FAZ 16.09.2026
11:11 Uhr

Gewinn und Rendite: Deutsche Konzerne leiden unter einer gefährlichen Schwäche


Wer dürftige Gewinne einfährt, kann weniger in die Transformation investieren. Die fast chronische Gewinnmisere deutscher Unternehmen wird daher zur Überlebensfrage.

Gewinn und Rendite: Deutsche Konzerne leiden unter einer gefährlichen Schwäche

Die Zeitschrift „Fortune“ veröffentlicht jährlich die Liste der 500 größten Unternehmen der Welt. Diese Global 500 sind eine geeignete Messlatte für deutsche Großunternehmen, denn der Wettbewerb um Kunden, Talente, Lieferanten und Kapital ist global. Alle 500 Unternehmen erzielten im Geschäftsjahr 2025 zusammen 43,1 Billionen Dollar Umsatz und 3,39 Billionen Dollar Nettogewinn. Daraus ergibt sich eine Nettoumsatzrendite von 7,9 Prozent. Fortune spricht vom profitabelsten Jahr in der Geschichte der Global 500. Umso ernüchternder fällt der Blick auf Deutschland aus. Für den Ländervergleich habe ich nur die 17 Länder berücksichtigt, die mindestens fünf Unternehmen in den Fortune Global 500 haben. Die Nettoumsatzrendite ist gewichtet: Die Nettogewinne aller Unternehmen eines Landes wurden addiert und durch deren Gesamtumsatz geteilt. So erhält ein großer Konzern zu Recht ein höheres Gewicht als ein kleinerer. Deutschland kommt mit 28 Global-500-Unternehmen auf lediglich 4,3 Prozent Nettoumsatzrendite und landet auf Platz 16 von 17. Nur die Niederlande liegen mit 4,1 Prozent dahinter. Im Vergleich zur globalen Durchschnittsrendite von 7,9 Prozent verdienen die deutschen Großunternehmen pro 100 Euro Umsatz netto 3,60 Euro weniger als die Global 500 insgesamt. Die deutsche Gewinnmarge erreicht nur gut die Hälfte des Weltwertes. Besonders aufschlussreich ist der europäische Vergleich. Italien erreicht zehn Prozent, die Schweiz neun Prozent und das Vereinigte Königreich 8,3 Prozent. Auch Spanien mit 7,7 Prozent und Frankreich mit 6,3 Prozent liegen deutlich vor Deutschland. Von den sieben europäischen Ländern in der Rangliste schneiden fünf besser ab als Deutschland. Das Standardargument, die deutsche Gewinnschwäche sei im Wesentlichen eine Folge des amerikanischen Technologiebooms, greift deshalb zu kurz. Man muss nicht über den Atlantik schauen, um zu sehen, dass höhere Renditen möglich sind. Das aktuelle Ergebnis ist kein Ausrutscher. Schon für das Geschäftsjahr 2022 lag die Nettoumsatzrendite der deutschen Global 500 mit 4,1 Prozent um drei Prozentpunkte unter dem globalen Wert von 7,1 Prozent. 2021 betrug der Abstand 2,4 Prozentpunkte, 2020 waren es 2,5 Prozentpunkte. Jetzt ist die Lücke auf 3,6 Prozentpunkte angewachsen. Die Gewinnmisere hat sich verfestigt. Was sind die Ursachen? Eine wichtige Erklärung ist die Branchenstruktur. Deutschland ist stark in den Branchen Auto, Chemie, Maschinenbau und anderen kapitalintensiven Industrien, während hochprofitable digitale Geschäftsmodelle weniger Gewicht haben. Doch die Branchenstruktur erklärt eben nicht alles. Auch Italien, Frankreich und Spanien sind keine reinen Techökonomien und liegen dennoch vor Deutschland. Ein Blick in leidende Branchen Die Belastungen für deutsche Unternehmen zeigen sich am deutlichsten in der Autoindustrie. Die Pkw-Produktion in Deutschland liegt deutlich unter dem Niveau der Zeit vor der Corona-Pandemie, und im wichtigen Automarkt