FAZ 06.05.2026
21:18 Uhr

Hantaviren: Droht die nächste Pandemie?


Es klingt wie ein Déjà-vu – und viele Menschen fürchten, dass der Virusausbruch auf dem Kreuzfahrtschiff Hondius der Beginn der nächsten Pandemie ist. So schätzen Experten die Lage ein.

Hantaviren: Droht die nächste Pandemie?

Die Weltgesundheitsorganisation hat nun offiziell bestätigt, dass es sich bei dem Hantavirus auf dem Kreuzfahrtschiff Hondius um das Andenvirus handelt. Nun teilte die WHO zudem mit, dass ein Patient, der bereits im April das Kreuzfahrschiff verlassen hat und in die Schweiz zurückgeflogen ist, ebenfalls positiv auf das Virus getestet wurde. Der Patient war nach Bekanntwerden der Infektionen vom Schiffsbetreiber kontaktiert worden und meldete sich daraufhin im Züricher Universitätskrankenhaus. Dort wird er derzeit medizinisch versorgt. Die Virussequenz, die Aufschluss darüber geben würde, ob er sich bei einem anderen Passagier angesteckt hat oder ob er die Infektion vielleicht unabhängig davon, zum Beispiel bei einem Landgang, erworben hat, ist allerdings noch nicht bekannt. Auch in Deutschland, am Universitätsklinikum Düsseldorf, wird derzeit eine Person, die von der Hondius geholt wurde, untersucht. Sie hatte engen Kontakt zu einer nachweislich infizierten und mittlerweile verstorbenen Passagierin. Das Robert-Koch-Institut wird prüfen, ob sie sich mit dem Andenvirus infiziert hat. Insgesamt gibt es nun acht Fälle von erkrankten Passagieren, bei dreien von ihnen sind Hantavirus-Infektionen bestätigt worden. Ob es sich bei allen Fällen um das Andenvirus handelt, steht noch nicht fest. Nach Angaben der WHO ist das öffentliche Gesundheitsrisiko weiterhin niedrig. „Lage ernster, aber nicht automatisch unkontrollierbar“ Warum schätzt die WHO die Situation als vergleichsweise harmlos für die breite Bevölkerung ein? Immerhin ist das Hantavirus potentiell tödlich, es gibt keine ursächliche Therapie, und der Andenstamm ist von Mensch zu Mensch übertragbar. Und ein Passagier der Hondius ist zudem ohne Schutzmaßnahmen in die Schweiz gereist – und ist nun positiv getestet worden. Droht nicht vielleicht doch eine neue Pandemie? Wissenschaftler haben dem Science Media Center Deutschland ihre Einschätzung der Lage mitgeteilt: Roman Wölfel, Oberstarzt und Leiter des Instituts für Mikrobiologie der Bundeswehr in München, findet, dass die Bestätigung des Andenvirus „die Lage ernster, aber nicht automatisch unkontrollierbar“ mache. Für diesen südamerikanischen Hantavirus-Typ seien nur begrenzte Übertragungen zwischen Menschen beschrieben, und das auch nur bei sehr engem und längerem Kontakt. „Deshalb muss die Mensch-zu-Mensch-Übertragung jetzt als realistische Arbeitshypothese behandelt werden. Für jeden der jetzt aufgetretenen Erkrankungsfälle sollte aber auch geprüft werden, ob nicht eine gemeinsame Exposition gegenüber Nagetieren in Südamerika die bessere Erklärung ist.“ Die Sorge vieler Menschen, die auch in den sozialen Medien hochkocht, dass dies der Beginn einer neuen Pandemie ist, scheint nicht begründet. Denn es gibt einen wichtigen Unterschied. „Nach allem, was wir wissen, verhält sich das Andenvirus nicht wie klassische, leicht übertragbare Atemwegsviren, wie zum Beispiel Influenza- oder Coronaviren. Die Übertragung zwischen Menschen scheint vor allem bei engem Kontakt zu Erkrankten möglich zu sein, etwa über Speichel oder Atemwegssekrete im Nahbereich.