis hin zu Bußgeldern und Freiheitsstrafen. „All das scheint geholfen zu haben“, sagt Pettinato. „Die Zahlen sind deutlich rückläufig.“ Tatsächlich wurden im Jahr 2019 noch 171 Hochzeitskorsos in Nordrhein-Westfalen registriert. Ein Jahr später waren es 56 Korsos. Die Zahl sank weiter – auf zuletzt 22 Korsos im Jahr 2025. Eine solche Aufschlüsselung gibt es in Hessen nicht. Die Polizei dort teilt auf Anfrage mit, dass zwar keine Erhebungen zu Hochzeitskorsos geführt würden. Trotzdem existierten seit 2022 Leitlinien, „die speziell dafür entwickelt wurden, um Einsätzen im Zusammenhang mit Autokorsos adäquat begegnen zu können“. Darüber hinausgehende Maßnahmen seitens der hessischen Polizei seien derzeit nicht geplant. Andere Bundesländer reagieren ähnlich. In Bayern, Hamburg und Berlin gibt es auch keine Statistiken, trotzdem spricht die Polizei von „keinem seltenen Phänomen“. Der Korso als Aufwärmphase Der Grund für die lückenhafte Erfassung: Ein Korso an sich ist nicht strafbar. Erst wenn Verkehrsregeln bewusst verletzt werden, greifen Polizei und Justiz ein. Die Delikte laufen dann unter allgemeinen Verkehrs- oder Strafrechtsverstößen. Ein Ausbremsen auf der Autobahn etwa gehört schon dazu. Politisch scheint die AfD das Thema für sich entdeckt zu haben. In Rheinland-Pfalz gab es von 2019 bis 2026 neun Strafverfahren im Zusammenhang mit Hochzeitskorsos. Die Auswertung erfolgte auf Anfrage eines Abgeordneten der Partei. Auch in Nordrhein-Westfalen schien sich vor allem die AfD an der Häufigkeit der Korsos zu stören. Und auch in Hessen gab es 2020, als das Phänomen „Hochzeitskorsos“ stärker in die Öffentlichkeit rückte, eine Anfrage der Partei im Landtag. Das hessische Innenministerium beantwortete die Anfrage damals mit dem Hinweis, dass „angesichts gleichartiger Phänomene in anderen Bundesländern eine bundesweite Gremienbefassung besteht, beispielsweise in der bundesländerübergreifenden Arbeitsgemeinschaft für Einsatzangelegenheiten (AG Einsatz)“ – mit dem Ziel der Bewältigung solcher Einsatzlagen durch einen ganzheitlichen Ansatz, der präventive und repressive Maßnahmen umfasse. In Nordrhein-Westfalen wurden die Behörden konkreter. In einem Bericht des dortigen Innenausschusses, in dem Gründe für Hochzeitskorsos aufgeführt wurden, hieß es: übersteigerte Männlichkeitsinszenierung, das Bekunden von Nationalstolz, Machtdemonstration im öffentlichen Raum oder das Manifestieren der Familienehre. Mit dieser Beschreibung tun sich vor allem Integrationsforscher schwer. „Traditionell hat das mit Korsos in der Regel nichts zu tun“, sagt etwa Caner Aver von der Universität Duisburg-Essen, der am Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung arbeitet und sich dort unter anderem mit kulturell geprägten Riten befasst. Er verweist auf eine andere Feierkultur, die dann auch in Deutschland ausgelebt werde – im Fall von Hochzeitskorsos auch verbunden mit rechtlichen Grenzüberschreitungen. „Im türkischen und arabischen Raum werden große Feste groß begangen. Trauer wie auch Freude, etwa auf Hochzeiten, werden in einer größeren Gemeinschaft zelebriert, um sie zu teilen. Der Korso ist dann so etwas wie die Aufwärmphase.