FAZ 07.05.2026
13:49 Uhr

Hantavirus Auf Schiff: „Wir sind nicht nur eine Nachricht, wir sind Menschen“


Ein Mann kämpft mit den Tränen, ein anderer beschwert sich über den späten Infektionsschutz, manche freuen sich über frisches Obst. Was Passagiere nach dem Ausbruch des Hantavirus auf dem Kreuzfahrtschiff berichten.

Hantavirus Auf Schiff: „Wir sind nicht nur eine Nachricht, wir sind Menschen“

Am 2. April lud Jake Rosmarin ein Video auf Instagram hoch, in dem er begeistert von seinen Reiseplänen berichtete. Der amerikanische Reiseblogger stand vor dem Kreuzfahrtschiff Hondius und führte seine Follower dann über das Schiff. Auch sein Zimmer präsentierte er, eine kleine Kabine mit eigenem Bad. „Das Schiff ist atemberaubend“, schrieb er, „und es fühlt sich wirklich wie ein sehr gemütlicher Ort an, den man für die nächsten Wochen sein Zuhause nennen kann.“ In den Tagen darauf präsentierte der Reiseblogger seinen Followern Bilder von Pinguinen, Walrossen, Eisbergen und Regenbogen. Auf dem Luxusschiff kosten Kabinen zwischen 14.000 und 22.000 Euro. Viral ging dann aber ein anderes Video von Rosmarin: Am 4. Mai meldete er sich von Bord des Schiffs zu Wort, er saß offenbar in seiner Kabine auf dem Bett und kämpfte mit den Tränen. „Wir sind nicht nur eine Nachricht, wir sind Menschen. Menschen mit Familien, Menschen, auf die andere warten.“ Zu diesem Zeitpunkt berichteten schon Medien aus der ganzen Welt über das kleine Kreuzfahrtschiff. Drei Passagiere waren nach einem Hantavirus-Ausbruch ums Leben gekommen, ein älteres niederländisches Ehepaar und eine deutsche Frau. Drei Menschen wurden mittlerweile unter medizinischer Begleitung von Bord des Schiffs geholt, knapp 150 Menschen sind weiter an Bord des Schiffs, das am Samstag auf Teneriffa anlegen soll. Symptome sollen die anderen Passagiere bislang nicht aufweisen, die Inkubationszeit liegt allerdings bei bis zu 45 Tagen. Wie ist also die Lage an Bord? Mittlerweile haben sich außer Rosmarin noch weitere Passagiere zu Wort gemeldet, zum Beispiel der türkische Reiseblogger Ruhi Çenet. Er ist nicht mehr auf dem Schiff, war aber die ersten 24 Tage lang Teil der Expedition. Dabei lernte er auch das Ehepaar kennen, das mittlerweile nicht mehr lebt. „In 24 Tagen entwickelt man eine Beziehung zueinander“, sagte er über die anderen Passagiere bei Sky News. „Ich bin sehr traurig, dass sie das jetzt alles durchmachen müssen.“ „Er sprach von natürlichen Gründen“ Als der Niederländer am 11. April starb, war Çenet noch an Bord. „Wir wurden am 12. April um neun Uhr morgens in den Essensbereich gerufen, der Kapitän war da, das war sehr unüblich.“ Zunächst habe er angenommen, dass rauhe See erwartet würde, dann habe der Kapitän ihnen aber mitgeteilt, dass der 70 Jahre alte Niederländer gestorben sei. „Er sprach von natürlichen Gründen, es sei nichts Ansteckendes, das war erst mal beruhigend.“ Das Leben auf dem Schiff sei danach wie gewohnt weitergegangen. „Wir waren nicht isoliert, wir waren zum Essen immer alle zusammen in einem Raum mit offenem Buffet, es gab auch weiter Gruppenaktivitäten.“ Auf der Insel Sankt Helena verließen am 24. April dann Çenet und 29 weitere Passagiere das Schiff und flogen von dort aus weiter. Bis zu diesem Zeitpunkt seien keinerlei Maßnahmen zum Infektionsschutz veranlasst worden, sagte Çenet. Die 69 Jahre alte Frau des Verstorbenen sei mit ihm noch im selben Flugzeug nach Johannesburg geflogen: „Sie sah in den Tagen davor schon nicht gut aus, sie konnte nicht richtig aufstehen, aber wir dachten, dass sie einfach in tiefer Trauer um ihren Mann ist.“ Dann saß sie plötzlich im Rollstuhl, „das war auch komisch, weil sie vorher keinen gebraucht hatte.“ Die Frau kollabierte am Flughafen und starb am 26. April in einer Klinik in Johannesburg. „Erst danach habe ich von anderen Passagieren gehört, dass sie auf dem Schiff in Isolation mussten“, sagte Çenet. „Ich hätte mir eine schnellere Reaktion gewünscht.“ Am 2. Mai starb die deutsche Passagierin auf dem Schiff. „Das war ein Schock“ Die 61 Jahre alte Helene Goessaert aus Belgien ist noch auf dem Schiff, sie sagte dem Sender VRT: „Man bricht nicht zu einer Reise auf und geht davon aus, dass einer der Mitreisenden es nicht schaffen wird. Das war ein Schock.“ Sie reise allein, deswegen sei sie viel mit anderen Passagieren in Kontakt gewesen, auch mit den Niederländern. Im Gegensatz zu Jake Rosmarin scheint sie mit den Umständen aber gut klarzukommen. Für sie sei das immerhin auch „keine Luxuskreuzfahrt“, sondern eine Expedition. „Auf diesem Schiff hatten wir meistens raue See. Ich glaube also, dass die Leute an Bord mit Turbulenzen gut zurechtkommen.“ Alle hielten Abstand zueinander und nähmen Rücksicht, „wir sitzen alle im selben Boot“. Goessaert fühlt sich von dem Reiseveranstalter auch gut informiert. „Heute haben wir frisches Obst und Gemüse bekommen“, sagte sie laut dem Bericht vom Dienstag. „Das war sehr wichtig für uns.“ Am Mittwoch zitierte die Nachrichtenagentur AP einen 31 Jahre alten Passagier, der sehr gefasst wirkte: „Unser Alltag verläuft fast wie gewohnt, wir warten nur darauf, dass die Behörden eine Lösung finden.“ Die Stimmung auf dem Schiff sei gut. „Wir vertreiben uns die Zeit mit Lesen, Filmen, heißen Getränken und solchen Dingen.“ Alle Passagiere würden Masken tragen und die Abstandsregeln einhalten. Der Passagier Kasem Hato sagte laut BBC, dass die Situation auf dem Schiff übertrieben negativ dargestellt werde. Das liege „zum Teil daran, dass eine Person auf dem Schiff in Panik geraten ist und ein Video davon in den Medien kursiert“. Alle anderen Passagiere seien ruhig geblieben, die Situation sei unter Kontrolle, „und wir wünschen den Erkrankten einfach nur eine schnelle Genesung“. Am Mittwoch veröffentlichte Hato auf Instagram ein Video, das ihn auf dem Schiff zeigt, im Hintergrund ist Kap Verde zu sehen, wo die Passagiere nicht an Land durften. Hato schrieb dazu: „Endlich verlassen wir das sture Kap Verde, das sich geweigert hat, Kranken medizinisch zu helfen.“ In dem Video lächelt er.