“ Der genaue Mechanismus sei bislang wissenschaftlich nicht vollständig geklärt. Diskutiert würden direkter Kontakt mit infektiösen Sekreten oder größere Tröpfchen auf kurze Distanz. „Unter bestimmten Umständen kommen auch Aerosole, wie sie zum Beispiel bei medizinischen Maßnahmen entstehen, in Frage. Eine Fernübertragung über normale Alltagskontakte oder Lüftungssysteme ist aber bislang nicht als ein typisches Muster beim Andenvirus beschrieben worden“, sagt Wölfel. Er glaubt, dass es im weiteren Verlauf dieses Ausbruchs zu einzelnen weiteren Fällen kommen wird – und nicht zu einer explosionsartigen Ausbreitung. „Beim Andenvirus bleiben Mensch-zu-Mensch-Übertragungen selten und benötigen typischerweise engen Kontakt. Wahrscheinlich ist deshalb eher ein begrenztes Cluster mit einzelnen weiteren Fällen unter engen Kontaktpersonen als eine große epidemische Welle.“ Eine Kombination aus Isolation, Kontaktverfolgung und medizinischer Überwachung dürfe das Geschehen vergleichsweise gut kontrollierbar machen. Für besonders wichtig hält Wölfel derzeit die weitere Kontaktrekonstruktion, die Isolation Erkrankter und eine nüchterne Risikoeinstufung der Kontaktpersonen. „Unter diesen Bedingungen sollte das Geschehen wahrscheinlich gut kontrollierbar bleiben.“ Unterschied zu heimischen Hantaviren Roland Schwarzer, Forschungsgruppenleiter am Institut für die Erforschung von HIV und AIDS-assoziierten Erkrankungen am Universitätsklinikum Essen, findet es wichtig, dass man bei diesem Ausbruch berücksichtigt, dass Hantaviren nicht gleich Hantaviren sind. Diese Erreger seien zwar auch in Deutschland heimisch, aber die aktuelle Situation müsse man vor dem Wissen um den Andenstamm einordnen: „In Deutschland und Europa treten vor allem sogenannte Alte-Welt-Hantaviren auf, insbesondere Puumala- und Dobrava-Belgrad-Viren. Diese können ebenfalls relevante Erkrankungen verursachen, in Deutschland typischerweise mit Beteiligung der Niere. Sie gelten jedoch im Vergleich zur südamerikanischen Andenvirus-Infektion im Durchschnitt als deutlich weniger letal. Vor allem wurde für die in Deutschland beziehungsweise Europa vorkommenden Hantaviren keine Mensch-zu-Mensch-Übertragung beobachtet.“ Die Infektion erfolge in der Regel über Kontakt zu Ausscheidungen infizierter Nagetiere, etwa durch das Einatmen kontaminierter Stäube. „Die aktuelle Aufmerksamkeit für das Andenvirus sollte daher nicht so verstanden werden, dass von heimischen Hantaviren in Deutschland plötzlich ein vergleichbares Übertragungsrisiko zwischen Menschen ausgeht.“ Mensch-zu-Mensch-Übertragung ist noch nicht bestätigt Zudem sei aus den bislang öffentlich verfügbaren Informationen nicht ersichtlich, ob es bei den Kreuzfahrtpassagieren tatsächlich zu einer Übertragung von einem Menschen auf den anderen gekommen sei. Es könnte auch sein, dass sich die Passagiere unabhängig voneinander bei einem Landgang angesteckt haben. Um das zu klären, wären unter anderem eine genaue Rekonstruktion der Kontakte, der Erkrankungszeitpunkte, möglicher gemeinsamer Expositionen sowie Virus-Sequenzdaten erforderlich. „Ohne diese Informationen sollte man die Situation vorsichtig bewerten und nicht vorschnell von einer gesicherten Übertragungskette zwischen Menschen ausgehen.