Im Sommer ist alles einmal übergestrichen worden. Es riecht im Treppenhaus nach frischer Farbe. Die Stufen, die Wände, alles wirkt eine Spur edler. Wer den Eingang Ost zur Geschäftsstelle des Hamburger SV nutzt, wird mit einem zünftigen „Moin!“ an der Wand begrüßt. Wer weiter nach oben geht, sieht Uwe Seeler, Horst Hrubesch und das Frauen-Team von den Wänden jubeln. Auch das riesige Wimmelbild des Aufstiegs vom Mai 2025 darf nicht fehlen. Mit den Erinnerungen an die besten Momente der Vereinsgeschichte im Rücken und guten Aussichten vor sich startete der finanziell gesunde HSV mit seiner vielfach veränderten Mannschaft in die Saison 2026/27. Das Team modellieren, die Anfangsphase überstehen, dann die Zusammenarbeit mit Trainer Merlin Polzin über den 30. Juni 2027 hinaus ausweiten, so der Plan der Bosse. Doch zu Beginn der neuen Trainingswoche mit dem Spiel am kommenden Sonntag bei RB Leipzig ist der mittlere Teil dieser Aufzählung zum Problem geworden – die Arbeit an der Mannschaft hat Claus Costa den Sommer über nicht ruhen lassen; der Direktor Profifußball war so umtriebig, dass einige Fans beim Rufen der Nachnamen wohl auf die Aufstellung schauen mussten. Auch die Bereitschaft, demnächst den Vertrag Polzins zu verlängern, bleibt stark ausgeprägt. Nur das Kerngeschäft leidet. Denn der Saisonbeginn anno 2026 erinnert an den Sommer 2025, als ein 0:2 gegen den FC St. Pauli den HSV am zweiten Bundesliga-Spieltag zum ersten Absteiger zu stempeln schien. Ein 0:5 in München folgte. Danach allerdings baute Polzin aus einer Gruppe mit Last-Minute-Transfers ein Team und hob das Niveau so gekonnt, dass ihm die Herzen zuflogen. Ein ungemütliches Heimspiel droht Das ist auch in dieser Saison wieder seine Aufgabe: Erst ein 0:2 in Dortmund mit ansehnlicher zweiter Hälfte, die zur Augenwischerei verleitete. Nun am Sonntagnachmittag ein 0:5 mit 1:12 Torschüssen gegen den 1. FSV Mainz 05: Der HSV, mit seinen vielen Käufen und Leihen und auf der Basis einer ordentlichen Premierensaison von manchen zu einem Kandidaten für Europa aufgeblasen, ist Tabellenletzter. Es ist keine steile These, dass die Heimpartie am 19. September gegen den 1. FC Köln schon ungemütlich werden könnte. „So hat keine Mannschaft der Bundesliga Probleme mit uns“, sagt Merlin Polzin. In der Fehlerhaftigkeit auf dem Weg nach vorn und der ausbleibenden Restabsicherung erinnerte dieser Auftritt an dunkle Zeiten in der zweiten Liga unter Trainer Tim Walter. Es habe nicht an den Neuen oder fehlender Abstimmung gelegen, analysierte Torwart Daniel Heuer Fernandes: „Wir waren inhaltlich schlecht.“ Auch habe es an Bereitschaft und Energie gemangelt. Neuer Stil, neue Profis Polzin werkelte in den Vorbereitungscamps daran, das Spielsystem abermals anzupassen und in ein 3-4-2-1 zu überführen. Er wünscht sich unter anderem mehr Torgefahr aus dem Mittelfeld. Doch neuer Stil plus neue Profis, das war gegen die stabilen Mainzer zu viel – sechs Männer durften beginnen, die zuvor in keinem Testspiel das Trikot der Hamburger getragen hatten. Dass der neue Kapitän Nicolai Remberg und Innenverteidiger Jordan Torunarigha, alte Bekannte mithin, erste Ränge im Fehlerfestival belegten, ging im Staunen über diese enttäuschende Darbietung unter. Nach wie vor ist die Bereitschaft in Hamburg groß, beim HSV mehr zu sehen, als da ist. Da wirkte die „Heimkehr“ des Mittelfeldspielers Fábio Vieira wie das letzte Puzzlestück auf dem Weg in den europäischen Wettbewerb. Natürlich war es auf dem Papier ein gutes Geschäft, ihn dem FC Arsenal für vergleichsweise wenig Geld abzukaufen. Doch erinnert Polzin daran, wie wenig Spieler trainiert und gespielt haben, die bei ihren früheren Klubs auf Kaderplatz 25 bis 30 standen. Solche hat er nun zuhauf dabei. Merlin Polzins öffentliche Kritik an den Seinen war analytisch, knapp, zutreffend. Er wirkt tatkräftig, nun an die Arbeit zu gehen. Grundsätzlich steht da eine Gruppe auf dem Trainingsplatz, die mit dem Abstieg nichts zu tun haben sollte. Das Vertrauen in Polzins Fähigkeiten ist groß. Doch die Schwierigkeiten, die ein langer Transfersommer mit sich bringt, sieht man gegen eingespielte Teams wie Mainz: Während für den runderneuerten Hamburger SV die Saison erst so richtig nach der Länderspielpause mit der Partie am 10. Oktober in Hoffenheim beginnen kann, haben die kernigen Rheinhessen dann vielleicht schon zehn Punkte in die Wertung eingebracht.
