FAZ 15.09.2026
15:00 Uhr

Hochenergie-Lasersysteme: Ein Beifang der Kernfusion


Marvel Fusion will mit Lasern Geld verdienen. Die dafür gegründete Tochtergesellschaft Caelora erwartet Einsatzmöglichkeiten von der Medizin bis zur Raumfahrt.

Hochenergie-Lasersysteme: Ein Beifang der Kernfusion

Die Kernfusion gilt als Zukunftstechnologie, in deren Entwicklung deutsche Start-ups eine führende Rolle spielen. Die Kernfusion zielt darauf, Wasserstoffkerne kontrolliert zu verschmelzen, um günstig Energie zu gewinnen, ohne dass viel strahlender Abfall anfällt und klimaschädliches CO₂ freigesetzt wird. Für die kontrollierte Verschmelzung von Atomkernen gibt es zwei Ansätze: über Laser oder über Magneten. Auf die laserbasierte Fusionsenergie setzen die Unternehmen Marvel Fusion und Focused Energy, während Proxima Fusion oder Gauss Fusion die Fusionsenergie über Magnetfelder gewinnen wollen. Nun hat Marvel Fusion eine Tochtergesellschaft gegründet, um Hochenergie-Lasersysteme, die in der Arbeit zur lasergetriebenen Fusionsenergie entwickelt werden müssen, auch in anderen Bereichen anwenden zu können. Als eigenständige, aber hundertprozentige Tochtergesellschaft soll Caelora für Marvel Fusion zusätzliche Einnahmequellen erschließen. Der Vorstandsvorsitzende von Caelora, Lutz Aschke, hofft in den kommenden fünf Jahren einen Umsatz von 100 Millionen Euro zu erreichen. Hochenergie-Lasersysteme werden bislang zu wissenschaftlichen Zwecken eingesetzt und haben die Größe von zwei Tennisplätzen, während die von Marvel Fusion entwickelten Systeme in einen Überseecontainer passen. „Wir entwickeln die weltweit fortschrittlichsten Hochenergie-Laser auf unserem Weg zur Kommerzialisierung der Laserfusion“, sagt Moritz von der Linden, Mitgründer und Vorstandsvorsitzender von Marvel Fusion. Aufbau einer Laser-Lieferkette Der Bau eines Fusionskraftwerks erfordere eine Laser-Lieferkette, die heute auf industriellem Niveau schlicht nicht existiere. „Caelora ermöglicht es uns, diese Lieferkette aufzubauen, den Wert dieser Systeme bereits heute zu realisieren und aus jedem Laser, den wir in ein industrielles Umfeld ausliefern, zu lernen – bevor dieselbe Technologie in ein Kraftwerk einzieht“, begründet von der Linden den Schritt. Das Fusionskraftwerk-Programm wird nach seinen Angaben in vollem Umfang fortgeführt. Der nächste Schritt ist ein technischer Prototyp, ein sogenannter Demonstrator, der im Frühjahr 2027 in Fort Collins (Colorado) an den Start gehen soll. In fünf Jahren will Marvel Fusion so weit sein, dass die Kernfusionsanlage mehr Energie rausholt, als in sie reingesteckt wird. Das erste Kraftwerk dürfte nach diesen Planungen in acht bis zehn Jahren gebaut werden können. „Die Kernfusion kostet viel Geld“, sagt von der Linden. Derzeit befindet sich Marvel Fusion in einer Finanzierungsrunde. Das im Jahr 2019 gegründete Start-up hat bislang 385 Millionen Euro an öffentlichen und privaten Mitteln eingesammelt. Die Laser-Einheit Caelora wird auf Technologien aufbauen, die Marvel Fusion im Rahmen des Laserprogramms zusammen mit Pulsed Light Technologies entwickelt und die von der Bundesagentur für Sprunginnovationen (SPRIND) gefördert wurden. Pulsed Light Technologies ist eine Tochtergesellschaft von SPRIND und zielt auf Entwicklungen in der Lasertechnologie, die neben der Kernfusion auch für andere Anwendungen nützlich sein können. Die Strahlungsquellen können in der Medizin, der Industrie, der Raumfahrt oder der Verteidigung eingesetzt werden. Erfolge in der Wissenschaft Caelora-Chef Aschke bezeichnet die Lasersysteme als „hochenergetische Ultrakurzpuls-Laser“, die eine beeindruckende Erfolgsbilanz in der Wissenschaft hätten. „Die meisten solcher Systeme werden jedoch als Einzelanfertigungen für die Forschung gebaut, nicht als serienreife Produkte. Caelora wurde gegründet, um das zu ändern“, sagt er. Die Hochenergie-Lasersysteme können zum Beispiel Überseecontainer durchleuchten, was bislang daran scheitert, dass es keine Durchleuchtungstechnologie ohne gefährliche Strahlung gibt. Das führt dazu, dass heutzutage nur zwei Prozent aller Überseecontainer in Häfen untersucht werden, indem man sie aufmacht. Als weiteres Einsatzgebiet sieht Caelora die Raumfahrt. Dort gibt es Engpässe, die Satelliten samt ihren elektronischen Komponenten vorher auf ihre Robustheit gegen die Strahlung im All zu prüfen. Die benötigten Kapazitäten können lasergetriebene Teilchenbeschleuniger schaffen. Schließlich sieht Caelora Chancen in der Nuklearmedizin, wo Radionuklide als wichtiger Baustein für Diagnostik und Therapie benötigt werden. Mit den Lasern könnten neue Produktionstechnologien bereitgestellt und neue Varianten von Nukliden erzeugt werden.