“ Caner Aver ist selbst Teil der „Community“, wie er sie nennt, seine Eltern sind in den Siebzigerjahren als Gastarbeiter aus der Türkei nach Deutschland gekommen. Größe der Hochzeit als Spiegel des sozialen Status Kulturell eingeordnet, sieht Aver vor allem folgenden Punkt: So seien Bräute in den entsprechenden kulturellen Kreisen früher in den Dörfern von der Familie des Bräutigams auf Pferden abgeholt worden. Durch das festliche Einsammeln der Braut hätten alle erfahren sollen, dass geheiratet werde – und dass eine sexuelle Bindung zwischen dem Mann und der Frau legitim sei. „Das sollte auch bösen Gerüchten vorbeugen“, sagt Aver. Deswegen sei auch damals schon mit Gewehren in die Luft geschossen worden. „Alle sollten das Ereignis mitbekommen, deswegen war man laut.“ Heute folge die Tradition demselben Prinzip. „Aus den Pferden wurden Autos und aus den Gewehren Schreckschusspistolen oder Feuerwerkskörper.“ Ähnliche Entwicklungen sieht Aver auch bei deutschen Hochzeiten, etwa Blechdosen am Auto, oder Autokorsos nach Fußballspielen. Im Jahr 2002 während der Fußballweltmeisterschaft habe es als Reaktion auf jedes gewonnene Fußballspiel der Türkei einen Autokorso gegeben. Daraufhin hätten auch deutsche Fans welche veranstaltet. „Ich habe den Eindruck, dass Feierlichkeiten auf deutschen Straßen generell häufiger sichtbar werden.“ Trotzdem sind Autokorsos, die für Gefahren sorgen, auch aus seiner Sicht „inakzeptabel und ein Straftatbestand und haben mit Kultur nichts gemein“. In liberalen Kreisen seien ausufernde Korsos weniger ein Problem, sagt Aver. Vielmehr bei konservativen und auch jung heiratenden Paaren käme es vor. Woher kommt diese Bedeutung der Größe der Hochzeit, die sich dann auch in den Korsos niederschlägt? „Es spiegelt auch den sozialen Status wider. Manche verstehen das als Symbol ihrer Beliebtheit, ihrer finanziellen Stärke oder ihres breiten Netzwerks.“ Wichtig, wie sich der Korso verhält Das Problem der ausufernden Korsos ist laut Aver inzwischen in vielen türkischen und arabischen Communitys angekommen. „Vor allem die Älteren versuchen auf die Jüngeren einzureden, damit sie nicht über das Ziel hinausschießen und Grenzen ausreizen.“ Und die Luxusautos, die bei den Korsos oft gefahren werden? Auch die haben laut Aver nichts mit Wohlstand zu tun. „Die sind fast immer gemietet. Für einen besonderen Tag möchte man eben auch besondere Autos.“ Die sinkenden Zahlen der Polizei bei Hochzeitskorsos ordnet Aver positiv ein: „Das wären dann pro Jahr rund 45 Korsos in einem Bundesland mit rund einer Million türkischstämmigen Menschen und rund 5,7 Millionen Migranten insgesamt. Also nicht einmal ein Korso pro Woche.“ Seiner Ansicht nach sei aber nicht nur die Anzahl der Korsos relevant, sondern vor allem, „wie sich der Korso verhält“. Die Sicherheitsbehörden werden weiterhin konsequent gegen die Hochzeitskorsos vorgehen. „Autobahnen und Innenstädte sind keine privaten Festsäle“, heißt es etwa auf der Internetseite der Polizei in Nordrhein-Westfalen. Durch die Gefährdung anderer Verkehrsteilnehmer würden Grenzen überschritten. „Jeder muss sich an die geltenden Regeln und Gesetze halten.“ Die Sicherheitsbehörde spricht von „Exzessen“, die sich bisweilen bei den Hochzeitskorsos zeigten. Auch deshalb gelte weiter „eine Nulltoleranzstrategie“.