FAZ 31.07.2026
06:23 Uhr

Geschichte des Applauses: Zwangsklatschen gab es nicht nur unter Stalin


Kaiser Nero heuerte einst Claqueure an. Heute erhalten Opernsänger manchmal über eine Stunde Beifall – wovon Politiker wiederum nur träumen können. Judith Pietreck erzählt die Kulturgeschichte des Applauses.

Geschichte des Applauses: Zwangsklatschen gab es nicht nur unter Stalin

Willie Banks taucht in diesem Buch nicht auf. Dabei ist der frühere Dreispringer ein Pionier in diesem Feld: Wer den Amerikaner in den Achtzigerjahren bei Leichtathletikevents erlebte, der wurde Zeuge – und Akteur – einer Machtdemonstration des Händeklatschens. Dass er seine Randsportart zu einem Höhepunkt dieser Festivals machen konnte, verdankte Banks seinem Showtalent und ein paar betrunkenen Schweden. Vor jedem seiner Sprünge pflegte Banks nämlich dreimal rhythmisch in die Hände zu klatschen – eine Geste, die beim Meeting in Stockholm ein Zuschauergrüppchen kopierte. Mehrfach wiederholte sich das Schauspiel, bis schließlich bei Banks’ Auftritten das gesamte Stadion klatschte. Aus der Selbstmotivation war eine durch die Massen geworden. Bis zum Ende seiner Karriere durfte Banks jedes Mal in rauschendem Applaus anlaufen und sich davon in beachtliche Weiten tragen lassen, ein Ritual, von dem alsbald auch seine Mit- und Nachspringer profitierten. Auch die Sportfreunde Stiller tauchen in diesem Buch nicht auf. Dabei hat die Deutschpopband dem Klatschen einen eigenen Song gewidmet: „Applaus, Applaus“. Die Lyrics sind insofern kurios, als hier ein Einzelner einer Einzelnen applaudiert. Es handelt sich um eine Liebeserklärung, deren natürlicherer Ausdruck zum Beispiel ein Kuss wäre. Der Beifall hingegen braucht die Menge, um seine Wirkung zu entfalten, um zu rauschen und zu prasseln wie ein Lagerfeuer, nicht von ungefähr spricht man auch vom warmen Beifall; kalt kann er nicht sein, mit Ausnahme vielleicht vom höhnischen Applaus, den der soeben mit Gelb verwarnte Spieler dem Schiedsrichter spendet (was ihm in der Regel dann noch Rot einbringt). Von einer Menge wiederum wäre ein Kuss nicht zu leisten. Der Applaus, schreibt Judith Pietreck, lasse sich „als gestisches Kommunikationsmittel zwischen Bühne und Publikum“ dann auch „als Ersatz für tatsächlichen körperlichen Kontakt lesen“: Die Zuschauer wollten „die Figuren vor ihnen berühren, können die Distanz aber nicht überwinden und nutzen Klatschen als Ersatzhandlung“. Beim Konzert koreanischer Boybands dürfte das durchaus so sein, doch ob ein bisweilen rein mechanisch klatschendes Theaterpublikum die mit reichlich Make-up versehenen, verschwitzten Gestalten auf der Bühne wirklich so gern herzen würde? Pietrecks Band „Zwischen Klatschen und Klickzahl“ will „eine Kulturgeschichte der Publikumsgeste Applaus“ erzählen. Der Titel offenbart schon, dass die Autorin sich nicht beschränken möchte auf das Klatschen an sich, von ihr treffend definiert als „das mehrfache Zusammenschlagen der Hände, erst in seiner Wiederholung und seinem zeitlichen Verlauf lässt sich Beifall als solcher lesen“. Klatschen stellt laut Pietreck die „universalste und konstanteste Art des Publikumsfeedbacks“ dar: Sie „ist Kommunikation, sie ist Symbol, sie ist gemeinschaftsstiftend, sie ist rituell, sie ist ebenso performativ wie körperlich, sie drückt Emotionen aus und überträgt diese gleichzeitig“. Trotz alledem aber sei der Applaus in der Forschung