Schon vor der Verleihung war klar: Das große Duell des Abends liefern sich Paul Thomas Andersons Pynchon-Verfilmung „One Battle After Another“ und Ryan Cooglers Südstaaten-Vampir-Musical „Blood&Sinners“. Coogler hatte mit sechzehn Nominierungen vorab alle bisherigen Rekorde gebrochen. Andersons Film stand dem mit dreizehn Nominierungen nur ein wenig nach. Beiden Filmen war gemein, dass sie eine temporeiche Erzählung mit politischen Themen verbanden und große Zuschauererfolge im Kino erzielt hatten. Nun sind gerade die Oscars eigentlich dafür bekannt, dass hier Politik kaum eine Rolle spielen sollte. Als der Dokumentarfilmer Michael Moore 2003 in seiner Dankesrede klare Position gegen Bushs Irakkrieg bezog („we live in a time, where we have a man sending us to war for fictitious reasons“), wurde er fast von der Bühne gebuht. Selbst im vergangenen Jahr, als die Oscarverleihung kurz nach Trumps Wiederwahl stattfand, hielten sich die Künstler mit jeglichen Bemerkungen zum aktuellen politischen Geschehen noch zurück. In diesem Jahr war das anders. Der Late-Night-Host und Komiker Conan O’Brien, der als Moderator durch den Abend führte, sprach gleich in seinem Eröffnungsmonolog die Warnung aus: „Heute Abend wird’s politisch.“ Diesmal mit politischen Statements Und daran hielt er sich. Bei einer kurzen Vorstellung der Nominierten für den Besten Film, sagte er über das Drama „Hamnet“: „Shakespeares Frau muss darin allein im Wald ein Baby zur Welt bringen – sowas nennen wir in Amerika ‚bezahlbare Gesundheitsversorgung‘.“ Darüber hinaus baute er einige Spitzen gegen die Werbeunterbrechungen bei Streamingdiensten und die sinkende Aufmerksamkeitsspanne durch Smartphonenutzung in seine Moderation ein. Der Name Trump fiel nicht, einige Spitzen konnte man trotzdem als gegen den Präsidenten gerichtet verstehen. So spielte O'Briens Late-Night-Kollege Jimmy Kimmel, der die Oscars für Dokumentarfilmer präsentierte, unter anderem auf die kurzfristige Absetzung seiner Show 2025 an, als er sagte: „Es gibt einige Länder, deren Führer die Meinungsfreiheit nicht unterstützen. Ich darf nicht sagen, welche.“ Filmemacher David Borenstein, der danach den Oscar für seinen Dokumentarfilm „Mr. Nobody Against Putin“ entgegennahm, warnte seine amerikanischen Landsleute vor der Gleichschaltung von Medien und mahnte die Bürger, etwas dagegen zu tun, wenn „eine Regierung Menschen auf den Straßen unserer Großstädte ermordet“ – ein kaum verhohlener Hinweis auf die ICE-Schüsse in Minneapolis. Der Dokumentarfilm ist eine Koproduktion von Dänemarks öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalt DR, der BBC sowie ZDF und Arte. Borensteins russischer Kollege Pawel Talankin rief im „im Namen der Zukunft und unserer Kinder“ zum Beenden aller derzeitigen Kriege auf. In die gleiche Kerbe schlug später auch der Schauspieler Javier Bardem, der seinem „No to wars“ noch ein „Free Palestine“ hinzufügte. Solche Äußerungen blieben aber doch in den rund vier Stunden Verleihungszeremonie die Ausnahme. Mehr Platz räumte Hollywood in diesem Jahr dem Gedenken seiner Toten ein. Billy Crystal gedachte zunächst seines verstorbenen Freundes, des Regisseurs Rob Reiner: „his movies will last for lifetimes“. Und er erinnerte an dessen Frau Michele Singer Reiner; das Paar war im Dezember 2025 ermordet aufgefunden worden, gegen den 32 Jahre alten Sohn wurde eine Mordanklage eingereicht. Crystal rief neben Reiners künstlerischem Vermächtnis auch das politische Engagement der beiden ins Gedächtnis („Sie waren die treibende Kraft hinter der Durchsetzung der gleichgeschlechtlichen Ehe in diesem Land“). Hiernach erinnerte Rachel McAdams in bewegenden Worten an Diane Keaton („Für jede Schauspielerin meiner Generation war sie ein Vorbild“). Und Barbra Streisand brachte eine musikalische Liebeserklärung an Robert Redford, den sie einen „intellektuellen Cowboy“ nannte. Sean Penn als bester Nebendarsteller ausgezeichnet Ein Omen dafür, wie eng das Oscarrennen in