China geht Boden verloren. Gleichzeitig müssen deutsche Hersteller Milliarden in neue Plattformen, Batterietechnik, Software und Werke investieren, während bestehende Kapazitäten nicht voll ausgelastet sind. Handelskonflikte und höhere US-Zölle erhöhen den Druck zusätzlich. Dass Deutschland 2025 zugleich der zweitgrößte Produktionsstandort für Elektroautos weltweit war, zeigt: Es fehlt nicht schlicht an Technologie. Das Problem ist zunehmend die ökonomische Rendite der Transformation. Ähnlich bedrückend ist die Lage der Chemie. Die Energiekrise ist zwar nicht mehr auf ihrem Höhepunkt, aber der Standortnachteil bleibt. Seit Februar 2022 ist die Produktion der energieintensiven Industriezweige in Deutschland bis März 2026 um 15,2 Prozent gesunken. In der Chemie treffen hohe Energie- und Standortkosten zusätzlich auf schwache Nachfrage, globale Überkapazitäten und steigenden Importdruck. Das drückt die Marge von beiden Seiten. Es wäre dennoch zu einfach, die Verantwortung ausschließlich auf Energiepreise, Regulierung oder Politik zu schieben. In meinen früheren Analysen habe ich auf weitere Ursachen hingewiesen: zu starke Orientierung an Umsatz, Volumen und Beschäftigung, mangelnde Portfoliodisziplin, falsche Incentives und eine zu geringe Konsequenz bei Preis und Profitabilität. Diese Faktoren sind heute nicht weniger relevant. Gerade wenn die äußeren Bedingungen schwieriger werden, muss das Management umso konsequenter auf Profitabilität, Preise, Wachstum, Produktivität und Kapitalallokation achten. Natürlich braucht auch die Politik einen Kurswechsel. Deutschland benötigt international wettbewerbsfähige Energiepreise, schnellere Genehmigungen, weniger Bürokratie, verlässlichere Regulierung und attraktivere Bedingungen für Investitionen. Doch die europäischen Vergleichszahlen zeigen, dass Standortpolitik und Managementleistung zusammengehören. Unternehmen in Frankreich, Spanien und Italien unterliegen ebenfalls einem großen Teil der europäischen Regulierung und verdienen dennoch mehr. Die Konsequenzen der deutschen Gewinnschwäche sind gravierend. Gewinn ist nicht nur der Rest, der hoffentlich am Ende eines Jahres übrig bleibt. Gewinne sind die „Kosten des Überlebens“ und die wichtigste Quelle der Selbstfinanzierung. Gerade Automobil- und Chemieunternehmen müssen gewaltige Summen in Digitalisierung, Dekarbonisierung und neue Technologien investieren. Wer nur 4,3 Prozent verdient, während die Welt 7,9 Prozent erreicht, geht mit erheblich weniger eigener Kraft in diese Transformation. Niedrige Gewinne führen zu begrenzter Investitionsfähigkeit. Schwächere Investitionen verschlechtern wiederum die künftige Wettbewerbsposition. So entsteht ein gefährlicher Kreislauf. Gewinnmaximierung ist in Deutschland ein belasteter Begriff. Gewinnfähigkeit sollte es nicht sein. Ein Land, dessen größte Unternehmen dauerhaft zu den renditeschwächsten ihrer internationalen Vergleichsgruppe gehören, kann seinen Wohlstand nicht auf Dauer sichern. Die neue „Fortune“-Liste liefert deshalb keine Randnotiz für Finanzanalysten, sondern ein weiteres Warnsignal. Deutschlands Gewinnmisere ist nicht verschwunden. Im europäischen Vergleich ist sie deutlicher denn je. Hermann Simon ist Gründer und Ehrenvorsitzender der Unternehmensberatung Simon-Kucher und emeritierter BWL-Professor.