Spätestens seit der Verfilmung ihres 2020 erschienenen Romans „Hamnet“ ist die in Irland geborene Schriftstellerin Maggie O’Farrell, die in Wales und Schottland aufwuchs, auch hierzulande keine Unbekannte mehr. Der Film von Chloé Zhao über den verstorbenen Sohn William Shakespeares und seiner im Mittelpunkt des Romans stehenden Frau Anne Hathaway, im Buch Agnes genannt, gewann zahlreiche Filmpreise, darunter den Oscar für die beste weibliche Hauptrolle. Es verwundert daher wenig, dass das Literaturhaus Frankfurt ausverkauft war, als Maggie O’Farrell mit der Kulturjournalistin Margarete von Schwarzkopf ihren soeben auf Deutsch erschienenen Roman „Land“ vorstellte, in dem sie sich nun der Geschichte ihrer irischen Heimat widmet. Diese sei immer schon, vor allem aber im 19. Jahrhundert, von Auswanderung geprägt gewesen. Besonders Iren, die, wie ihr Vater, den größten Teil ihres Lebens im Ausland verbrachten, entwickelten mit zunehmendem Alter eine immer größere Sehnsucht nach ihrer alten Heimat. Das Vorhaben, einen Roman über ihre Vorfahren zu schreiben, habe sie schon seit vielen Jahren gehabt. Aber es habe lange gebraucht, den ersten Satz und damit den Einstieg in die Geschichte zu finden. Das Land, die Mythen und wie man Käse herstellt Etwa vier Jahre hat sie dafür recherchiert und dabei herausgefunden, dass einer ihrer Vorfahren zu jenen Männern gehörte, die nach 1850 für die britische Kolonialmacht durch das Land zogen, um es für die Kartographie neu zu vermessen. Die Fragen „Wer besitzt das Land, wie heißt das Land, wer benennt das Land?“ seien in Irland stets ungemein wichtig gewesen, denn unter der britischen Herrschaft wurden alle irischen Ortsbezeichnungen durch englische ersetzt. Neue Landkarten waren vor allem deshalb notwendig geworden, weil nach der großen, durch die Kartoffelfäule ausgelösten Hungersnot in den späten Vierzigerjahren viele Landstriche verwaist, ganze Dörfer verschwunden waren, weil die Einwohner entweder gestorben oder ausgewandert waren. Das Schicksal eines irischen Landvermessers und seiner Familie steht zwar im Mittelpunkt des Romans, vordergründig aber geht es um das Land selbst, um seine Berge, Wälder, Flüsse, um die sich zahlreiche Mythen ranken, die in Irland oft als unbezweifelbare Wahrheiten empfunden werden. „In den irischen Mythen geht es immer zuerst um das Land, dann kommen die Tiere und dann erst die Menschen“, erzählt O’Farrell, und die von der Schauspielerin Ellen Schulz-Krandick auf Deutsch gelesenen Passagen zeigten eindrücklich, mit welcher Poesie O’Farrell den geheimnisvollen Zauber der weit in den Atlantik hinausragenden Landzunge, auf der der Roman größtenteils spielt, zu beschreiben weiß. Irland sei das Land der Geschichtenerzähler, und oft sei nicht zu unterscheiden, ob es sich um erfundene oder wahre Begebenheiten handele, so O’Farrell. Sie allerdings habe für ihren Roman, der teilweise bis weit in die Vor- und Frühgeschichte der irischen Insel zurückreicht und so die Gegenwärtigkeit von vielen Tausend Jahren Geschichte zeigt, geradezu uferlos recherchiert, wobei sie viele Fakten dann später für das Buch gar nicht gebrauchen konnte: „Aber wenn Sie wissen wollen, wie man vor zweihundert Jahren in Irland Käse gemacht hat, dann fragen Sie mich!“ Woran sie aktuell arbeite, wollte Maggie O’Farrell allerdings nicht verraten: „Da bin ich etwas abergläubisch, ich spreche nicht über Bücher, wenn sie noch nicht fertig geschrieben sind.“