diesem Jahr laufen wird, hat man bereits zu Beginn in der Kategorie „Live Action Shortfilm“ entdecken können. Durch ein Patt bei den Stimmauszählungen wurden sowohl „The Singers“ als auch „Two People Exchanging Saliva“ ausgezeichnet. Die Zeit für gleich zwei Dankesreden holte man bei der Verleihung des Nebendarstellerpreises wieder herein. Den gewann Sean Penn für seine Rolle als Militäroffizier Steven Lockjaw in „One Battle After Another“, der Schauspieler war der Verleihung aber ferngeblieben. Auch in einer völlig neuen Kategorie konnte „One Battle After Another“ punkten: Zum ersten Mal wurden bei diesen 98. Academy Awards Castingdirektoren mit einem eigenen Oscar bedacht. Als Mittler zwischen Produzenten und Regie, sind sie es, die nach neuen Talenten suchen, für Vorsprechen unterwegs sind und die Vorauswahl der Darsteller zusammenstellen. „Du hast an mich geglaubt, bevor ich es selbst tat“, lobte die junge Schauspielerin Chase Infiniti, die in „One Battle After Another“ die Teenagertochter von Leonardo DiCaprios Bob spielt, ihre Castingdirektorin Cassandra Kulukundis. Als die ihre goldene Statue entgegennahm, wandte sie sich überwältigt in Richtung des Regisseurs Paul Thomas Anderson: „Wir haben zehn Filme zusammen gemacht, und jetzt hab ich einen Oscar vor dir gewonnen, das ist doch verrückt.“ Anderson durfte kurz darauf ebenfalls auf die Bühne kommen, um den Oscar für das beste adaptierte Drehbuch entgegenzunehmen. Ryan Coogler erhielt seinen ersten Oscar direkt danach für das beste Originaldrehbuch für „Sinners“. Hier zeigte sich wieder einmal, dass Filme mit den meisten Nominierungen nicht zwangsläufig die meisten Preise mit nach Hause nehmen. „Blood&Sinners“ verbuchte letztendlich vier Oscars, darunter die Hauptkategorie „Bester Hauptdarsteller“ für Michael B. Jordan, der im Film gleich mit einer Doppelrolle als Zwillingsbruderpaar auftrat. Auch für die Kameraarbeit wurde der Film ausgezeichnet. Den Award nahm Kamerafrau Autumn Durald Arkapaw entgegen, die auf der Bühne alle Frauen im Raum darum bat, aufzustehen: „Ich wäre heute nicht hier, ohne euch alle.“ Sie ist im Übrigen die erste Frau, die in der fast hundertjährigen Geschichte der Oscars in dieser Kategorie ausgezeichnet wurde. Ähnlich gerührt zeigten sich auch die Mitglieder des Films „KPop Demon Hunters“ über die Auszeichnungen als „Bester Animationsfilm“ und „Bester Filmsong“. Den Preis als beste Hauptdarstellerin erhielt Jessie Buckley für ihre Rolle in dem Shakespeare-Drama „Hamnet“. Den wichtigsten Preis des Abends, den Oscar für den „Besten Film“ nahm Paul Thomas Anderson für „One Battle After Another“ im Kreis seiner Darsteller entgegen – mit sechs Oscars insgesamt ist der Film das am höchsten dekorierte Werk des Abends. „Blood&Sinners“ erhielt vier Trophäen. Von Konkurrenzkampf war zwischen den Filmteams nichts zu spüren, jeder Gewinner lobte brav seine Mitnominierten, sprach größten Respekt vor der Kunst der anderen aus. In „diesen chaotischen, beängstigenden Zeiten“, wie Moderator Conan O'Brien sie anfangs nannte, setzt die Filmbranche auf Zusammenhalt und beschwört einmal mehr die Macht der Filmkunst für Dialog und Verständigung. Etwas sprachlos blieb am Ende nur Regisseur Paul Thomas Anderson zurück. 1998 hatte die Academy zum ersten Mal einen seiner Filme (“Boogie Nights“) nominiert, es folgten achtundzwanzig Jahre, in denen der Regisseur weiterhin Nominierungen sammelte – darunter für „Magnolia“, „There Will Be Blood“, „Inherent Vice“ oder „Licorice Pizza“ – aber nicht ausgezeichnet wurde. Diesmal stand der fünfundfünfzig Jahre alte Amerikaner gleich mehrfach selbst auf der Bühne. Nachdem er bereits in der Dankesrede für seinen Drehbuchpreis erzählt hatte, dass er den Film für seine Kinder gedreht habe, „um mich zu entschuldigen, dass wir ihnen eine so chaotische Welt hinterlassen“, blieb ihm am Ende mit dem Oscar für den „Besten Film“ in der Hand nur noch der überwältigte Blick ins Publikum: „Let's have a martini.“
