Biontech ist auch nur ein normales Unternehmen. Allerdings eines, das hohe Verluste erwirtschaftet und dessen einziges Produkt sich immer schlechter verkauft. Corona ist vorbei, der Impfstoffboom zu Ende, die neue Wundermedizin gegen Krebs noch nicht gefunden. Die Zeit, als die Impfstoffe aus Mainz Leben retteten und auch noch die Kasse des Unternehmens an der Goldgrube füllten, ist ein für alle Mal passé. Auch Uğur Şahin und Özlem Türeci können nicht über Wasser gehen. So grandios das Forscherpaar arbeitet, innovativ, weitblickend, gar revolutionär – am Ende kommen auch sie nicht am Markt vorbei. Ihr Rückzug aus der Führung und die jetzt beschlossenen harten Sparmaßnahmen zeigen genau das. Diese Geschichte war nur in Corona möglich Die heftigen Reaktionen in der Öffentlichkeit auf das Unausweichliche sind der Geschichte geschuldet und dem Bild eines Heilsbringers, das viele bis heute noch von Biontech haben. Biontech war kaum mehr als ein Start-up, als es sehr schnell sehr groß und sehr bekannt geworden ist, in einem Ausnahmezustand, den es so zum Glück nicht mehr gibt. Öffentlichkeit, Politik, Investoren, Medien, alle waren vom Erfolg berauscht. Diese Geschichte war nur in Corona möglich. Unter „normalen“ Umständen wird ein erfolgreich forschendes Unternehmen übernommen oder es verkauft seine Patente. Niemals hätte es versucht, selbst eine globale Produktion aufzubauen. Ohnehin ist es nur gelungen dank der Partnerschaft mit dem amerikanischen Pharmakonzern Pfizer. Biontech fehlt ein Produkt Unter Finanzinvestoren gilt die Regel: Nicht jedes Produkt benötigt auch ein eigenes Unternehmen, das Risiko ist viel zu hoch. Das zeigt sich nun bei Biontech. Nachdem Corona zum Randgeschehen geworden ist, fehlt es dem Unternehmen schlicht an einem Produkt. Auch wenn die Kasse coronabedingt noch voll ist: Mit einem Verlust von einer halben Milliarde Euro in drei Monaten kann eine börsennotierte Gesellschaft keine Produktion vorhalten, die es vielleicht nie braucht. Zumal mittlerweile der zweite amerikanische Pharmakonzern ein Wort mitredet. Nach dem Rückzug von Pfizer ist Bristol-Myers Squibb (BMS) als Geldgeber und Partner an Bord. Die Amerikaner haben Milliarden für die Entwicklung neuer Krebsmedikamente zugesagt. Geld, das sie gewiss nicht geben, um Produktionskapazitäten in Deutschland vorzuhalten. Die Amerikaner haben Biontech gezeigt, wie man im Pharmamarkt Geschäfte macht. Eine typische deutsche Konsenskultur hat das Unternehmen nie entwickelt. Sparmaßnahmen schlecht kommuniziert Die Sparmaßnahmen, so nötig sie sind, hat Biontech zudem schlecht kommuniziert. Eine eigene Pressekonferenz dazu hat es nicht gegeben, obwohl fast 1900 Stellen in drei Städten betroffen sind. Offenbar wurden auch die Beschäftigten und die politisch Verantwortlichen nicht vorgewarnt. Auf der turnusgemäß abgehaltenen Analystenkonferenz verkamen die Werkschließungen zur Randnotiz. Die Radikalkur stößt auch deshalb auf Unverständnis, weil sie zwei industrieschwache Orte – Idar-Oberstein und Marburg – trifft, die während Corona für ihre Flexibilität und Geschwindigkeit geschätzt wurden. Jetzt, so müssen sie es empfinden, werden sie fallen gelassen. Den größten Unmut gibt es verständlicherweise in Tübingen, wo Biontech die Curevac-Werke kaum ein Jahr nach der Übernahme schließen will – von der versprochenen Integration also nichts bleibt. Es sieht so aus, als sei das von Anfang der Plan gewesen: mit dem Kauf den Lizenzstreit zu beheben und den Konkurrenten danach abzufertigen. Oder wie es der Tübinger Bürgermeister Boris Palmer sagte: „Erst kaufen, dann killen.“ Seit dem Rückzug der Gründer in ihren Forschungskokon spielt Biontech mit den im Pharmageschäft üblichen harten Bandagen. Über die Rolle von Şahin und Türeci kann man nur mutmaßen, sie sind, das muss man so sagen, abgetaucht. Für den Hauptsitz in Mainz bedeutet der Wandel jedenfalls nichts Gutes. Ohne inländische Produktion dürfen künftige Gewerbesteuern deutlich niedriger anfallen. Und wo das Unternehmen in Zukunft investiert und forscht, sind nur zwei der vielen offenen Fragen. Falsch wäre es, Biontech und seinen Gründern jetzt Undankbarkeit vorzuhalten, mit Verweis auf die hohen Gewinne in der Corona-Krise und die 375 Millionen Euro, die der Bund zur Beschleunigung dringend benötigter Impfstoffe spendierte. Die Dankbarkeit des Unternehmens zeigte sich in mehr als zwei Milliarden Euro Gewerbesteuern, immer noch mehr als 4000 neu geschaffenen Arbeitsplätzen in der Landeshauptstadt Mainz und einem schnell wachsenden Biotech-Ökosystem, von dem Stadt, Land und Bund zuvor nur träumen konnten.
