FAZ 27.09.2026
11:36 Uhr

Hessischer Jazzpreis: Wolfgang Sandner schreibt, wie es klingt


Er will die Leser immer mitnehmen: Der Musikkritiker Wolfgang Sandner wird mit dem Hessischen Jazzpreis ausgezeichnet und gibt zum Dank einen Vorgeschmack auf seine Mangelsdorff-Biographie.

Hessischer Jazzpreis: Wolfgang Sandner schreibt, wie es klingt

Wer den Jazz liebt, braucht einen langen Atem – sogar wenn er selbst gar kein Blasinstrument spielt. Das tut Wolfgang Sandner zwar, aber er hat sich dennoch nicht mit einem Saxophonsolo für den Hessischen Jazzpreis bedankt. Sandner hat den Preis für die unermüdliche Vermittlungsarbeit erhalten, die er seit mehr als 55 Jahren leistet. Heute, wie zu Beginn seiner Karriere, als freier Autor, von 1981 bis 2007 als Musikredakteur im Feuilleton der F.A.Z. „Wenn ich über Musik schreibe, dann muss das klingen“, so Sandner. Eine Übersetzungstätigkeit von Musik in Sprache, die ein Ziel hat: die Leser zu erreichen. Am besten auch diejenigen, die gar nicht im Konzert gewesen sind und sich womöglich nicht einmal für Jazz interessieren. „Ich verstehe nichts von Jazz und ich bin auch nicht drogenabhängig“ hatte eine Leserin ihm geschrieben, als er nach dem Tod von Chet Baker am 4. Juni 1988 den Text „Unter die Haut“ über den Trompeter veröffentlicht hatte, der, wie Sandner schrieb, wohl an einer Überdosis Chet gestorben sei wie Janis Joplin an einer Überdosis Janis. Die Leserin schrieb: „Ich habe viel gelernt.“ Ein Ziel von Sandners Schreiben, der selbst immer weiter dazulernt. Als junger Kritiker fühle man sich sehr als Experte und ein bisschen wie ein Hochstapler, so Sandner, im Lauf des Lebens drehe sich dieses Verhältnis um. „Wenn ich mich nur noch als Hochstapler fühle, höre ich auf zu schreiben.“ Dass in seinem Schreiben über Musik, vor allem den Jazz, stets die hessische Szene eine große Rolle spielt, hob der Staatssekretär im Kunstministerium Christoph Degen (SPD) hervor. Im Rahmen des jährlichen Festivals Hessisches Jazzpodium, das zum sechsten Mal vom Verein zur Förderung des zeitgenössischen Jazz in Darmstadt veranstaltet worden ist, hat Degen die mit 10.000 Euro dotierte Auszeichnung des Landes Hessen übergeben. „Wenn ich mich nur noch als Hochstapler fühle, höre ich auf zu schreiben“ Meist sind es Musiker, die den Preis erhalten, wie 1990 der erste Preisträger Heinz Sauer. In der Bessunger Knabenschule, einem der Spielorte des Jazz-Fördervereins, der in diesem Jahr sein dreißigjähriges Bestehen feiern kann, waren auch die früheren Preisträger Corinna Danzer und Bob Degen zugegen. Ausdrücklich aber sollen auch besondere Verdienste um die Entwicklung der hessischen Jazzszene ausgezeichnet werden. Wie stark Sandner, der weiter unermüdlich durch Hessen und Deutschland fährt, um vor allem über Jazz zu schreiben, dieser Szene verbunden ist, zeigte sich am Publikum, das für die Verleihung gekommen war, für Sandner – und für die Musik. Von Asja Valcic (Cello), Sebastian Schneider (Klavier) und Jon Sass (Tuba) sowie dem Quartett Müller + Mahall Moden, das mit Mahall an der Bassklarinette und Stücken von Ornette Coleman einen roten Faden des Abends weiterspann: Sandners Affinität zu Blasinstrumenten, von der Dissertation in Musikwissenschaft über „Die Klarinette bei Carl Maria von Weber“ bis zu einem Großprojekt über den Giganten der Jazzposaune, das er noch vor sich hat: Albert Mangelsdorff. Sandner, am 3. Juli 1942 im heute tschechischen Osek geboren, kam als Kind aufgrund der Vertreibungspolitik nach Frankfurt, hat musikalisch prägende Jahre an der Helmholtzschule erlebt und sich früh in das Musikleben der Stadt gestürzt. Seit den Sechzigerjahren schreibt er Musikkritiken. Viele davon haben die Aufmerksamkeit auf Musiker, Institutionen, Festivals gerichtet, und so manches Mal hat Sandner es geschafft, dem Jazz Unterstützung zu gewähren oder zu erhalten. Das hat Peter Kemper, Jazzfachmann und freier Autor, langjähriger Hörfunkredakteur des Hessischen Rundfunks, in seiner Laudatio auf Sandner an einem gewichtigen Beispiel erläutert. Als das Deutsche Jazzfestival, das seit 1953 in Frankfurt veranstaltet wird, vor dem Aus stand, hatte Sandner seine Bedeutung in einem Artikel erläutert. Das Festival, das dieses Jahr vom 13. bis 17. Oktober stattfindet, ist geblieben. Wie ihm das Überzeugen und Begeistern gelingt, erläuterte Kemper mit Sandners Maxime: „Kritik aus Gründen. Reiner Subjektivismus, der allein die eigenen Befindlichkeiten feiert, ist ihm verhasst. In seinen Artikeln und Büchern müssen Urteile wohl begründet sein, wollen sie überzeugen.“ Sandners nimmermüdem Einsatz sei zu verdanken, „dass der Jazz sich längst seinen dauerhaften Platz im Pantheon der Hochkultur erkämpft hat“. Er könne nicht wie seine Vorgänger ein Instrument auspacken und sich mit Musik bedanken, antwortete Sandner. Womit aber bedankt sich ein Kritiker und Autor von maßgeblichen Büchern über Miles Davis und Keith Jarrett? Mit der Urlesung eines Buchs, für das er noch längeren Atem als für das Saxophonspiel brauchte: Schon 1970 hatte er mit Gesprächen eine Biographie Albert Mangelsdorffs vorbereiten wollen. Das Buch musste warten, lange. 2028 aber, zu Mangelsdorffs Hundertstem, soll es fertig sein. Dass das viel mit Sandners eigener Jazz-Biographie zu tun hat, verriet nun die Premiere des Vorwortes: Nicht nur hatten Sandner und Mangelsdorff sich denselben Instrumentallehrer geteilt. Sie teilten die Musik und die Orte des Jazz. Denn, so Sandner, „Szenen brauchen Orte, an denen man sie lokalisieren kann“. Und so wird, passend zum Hessischen Jazzpreis, die Biographie Mangelsdorffs auch eine sein, in der man mehr erfährt über die Jazzszene Frankfurts.