“ Auch Schwarzer betont, dass Andenviren nicht so effizient über Alltagskontakte oder über weite Distanzen durch die Luft verbreitet werden wie klassische respiratorische Hochkontagiositätserreger wie etwa Masern. Beschriebene Mensch-zu-Mensch-Übertragungen beträfen vor allem enge und länger andauernde Kontakte, beispielsweise im Haushalt, bei Pflege oder engem körperlichem Kontakt. „Für Passagiere, Besatzung und Kontaktpersonen bedeutet die Bestätigung der Andenvirus-Variante vor allem, dass eine sorgfältige Kontaktpersonennachverfolgung, Symptomüberwachung und rasche Abklärung bei Beschwerden wichtig sind. Aufgrund der möglichen längeren Inkubationszeit kann eine Überwachung über mehrere Wochen sinnvoll sein.“ Er glaubt aber nicht, dass für Menschen in Europa nun ein erhöhtes Risiko besteht. Nach den derzeit öffentlich verfügbaren Einschätzungen sei das Risiko sehr gering, sofern Kontaktpersonen identifiziert, symptomatische Personen rasch isoliert und medizinische Schutzmaßnahmen eingehalten würden. Auch er glaubt, dass aufgrund der Inkubationszeit noch einzelne weitere Fälle erkannt werden. „Ein großflächiges Ausbruchsgeschehen in der Allgemeinbevölkerung wäre nach derzeitigem Wissensstand jedoch nicht zu erwarten.“ Martin Eiden, Leiter des Referenzlabors für Hantaviren am Friedrich-Loeffler-Institut auf der Insel Riems, findet den Hantavirus-Ausbruch auf der MV Hondius vor allem wissenschaftlich interessant, da eine mögliche Mensch-zu-Mensch-Übertragung im Raum steht. Eine neue globale Bedrohung sieht er aber nicht. Er geht von einem „seltenen und lokal begrenzten Vorfall“ aus. Für Deutschland und Europa schätzt er die Gefahr einer größeren Ausbreitung als gering ein. „Der wichtigste Grund dafür ist, dass der natürliche tierische Wirt des Andenvirus wie Reisratten oder Zwergreisratten hier nicht vorkommt und damit eine dauerhafte Verbreitung erschwert wird.“ Dennoch zeige der Vorfall, wie wichtig internationale Gesundheitsüberwachung, schnelle Diagnostik und transparente Kommunikation bei ungewöhnlichen Infektionsereignissen sind. „Insgesamt besteht derzeit kein Anlass für allgemeine Besorgnis in Europa, wohl aber für eine sorgfältige wissenschaftliche Beobachtung des Geschehens.“ Auch Jonas Schmidt-Chanasit, Leiter der Abteilung Arbovirologie und Entomologie am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (BNITM) in Hamburg hat eine Einschätzung der Situation abgegeben. Er betont, dass die Bestätigung, dass es sich bei dem Hantavirus um ein Andenvirus handelt, für die epidemiologische Einordnung des Geschehens sehr wichtig sei.  „Es ist das einzige Hantavirus, bei dem begrenzte Mensch-zu-Mensch-Übertragungen überzeugend beschrieben wurden. Damit wird die Hypothese einer Mensch-zu-Mensch-Übertragung auf dem Kreuzfahrtschiff plausibler. Sie ist dadurch aber noch nicht bewiesen.“ Schmidt-Chanasit bestätigte wie die anderen Experten: „Das Andenvirus verhält sich nicht wie SARS-CoV-2. Es breitet sich nach bisherigem Wissen nicht effizient über flüchtige Alltagskontakte in der Bevölkerung aus.“ Auch er geht davon aus, dass es in den nächsten Tagen und Wochen zu weiteren, einzelnen bestätigten Infektionsfällen kommen wird. „Ein großes Ausbruchsgeschehen in der Allgemeinbevölkerung in Europa oder der Schweiz halte ich nach dem derzeitigen Kenntnisstand aber für unwahrscheinlich.“ Die Situation müsse wegen der potentiell schweren Verläufe und der hohen Fallsterblichkeit ernst genommen werden. „Sie ist aber bei guter Diagnostik, Isolation, Kontaktverfolgung und intensivmedizinischer Versorgung kontrollierbar.“