bisher „absolut unterrepräsentiert“. Die Disziplinierung des Publikums Wann der Mensch als Zuschauer eines (Kultur-)Ereignisses damit begann, in die Hände zu klatschen, weiß allerdings auch Pietrecks Buch nicht. Vermutlich handele es sich „um ein urmenschliches Verhalten“, zu beobachten schon bei Kleinkindern. In der griechischen Mythologie taucht der Satyr Krotos auf, den der Gelehrte Karl August Böttiger „Klatschhand“ taufte: Er lauschte den Musen „und klatschte dann, wenn sie’s seiner Meinung nach am schönsten gemacht hatten“. Old Klatschhands Vorbild folgten Theaterbesucher im antiken Rom, schon damals teils massiv beeinflusst durch Claqueure, wie sie etwa in großer Zahl der narzisstische Nero anheuerte. Ausführlich legt Pietreck dar, wie das einst unbändige Publikum über die Jahrhunderte im Theater gesteuert und erzogen wurde, bis ihm irgendwann nur übrig blieb, zu applaudieren. Oder eben nicht. „Wenn alles rund läuft, stellt der Schlussapplaus eine Art Übergang zwischen theatraler Versenkung und Rückkehr in die reale Welt dar, sowohl für das Publikum als auch für die Darstellenden“, schreibt Pietreck. „Die Hierarchie verkehrt sich für einen Moment, und die Bühne empfängt, statt zu geben.“ Es gab aber immer auch Künstler, welche den Beifall verachteten, welchen die paar Momente Applaus als Lohn für ein monatelang in schwerster Geistesarbeit erschaffenes Werk allzu läppisch erschienen. Oder welche den Beifall gar fürchteten, weil ihr selbstloser Dienst an der reinen Kunst durch den Publikumszuspruch korrumpiert werden könnte. Je totalitärer die Politik, desto mehr wird geklatscht Geklatscht wird auch in der Politik – je totalitärer, desto toller. „Es steht zu befürchten, dass die Zeiten des Zwangsapplauses nicht mit Stalin gestorben sind. Dieses Eindrucks kann man sich beispielsweise nicht erwehren, wenn man Bilder der Feierlichkeiten zum 65. Jahrestag Nordkoreas von 2013 anschaut und den Empfang, der dabei Machthaber Kim Jong-un bereitet wurde“, stellt Pietreck fest. Ganz so weit hätte sie gar nicht schauen müssen: Auf deutschen Parteitagen spenden die Delegierten schließlich völlig freiwillig und doch unter schärfster Beobachtung den Hauptrednern Applaus, dessen Länge von den Medien penibel notiert wird. Bei Angela Merkel waren es 2005 gleich zweimal 13 Minuten. Ein immer noch magerer Wert gegen die 67 Minuten Beifall, die 1988 in Berlin Luciano Pavarotti erhielt. Der allerdings hatte vorher singen müssen. Dass Pietreck zum Abschluss „einen vorsichtigen Ausblick auf die Zukunft des Internets und seines Publikums wagen“ möchte, wirkt in einem Buch über Beifall nicht zwingend. Dabei hätte der Applaus selbst noch eine intensivere Betrachtung verdient. Der Applaus an der falschen Stelle, noch bevor der Schlussakkord ertönt, fehlt im Buch ebenso wie das quälende, etwa aus Talkshows bekannte Phänomen des einsamen Klatschens, welches, da niemand einstimmt, verschämt verebbt. Pietreck selbst weist darauf hin, dass auch eine vergleichende Analyse des Applauses in verschiedenen Kulturen noch aussteht. Für den ersten Schritt, den sie mit ihrem Buch getan hat, hat sie dennoch wohlwollenden Beifall verdient. Oder, wir sind ja im akademischen Milieu, respektvolles Klopfen aufs Pult. Judith Pietreck: „Zwischen Klatschen und Klickzahl.“ Eine Kulturgeschichte der Publikumsgeste Applaus. Transcript Verlag, Bielefeld 2026. 276 S., geb., 52,- €.